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Reportage aus Gaza-Stadt
Wo nur Gott oder Tramal helfen können
Nach acht Tagen Krieg zwischen der Hamas und Israel ist mit der Waffenruhe nun Zeit, die Schäden zu bewerten, die Bomben und Raketen angerichtet haben. Zwar sprechen alle Seiten von einem Sieg, aber zumindest bei seinem Besuch in Gaza-Stadt konnte unser Reporter keine Sieger entdecken.
Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv
Die Bergungsarbeiten in der Nasser-Straße sind noch nicht beendet. Durch die schmale Zeile in Gaza-Stadt schiebt ein Schaufelradlader immer neue Trümmer. Im Haus gegenüber, im Erdgeschoss hält Ahmed Mustafa Al Dalou Trauer. Ihm gehörte das Haus, dass die israelische Luftwaffe in eine Schutthalde verwandelt hat. Er hat Frau, Kinder und Enkel verloren. Und noch immer sind nicht alle Leichen geborgen: "Meine Kinder und Enkelkinder haben bei mir gewohnt. Sie waren für mich alles. Und auf einmal sind alle tot. Ist das die israelische Politik? Wo ist der Frieden? Wo ist die Gerechtigkeit? Wo ist die Demokratie?"
Ahmed zeigt mit der Hand auf den Jungen neben ihm: Sein Sohn Abdullah, 20 Jahre alt ist alles, was ihm geblieben ist. Das Piepen des Radlader durchbricht immer wieder die Trauer.
Markus Rosch (ARD) zur Lage in Gaza-Stadt
ARD-Morgenmagazin 07:00 Uhr, 23.11.2012
Hamas und Fatah in seltener Eintracht
Hamas und Fatah sind nach Eintreten der Waffenruhe vereint, das gibt es selten. Der Chef der Hamas-Regierung in Gaza, Ismail Hanija sagt, er widme den Sieg dem Hamas Gründer Scheich Ahmed Jassin und dem früheren Präsident Jassir Arafat.
Ibrahim, ein junger Palästinenser, versucht zu erklären, wovon Hanija da eigentlich spricht: "Wenn der Stärkere mit Waffen und allem seinen Willen nicht dem Gegner aufzwingen kann, dann ist das eine Niederlage. Aber wenn der Schwache standhaft bleibt und nicht nachgibt, dann ist das ein Sieg."
Ibrahim steht im Stadion von Gaza-Stadt. Die Haupttribüne ist zerbombt. Tiefe Krater haben Sand, Beton und Stahlträger verschlungen. Kinder finden grüne Baretts in all dem Schutt und setzen sie auf. "Natürlich hoffe ich, dass die Verhandlungen in Kairo jetzt etwas bringen", sagt Ibrahim, "aber ich fürchte, es passiert nichts."
Wer will denn noch an Sieger glauben - Gaza nach 8 Tagen Konfrontation
T. Teichmann, BR Tel Aviv
23.11.2012 09:38 Uhr
Familienausflug ins Trümmerfeld
Vom Stadion geht es weiter zur zerstörten Polizeistation und weiter zum Ruinenfeld der Zivilverwaltung. Viele Palästinenser sind gekommen, um sich das Trümmerfeld anzusehen. Ganze Familien schieben sich an Schuttbergen vorbei. Väter heben ihre Söhne in die Höhe, damit sie die noch immer qualmenden Trümmer überblicken können.
Es ist gerade so, als müssten sich die Palästinenser noch einmal selbst zeigen, was ihnen in den vergangenen Tagen geschehen ist. Beim Autohändler Abu Nasser hat die Druckwelle der Explosionen alle Scheiben zerschlagen. Den Schaden am Laden schätzt der Autohändler auf "500.000 Dollar". Abu Nasser übertreibt, vielleicht rechnet er bereits mit Entschädigung.
Keine Sieger nirgends
Aufbauen, Zerstören, Aufbauen, Zerstören. Wer wirklich glaubt, es gebe in dieser Nahost-Logik Sieger, der muss noch einmal in die Nasser-Strasse in Gaza kommen. Was bleibt Vater und Sohn Al Dalou nach dem Verlust der Familie: "Wir sind hier geboren, und wir bleiben hier. Das Land ist uns heilig. Und wir werden dafür kämpfen, bis es eine Lösung gibt und Gott unser Leben leichter macht."
Um bis dahin durchzukommen gibt es in Gaza Pillen. Tramal heißt das Schmerzmittel der Wahl. Die neueste Variante kommt aus Libyen und hat 400 Milligramm Wirkstoff. Normal sind 50 oder 100 Milligramm. Aber was bitte ist normal in Gaza?
Stand: 23.11.2012 09:22 Uhr
