Seitenueberschrift
Konflikt am Gazastreifen
"Entweder Gespräche oder Krieg"
Der Konflikt am Gazastreifen nimmt kein Ende: Immer wieder schlagen Granaten aus von der Hamas kontrolliertem Gebiet in Israel ein. Die israelische Armee reagiert mit Luftangriffen. Die Menschen im Grenzgebiet leben in ständiger Angst vor der Gewalt.
Von Peter Kapern, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv
Haim Yelin, der Bürgermeister der israelischen Gemeinde Eshkol, kann sich seine Verbitterung kaum noch verkneifen. Er berichtet, was die Einwohner seiner Gemeinde derzeit wieder durchmachen müssen. Als er von den Ereignissen der vergangenen Nacht erzählt, klingt mit Blick auf die Einwohner der israelischen Partymetropole Tel Aviv, die außerhalb der Reichweite der Hamas-Raketen liegt, Sarkasmus durch.
"Wir hatten im Landkreis Eshkol eine schlaflose Nacht und damit sind keine Tel Aviver Nächte gemeint. Ich wünschte, wir hätten hier Tel Aviver Nächte", berichtet er im israelischen Rundfunk.
Israels Regierung soll Gemeinden besser schützen
Niemand in Eschkol habe geschlafen, vor allem nicht die Kinder, erzählte Yelin. Er will damit auch Druck auf die israelische Regierung ausüben, endlich die Nachbargemeinden des Gazastreifens vor den seit einer Woche anhaltenden Angriffen zu schützen.
Mindestens zwei Geschosse waren allein in der vergangenen Nacht und am Morgen auf israelischen Gebiet eingeschlagen. Sie gingen in offenem Gelände nieder und richteten keine Schäden an, vor allem wurde niemand verletzt.
Die Kassam-Brigaden, der militärische Arm der im Gazastreifen regierenden Hamas, übernahmen die Verantwortung für die jüngsten Angriffe. Sie seien eine Vergeltung für die fortgesetzte Aggression Israels, sagte ein Sprecher. Damit meinte er die israelischen Luftangriffe von Sonntag, bei denen ein Hamas-Kämpfer getötet und ein weiterer verletzt worden war.
Spannungen an der Grenze
Israel hatte damit auf die vorangegangenen palästinensischen Angriffe reagiert. So geht das nun seit einer Woche, seit die Spannungen an der Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Israel eskalierten. Seither seien mehr als 600 Geschosse aus dem von der Hamas kontrollierten Gebiet in Israel eingeschlagen, teilte ein israelischer Militärsprecher mit.
Nach Angaben der Hamas wurden bei israelischen Luftangriffen seither neun Kämpfer getötet und 14 weitere verletzt. Ein informeller Waffenstillstand, der von Ägypten vermittelt worden war, hatte nur zwei Tage lang gehalten.
Eskalation im Gazastreifen
P. Kapern, ARD Tel Aviv
29.10.2012 18:22 Uhr
Die Eskalation beschäftigt die israelische Regierung im gerade angelaufenen Wahlkampf. Am 22. Januar werden Parlamentswalen abgehalten, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird sich auch daran messen lassen müssen, was er für die Menschen in den Grenzgemeinden zum Gazastreifen unternimmt. Vor wenigen Tagen hatte er noch mit einer möglichen Militärintervention im Gazastreifen gedroht. Gestern hatte seine Regierung bei der wöchentlichen Kabinettssitzung aber zunächst einmal beschlossen, die Häuser der Menschen, die in der Nähe der Grenze wohnen, besser gegen die Angriffe zu sichern.
"Entweder Gespräche oder Krieg"
Für ein Sofortprogramm, mit dem wieder einmal Dächer befestigt und Schutzräume gebaut werden sollen, will die Regierung 270 Millionen Schekel, umgerechnet gut 50 Millionen Euro, mobilisieren. Noch ist aber unklar, aus welchem Etat genau das Geld kommen soll. Und das ärgert Haim Yelin, den Bürgermeister von Eshkol: "Der Streit um den Haushalt muss aufhören, denn hier geht es um das Leben unserer Kinder und um das Leben der Alten, die nicht rechtzeitig in die Schutzräume gelangen. Die Hamas wartet nicht auf Regierungsentscheidungen. Sie beschießt uns weiterhin zu Zeiten des Unterrichts und zu den Zeiten, an denen an denen sie Kindern und Alten Schaden zufügen kann. Es sind mutige Entscheidungen gefordert: Entweder Gespräche oder Krieg."
Ein härterer Vergeltungsschlag Israels ist in der Tat nicht auszuschließen. Aus dem Gazastreifen heißt es, die israelische Luftwaffe habe Flugblätter abgeworfen mit der Aufforderung, sich von Einrichtungen der Hamas fern zu halten. Das könnte ein Hinweis auf bevorstehende, umfangreichere Angriffe der israelischen Luftwaffe sein
Stand: 29.10.2012 20:16 Uhr
