Palästinenser beim Wiederaufbau eines Schmuggler-Tunnels | Bildquelle: REUTERS

Versorgung des Gazastreifens Steht das profitable Tunnelgeschäft vor dem Aus?

Stand: 24.11.2012 10:50 Uhr

Die Tunnel zu Ägypten versorgen den Gazastreifen. Das soll sich nach dem Willen Israels und der Hamas bald ändern: Die einen wollen die Tunnel schließen, die anderen Freihandel mit Ägypten. Aber viele profitieren von den Tunneln - und damit von der Blockade.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Der Eingang zum Tunnelschacht ist betoniert. Insgesamt 700 Meter lang, vier Meter tief unter der Erde. Die Röhre verbindet das Viertel Brazil in Rafah mit Ägypten. Abu Mohamed zeigt auf einen Sandhaufen neben dem Eingang. Dort habe eine sechs Meter lange israelische Rakete in der Tiefe gesteckt. "Die Rakete ist dort eingeschlagen, hat ein Loch von einem Meter Durchmesser und sechs Metern Tiefe gerissen. Dann kamen die Sprengstoffexperten und haben gesagt, die ist noch nicht explodiert. Aber Nachbarn erzählen, doch die ist explodiert. Also haben wir sie zugeschüttet."

Seit die Gefahr aus dem Blick ist, läuft der Transport durch den Tunnel wieder - so wie auch in den Tagen der israelischen Militäroperation. Gerade sind Krebse, gekühlt in weißen Styroporboxen aus Ägypten auf palästinensischer Seite angekommen.

Steht das profitable Tunnelgeschäft vor dem Aus?
T. Teichmann, ARD Tel Aviv
24.11.2012 10:55 Uhr

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Die Tunnel sind der Hauptversorgungsweg

Die Tunnel sind seit der Abriegelung des Gazastreifens durch Ägypten und Israel der Hauptversorgungsweg: Benzin, Tiere, Lebensmittel und Waffen kommen illegal durch sie hindurch. Tunnelgeschäftsmänner und die Hamas-Regierung kassieren mit.

Nun will Israel bei den Verhandlungen über eine langfristige Waffenruhe mit US-Hilfe ein Ende des Waffenschmuggels durchsetzen. Die Hamas verlangt in Kairo ein Ende der Blockade und eine Freihandelszone mit Ägypten. So unterschiedlich beide Wünsche sind, sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie wären das Ende für Gazas Tunnelwirtschaft. Es geht um Geld, Einfluss und Macht.

Bei Doktor Mahfus Osman treffen sich einige Männer aus Rafah nach dem Freitagsgebet. Sie ziehen ihre Schuhe aus, lagern sich auf Sofakissen, trinken Tee und sprechen über die vergangenen Tage. Einer von ihnen ist Fader Ordwan. Er ist Geschäftsmann, handelt sogar mit China. Doch auch seine Waren kommen zum Schluss durch die Tunnel. Nicht mehr lange, sagt er, wenn sich die Grenzen öffnen sollten. "Diese Tunnelgeschäftsmänner müssen dann umstellen. Sie können in der Freihandelszone arbeiten. Oder sie machen Geschäfte mit Israel. Die Abriegelung war ein großer Fehler von Israel. Denn ohne Blockade hätten wir auch nicht die Tunnel gebraucht."

Etabliertes Provisorium

Nun gab es auch vor der Abriegelung schon den Vorwurf, Palästinenser würden Waffen durch Tunnel schmuggeln. Aber noch wichtiger ist die Frage: Lässt sich das Rad so einfach zurückdrehen? Die Tunnel sind Teil des wirtschaftlichen Kreislaufs geworden.

In Rafah gibt es mittlerweile eine Art Zollterminal der Hamas: Containerbüros, ein Wetterschutz und eine Waage. Im Regen erzählt ein Palästinenser, dass Waren aus einem der Tunnel auf die Waage kommen. Der Händler bekommt an verschiedenen Schaltern Belege, Stempel und bezahlt Geld. Anschließend kann er seine Ware bei der Polizei auslösen.

Kommen die Waren irgendwann oberirdisch?

Kämen die Waren über der Erde nach Gaza, müsste die Hamas ihre Einnahmen wieder mit der palästinensischen Autonomiebehörde teilen. Ist sie dazu bereit? Lassen sich die Tunnelarbeiter, Transportunternehmer und Tunnelbesitzer verdrängen? Abu Mohamed vom Tunnel in Rafah sagt, es werde gar nicht so weit kommen. Die Ägypter werden keinen kommerziellen Grenzübergang zulassen, meint er: "Denn die Regierung und das Militär haben Angst, Israel wolle den Gazastreifen loswerden. Aber Israel ist Besatzer und soll die Verantwortung für Gaza übernehmen."

"Besatzung von außen" nennen israelischen Menschenrechtsorganisationen die gegenwärtige Politik der Abriegelung und Kontrolle. Sollte die israelische Regierung die Blockade aufheben, fürchtet Abu Mohamed aber auch nicht um seine Geschäfte: Die Waren aus Ägypten ließen sich dann immer noch günstiger verkaufen.

Dieser Beitrag lief am 24. November 2012 um 07:20 Uhr auf NDR Info.

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