Al-Ahly-Fans in Kairo | Bildquelle: AFP

Ein Jahr nach dem Blutbad in Port Said Kairoer Ultras kämpfen weiter gegen die Generäle

Stand: 01.02.2013 12:38 Uhr

Das Blutbad in Port Said vor einem Jahr gilt als der schlimmste Vorfall in der Geschichte des ägyptischen Fußballs: 74 Menschen wurden dabei getötet. Die meisten von ihnen Fans des Kairoer Clubs al-Ahly. Auch ein Jahr nach den Krawallen kämpfen die Ultras weiter für die Bestrafung der Täter.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Das Fußballspiel endet in einem Blutbad: 3:1 siegt der Gastgeber in Port Said gegen den Verein al-Ahly aus Kairo. Nach dem Abpfiff stürmen Fans der Heimmannschaft aus Port Said den Platz und jagen Fans und Spieler aus Kairo. 74 Menschen werden getötet - tot getrampelt oder mit Messern, Knüppeln, Brechstangen umgebracht. Das Blutbad vor einem Jahr gilt als das schlimmste in der Geschichte des ägyptischen Fußballs.

Ausschreitungen in Port Said | Bildquelle: REUTERS
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Die Spieler des Vereins al-Ahly mussten in Port Said unter Polizeischutz flüchten.

Gleich nach den brutalen Ereignissen im Stadion von Port Said wird der Vorwurf laut, die Sicherheitskräfte hätten die Angreifer auf Geheiß alter Regimegrößen nicht gestoppt. Denn: Die meisten Toten und Verletzten gehören den Ultras Ahlawy an. "Die Ultras sind die Anführer der Revolution gegen Diktator Hosni Mubarak gewesen."

Der junge Mann, der das sagt, nennt sich selbst Schin Goma, ist 21 Jahre alt und gehört zu den Ultras Ahlawy. Er sitzt in einem Café am Tahrir-Platz und erzählt von seinem Fan-Club.

Oft Prügeleien mit der Polizei

Zu Zeiten des Mubarak-Regimes gehörten Fußballstadien zu den wenigen Orten, in denen Ägypter ihre Wut gegen das System herausschrien und deshalb oft in Prügeleien mit den Sicherheitskräften des Regimes verwickelt wurden.

"Als die Kämpfe begannen, waren wir immer ganz vorn auf dem Tahrir, 2011 während der Revolution, weil wir die Erfahrung hatten", berichtet Goma. "Wir hatten uns bei Fußballspielen zuvor schon immer mit der Polizei geschlagen. Es war nichts Neues für uns."

Die Ultras Ahlawy hatten 2011 die friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz geschützt. Aus Rache dafür, so Schin Goma, hätten im Stadion von Port Said die Sicherheitskräfte nicht eingegriffen.

21 Todesurteile für die Schläger von Port Said

Einige Beamte wurden wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Mehr als sechzig Schläger müssen sich wegen Todschlags, Körperverletzung und illegalen Waffenbesitzes vor Gericht verantworten. Und zum Abschluss eines ersten Verfahrens wurden auch erst kürzlich 21 Todesurteile gesprochen.

Angehörige der bei den Krawallen Getöteten jubeln über das Todesurteil. | Bildquelle: AFP
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Angehörige der Opfer jubeln über 21 Todesurteile für die Verursacher der Krawalle von Port Said.

Aber dazu sagt Schin Goma, der mit zwei der Toten von Port Said befreundet war: "Ich denke, dass das Quatsch ist. Denn worüber sprechen wir? Die Angeklagten sind alle normale Leute. Nicht die Wichtigen, wie Tantawi."

Feldmarschall Hussein Tantawi war Vorsitzender des Obersten Militärrates, der nach dem Abgang Mubaraks die Macht in Ägypten übernahm - und damit die Verantwortung für die Sicherheit im Land. In Port Said aber seien Tantawi und der Militärrat dieser Verantwortung nicht gerecht geworden, sagt Goma.

"Ich will lieber als Mann sterben"

Das sagen aber auch andere Ägypter. Und deshalb wandten sich die Ultras Ahlawy nach dem Blutbad vor einem Jahr auch gegen die Generäle. Fortan waren sie an allen größeren Auseinandersetzungen beteiligt. Shin Goma wurde dabei mehrfach verhaftet und verletzt.

Fußball Ägypten Gewalt Port Said Kairo | Bildquelle: REUTERS
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Die Ultras des Fußballklubs al-Ahly kämpfen immer noch für die Bestrafung der Täter.

Vergangenen April durchschlug eine Gewehrkugel seine Stirn am Haaransatz. Die immer noch rosige Narbe werde ihn immer daran erinnern, dass er Glück im Unglück hatte, weil sie herausoperiert werden konnte. "Sie haben mir den Schädel geöffnet, um die Kugel herauszuoperieren. Und hier, an der Stirn, habe ich noch zwei Schrot-Geschosse", sagt Goma.

Die Ultras Ahlawy gehen nach wie vor auf die Straße, schlagen sich mit Sicherheitskräften und wollen erst damit aufhören, wenn Mohammed Mursi, der mit seiner Wahl zum Präsidenten Ägyptens Feldmarschall Tantawi als Staatsoberhaupt ablöste, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht.

Sie wollen Gerechtigkeit für die 74 Toten von Port Said. Angst haben die Ultras dabei offenbar nicht. "Wir sagen: 'Ich kann als Mann sterben oder als Sklave weiterleben.' Ich will lieber als Mann sterben."

Dieser Beitrag lief am 01. Februar 2013 um 05:30 Uhr auf NDR Info.

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