Interview

Fukushima nach der Katastrophe: Miyagi | Bildquelle: dpa

Nach Reaktorkatastrophe in Japan "Dann strahlt nur noch dein Grab"

Stand: 10.03.2016 16:20 Uhr

In die Nähe von Fukushima kehren nur noch die Alten zurück, berichtet ARD-Korrespondent Jürgen Hanefeld im Gespräch mit tagesschau.de. Dass die Region bald wieder zurück zur Normalität finden könnte, hält er für ausgeschlossen.

tagesschau.de: Wann waren Sie das letzte Mal in Fukushima?

Jürgen Hanefeld: Ich war vor drei Wochen zuletzt dort. Nicht direkt am Kraftwerk, sondern in einem Ort namens Naraha in der Gefahrenzone. Naraha wurde im vergangenen Herbst als erster Ort zur Wiederbesiedlung freigegeben. Ich wollte wissen, wie viele Menschen dorthin zurückkehren. Von den ursprünglich 7400 Einwohnern sind es gerade einmal 440 - ungefähr sieben Prozent.

Es sind ausschließlich alte Menschen, die nach Naraha zurückziehen. Sie wollen in ihrer Heimaterde begraben werden. Junge Familien hingegen wollen nicht zurück. Trotzdem werden sie derzeit mit Bussen dorthin gekarrt. Man will dafür sorgen, dass sie sich wieder ansiedeln. Aber für sieben von zehn Familien kommt das überhaupt nicht in Frage.

alt Jürgen Hanefeld | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann

Zur Person

Jürgen Hanefeld ist seit September 2013 Korrespondent im ARD-Studio in Tokio. Zuvor berichtete er bereits aus Singapur und Amman. Aus der Gefahrenzone um Fukushima berichtete er in den vergangenen Jahren immer wieder.

Das hat dramatische Auswirkungen. Bäuerlichen Familien, von denen es in der Präfektur Fukushima viele gab, leben traditionell mit drei oder vier Generationen unter einem Dach. Die sind jetzt total auseinandergerissen. Ich habe mit einer Familie gesprochen, die heute statt unter einem Dach an vier verschiedenen Orten über ganz Japan verteilt lebt.

tagesschau.de: Wie sieht es fünf Jahre nach der Katastrophe in der Gefahrenzone aus?

Hanefeld: Bisher wurden nur einige Straßen wieder freigegeben. In den Ortschaften sieht es heute fast noch schlechter aus als vor fünf Jahren. Überall wächst Gras über die verlassenen Häuser. Es sieht aus wie eine alte Wüste. Naraha ist die Ausnahme. Diesen Ort will man anscheinend zum Musterdorf herrichten, indem man dort investiert. Man hat eine neue Mittelschule und einen neuen Spielplatz gebaut - aber es gibt keine Kinder. Im ebenfalls neugebauten Gemeindezentrum trifft man außer der Sekretärin auch niemanden an. Der Rest des Ortes besteht aus leeren, verfallenen Häusern. Daraus soll nun wieder eine lebendige Gemeinde werden. Ich glaube, so schnell wird das nicht gelingen.

Fünf Jahre nach der Katastrophe von Fukushima
tagesthemen 22:15 Uhr, 10.03.2016, Uwe Schwering, ARD Tokio

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tagesschau.de: Mit welchem Gefühl reisen Sie nach Fukushima?

Hanefeld: Ich habe mich natürlich im Vorfeld informiert. Die Strahlung ist nicht sehr gefährlich, wenn man sich nur stundenweise oder auch mal zwei oder drei Tage in diesem Gebiet aufhält. Denn die Radioaktivität sammelt sich über die Zeit im Körper an. Wenn mich allerdings eine japanische Familie mit Kindern fragen würde, ob sie dort wohnen soll, würde ich sagen: Um Gottes Willen nein!

tagesschau.de: Wie gehen die Menschen vor Ort mit der Radioaktivität um?

Hanefeld: Für sie spielt das Thema Verstrahlung keine Rolle mehr. Dafür sind sie zu alt. Das klingt vielleicht zynisch, aber es ist tatsächlich so. Ich habe mit mehreren älteren Damen und Herren gesprochen. Sie sagen zu recht: Uns macht es nichts mehr aus. Experten haben mir gesagt: Jenseits der 45 ist es nicht mehr so schlimm - dann strahlt nur noch dein Grab.

tagesschau.de: Was ist aus den vielen anderen Menschen geworden, die das Gebiet nach der Katastrophe verlassen mussten?

Hanefeld: Das Gebiet wurde vor fünf Jahren Hals über Kopf evakuiert. Die Menschen wurden irgendwo hingeschickt, in irgendwelche Notunterkünfte und Wohncontainer. Die Allermeisten sind daraufhin einfach weggezogen - vor allem die jungen und aktiven. Sie leben heute über das ganze Land verteilt und werden auch nicht zurückkommen. Es gibt in dieser Region keine Arbeitsplätze mehr für sie. Außerdem ist mit Sicherheit noch Strahlung vorhanden. Dekontaminiert wurden nur die Hauptstraßen und einige Gebäude, aber nicht die Wälder und Wiesen der Region. Ich würde mit meiner Familie auch nicht in eine Gegend ziehen, wo ich den Kindern sagen müsste: Bleibt bloß im Haus, draußen strahlt alles.

Dekontaminationsarbeiten im Juli 2015 im japanischen Nahara | Bildquelle: AFP
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Dekontaminationsarbeiten im Juli 2015 im japanischen Nahara

tagesschau.de: Gibt es Pläne, die Gegend vollständig zu dekontaminieren?

Hanefeld: Nein. Das ist auch vollkommen unmöglich. Die Präfektur Fukushima ist eine ländliche Region gewesen. Sie bestand vor allem aus idyllischen Wäldern und Wiesen. Die zu säubern, ist unmöglich. Man kann nur abwarten. Die Halbwertzeit des radioaktiven Isotops Caesium 137, das die Gegend um Fukushima verstrahlt hat, beträgt 30 Jahre. So lange muss man warten, bis die Strahlung wieder nachlässt.

tagesschau.de: Wen machen die Menschen für das Unglück verantwortlich?

Hanefeld: Diese Frage habe ich in jedem Interview gestellt. Es ist erstaunlich: Nur ganz wenige Menschen geben die Schuld der Regierung oder dem Kraftwerkbetreiber Tepco. Die häufigste Antwort ist: Es war Karma, es war Schicksal. Das ist sehr japanisch. Es gibt den Ausdruck Shoganai. Das bedeutet: Da kann man nichts machen. Aber er hat einen sehr traurigen Unterton.  

Der Ort Naraha im Frühjahr 2012... | Bildquelle: REUTERS
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Der Ort Naraha im Frühjahr 2012...

Blick auf den Ort Naraha in der Präfektur Fukushima Februar 2016. | Bildquelle: REUTERS
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...und heute

tagesschau.de: Hat die Katastrophe Japan verändert?

Hanefeld: Ja und nein. Die Haltung der Regierung pro Atomkraft hat sich verfestigt. Sie sagt, Japan könne nach dieser Katastrophe bessere Atomkraftwerke bauen als jedes andere Land, weil sie daraus gelernt habe. Die Regierung will nicht nur ihre eigenen Meiler wieder ans Netz bringen, sondern sie auch ins Ausland verkaufen - etwa nach China oder Ungarn.

Die große Mehrheit der Bevölkerung ist seit der Katastrophe hingegen strikt gegen die Atomkraft. Das sagen heute 60 bis 70 Prozent. In dieser Woche sollte das Kraftwerk Takahama wieder ans Netz gehen. Das ist aber am Protest der Bürger und letztendlich an einer Gerichtsentscheidung gescheitert.

tagesschau.de: Hat sich in Japan also eine richtige Anti-Atomkraft-Bewegung gebildet?

Hanefeld: Das nicht. In Japan hat bis vor fünf Jahren niemand den Wunsch geäußert, man müsse aus der Kernenergie aussteigen. Bis auf ein paar Außenseiter fanden alle Atomkraft gut - weil sie vermeintlich sauber ist, kein Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst und weil Japan keine eigenen fossilen Brennstoffe hat. Eine landesweite Anti-Atomkraft-Bewegung hat es deshalb nie gegeben und gibt es im Vergleich zu Deutschland auch heute nicht. Was es jedoch heute gibt, ist lokaler Protest überall dort, wo ein Atomkraftwerk wieder ans Netz gebracht werden soll. Die Menschen haben Fukushima und die Folgen noch gut vor Augen.

tagesschau.de: Was bringt die Zukunft für Fukushima?

Hanefeld: Ich fürchte, erstmal kann sich das Gebiet um Fukushima nicht wieder entwickeln. In einem Radius von 20 Kilometern um den Katastrophenmeiler ist das Gebiet schlicht unbewohnbar. Das ist sehr traurig, aber das ist die Folge dieses schrecklichen Unfalls. Selbst der Betreiber des Kraftwerks, die Firma Tepco, sagt: Wir brauchen mindestens 40 Jahre, um diese Ruine abzureißen. Es ist dort ein Problem für Jahrzehnte, Greenpeace sagt Jahrhunderte, entstanden. Allerdings ist es lokal begrenzt. Im Umkreis der Ruine gedeiht nichts mehr, aber 60 Kilometer weiter, in der Großstadt Iwaki, leben nach wie vor viele Menschen und werden dort auch weiter leben.

Das Interview führte Julian Heißler, tagesschau.de

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