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Erbitterter Wahlkampf
Le Pen gegen Melenchon - Duell der Fallschirmspringer
Bei der Präsidentschaftswahl haben mehr als sechs Millionen Franzosen der rechtsextremen Le Pen ihre Stimme gegeben. Nun will sie ins Parlament einziehen. Doch im Städtchen Hénin-Beaumont hat sie einen erbitterten Rivalen: den Linkspopulisten Melenchon - wie sie ein politischer "Fallschirmspringer".
Von Daniela Kahls, MDR-Hörfunkstudio Paris
Die alte Kirche in der Kleinstadt Hénin-Beaumont ist mit einem Baugerüst umstellt, doch Bauarbeiter sind keine zu sehen. Über den kleinen Platz vor der Kirche schleicht ein schlecht rasierter Rentner, vorbei an einem Kebab-Restaurant und einem offenbar pleite gegangenen Schönheitssalon.
Die Taxifahrerin Martine bestätigt, was man auf den ersten Blick spürt, wenn man in dieser ehemaligen Bergarbeiterstadt unterwegs ist. Die Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent hängt wie eine muffige Decke über der Kleinstadt in der Nähe von Lille. Auch die meisten Kunden von Martine sind Arbeitslose: "Das sind die Leute, die Familienbeihilfen bekommen. Wenn die einmal im Monat ihren Großeinkauf machen, können sie halt nicht mit dem Bus nach Hause."
Die 26.000-Seelen-Stadt hat nichts vom Bilderbuch-Frankreich. Die Häuser sind geduckt und schmucklos - und doch sind im Moment Journalisten aus aller Welt hier. "Hénin-Beaumont, derzeit europäische Informationshauptstadt", sagt deshalb der 70-jährige Bürgermeister Eugene Binaisse bei der Vorstellung.
Front National vor dem Durchbruch in Nordfrankreich?
07.06.2012 02:49 Uhr
Korruption - für den Front National ein dankbares Wahlkampfthema
Dass die Kleinstadt in Nordfrankreich derzeit so im Mittelpunkt steht, hat mit dem Vorgänger von Monsieur Binaisse zu tun. Diesem wird nämlich gerade der Prozess gemacht, weil er als Bürgermeister Millionen veruntreut und ein ganzes Korruptionssystem installiert haben soll.
Für den Front National in der Region ein dankbares Thema, räumt auch Laurent Brice, der Generalsekretär des hiesigen FN ein: "Dem Front National ist es gelungen, sich als wichtigste Kraft gegen die Machenschaften der regionalen Sozialisten zu etablieren. Seit Jahren haben wir deshalb den Slogan 'Gegen die sozialistische Mafia', weil wir deren Verhalten anprangern."
Eine hohe Arbeitslosigkeit und Korruption der bisher Regierenden - die Mitgliederzahlen des Front National im Pas-de-Calais explodieren förmlich. 2500 Mitglieder sind es jetzt in dem Departement im äußersten Norden Frankreichs. Die Parteichefin Marine Le Pen hat das Potential erkannt.
Per "Fallschirm" ins Parlament
Sie kandidiert genau hier für ein Parlamentsmandat, obwohl sie gar nicht aus der Region kommt und auch nicht hier lebt. "Parachutage" nennt sich das in Frankreich, wörtlich "Fallschirmabsprung". Le Pen scheint erfolgreich in Hénin-Beaumont abgesprungen zu sein, bei der Präsidentschaftswahl kam sie hier auf 35 Prozent der Stimmen.
Und wenn sie jetzt im kleinen Festsaal auftritt, dann hat sie die Menschen mit ein paar Worten auf ihrer Seite: "Vielen Dank meine Freunde! Was für eine Freude! Ihr wisst, ich absolviere viele Auftritte im ganzen Land, aber nirgendwo gibt es so eine Stimmung, habe ich so eine Beziehung zu den Menschen."
Die Chancen, dass Marine Le Pen mit den Stimmen der Menschen aus dem Pas-de-Calais in die Nationalversammlung einziehen kann, stehen gut. Das wäre für die Rechtsextremen ein Durchbruch, denn seit 26 Jahren gab es keine Abgeordneten des Front National im Parlament. Einzig Jean-Luc Melenchon könnte dem noch in die Quere kommen. Er ist ein in Frankreich bekannter und charismatischer Linkspopulist. Auch er kandidiert als Ortsfremder, als "Fallschirmspringer", in Hénin-Beaumont, um Le Pen das Feld nicht kampflos zu überlassen.
"Die Bürger sind es leid, ständig interviewt zu werden"
Diese beiden Kandidaten liefern sich in der nordfranzösischen Kleinstadt einen exemplarischen, politischen Kampf. Sehr zum Leidwesen des Bürgermeisters Binaisse: "Für Hénin-Beaumont würde ich mir wünschen, dass das in Toulouse stattfindet. Da ginge es uns besser. Denn mit dieser ganzen Berichterstattung wird uns doch ein Unrecht angetan. Die Bürger sind es leid, ständig interviewt zu werden und auf dem Markt die Kameras zu sehen, das ermüdet uns."
In rund zwei Wochen sind die Parlamentswahlen vorbei. Sollte dann Hénin-Beaumont für einen historischen Erfolg des Front National gesorgt haben, werden die Kameras und Journalisten so schnell nicht vom Marktplatz verschwinden.
Stand: 07.06.2012 03:39 Uhr
