Menschen stehen während des Gottesdienstes im Friendship Park an dem dichten Zaun | Bildquelle: N. Markwald/ ARD

Grenze zwischen USA und Mexiko Am Zaun vereint - am Zaun getrennt

Stand: 09.03.2017 05:19 Uhr

Der "Friendship Park" am Grenzzaun bei San Diego: Für viele ist er die einzige Möglichkeit, mit Familienmitgliedern oder Freunden auf der mexikanischen Seite zu sprechen. Maria Teresa Fernandez fotografiert diesen Ort und erzählt, wie er sich über die Jahrzehnte verändert hat.

Von Nicole Markwald, ARD-Studio Los Angeles

Pastor John Fanistil führt durch den sonntäglichen Gottesdienst im "Friendship Park" südlich von San Diego. Auf der anderen Seite des Grenzzauns steht sein mexikanischer Kollege mit einer Gitarre.

Pastor John Fanistil steht während des Gottesdienstes mit einem Mikrofon direkt am Zaun | Bildquelle: N. Markwald/ ARD
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Pastor John Fanistil beim Gottesdienst im Friendship Park.

Der Zaun ist so engmaschig, dass Fanistil beim Abendmahl keine Oblate durch den Zaun reichen kann. So will es der Grenzschutz. Bis zum Pazifik sind es nur wenige Meter. Das Meer rauscht an diesem Tag besonders laut.

Der Grenzzaun südlich von San Diego reicht bis in den Pazifik hinein | Bildquelle: N. Markwald/ ARD
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Der Grenzzaun südlich von San Diego reicht bis in den Pazifik.

Daniel ist heute in den "Friendship Park" gekommen, wie jeden Sonntag in den zurückliegenden acht Monaten. Nicht zum Gottesdienst - er ist hier, um seine Frau und seine beiden Kinder zu sehen, die auf der mexikanischen Seite leben.

"Die ganze Woche über fühle ich mich sehr einsam", erzählt der 30-Jährige. "Sie hier zu sehen und zu sprechen, hilft mir, weiterzumachen."

Er sitzt in einem Campingstuhl nach vorn an den Zaun gebeugt, presst sein rechtes Ohr gegen das Metall. Daniel ist Amerikaner mexikanischer Abstammung, er arbeitet auf dem Bau. Wegen Problemen mit seinen Papieren kann er momentan nicht ausreisen. Seine mexikanische Frau hat nicht die nötigen Papiere, um in die USA einzureisen. Deshalb trifft sich die Familie seit Monaten jeden Sonntag hier am Zaun.

"Ich freue mich, sie zu sehen", sagt er, "aber es ist anders, als ich erwartet habe. Ich dachte, ich könnte sie anfassen oder meiner Frau einen Kuss geben. Aber der Zaun ist so engmaschig, dass das alles nicht geht, keine Umarmung, kein Kuss."

Früher gab es den Zaun nicht

Das war mal anders, erzählt Maria Teresa Fernández. Seit Jahren fotografiert die gebürtige Mexikanerin die Familientreffen im "Friendship Park".

"Früher gab es diesen Zaun nicht", sagt sie. "Die Familien aus Mexiko kamen mit Kühlboxen, Sonnenschirmen und Stühlen, brachten Tacos und Shrimp-Cocktails mit. Die Familien auf der US-Seite brachten Geschenke, und man verbrachte den Nachmittag zusammen. Es war so, als wäre die Grenze zwischen ihnen gar nicht da."

Als der Park 1971 gegründet wurde, gab es gar keine Grenzbefestigung. Später wurden Stelen errichtet, kleine Kinder schlüpften zum Spaß von der einen auf die andere Seite, die Erwachsenen konnten sich die Hände reichen, einander übers Gesicht streichen, Küsse austauschen.

"Das ist es, was sie wollen", sagt Fernández: "Den anderen spüren, anfassen, riechen. Aber das geht hier nicht mehr. Ich kann ihnen nicht helfen, ich kann einfach nur für sie da sein und sie umarmen. Ich bin zwar nicht die Person, die sie umarmen wollen, aber es ist immerhin etwas. Es gibt ihnen das Gefühl, dass sie nicht allein sind."

Lediglich die Fingerspitzen können einander berühren

2009 wurde der Park ganz geschlossen, ein zweiter, höherer Zaun wurde gebaut, der "secondary fence". Lichtmasten wie im Fußballstadion wurden aufgestellt, dazu Türme mit Wärmebildkameras. Ein Wagen des Grenzschutzes ist immer in der Nähe.

Auf der US-Seite des Parks herrscht Nüchternheit: Seit 2012 wird der "Friendship Park" nur am Wochenende für jeweils vier Stunden geöffnet; maximal 25 Personen dürfen sich darin aufhalten; es ist verboten, Geld, Lebensmittel oder Dokumente durch den Zaun auf die andere Seite zu reichen. Die Maschen sind so eng, dass sich lediglich die Fingerspitzen durch den Zaun berühren können. "Pinky kiss" nennen sie das hier: Kuss der kleinen Finger.

Die Fingerspitzen von zwei Menschen berühren sich durch den dichten Zaun zum sogenannten "Pinky Kiss" | Bildquelle: N. Markwald/ ARD
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"Pinky Kiss": der Kuss der Fingerspitzen.

Und es fließen Tränen - Tränen des Glücks und der Verzweiflung. Pastor John Fanistil sagt: "Viele Familien beschreiben ihre Zeit hier als bittersüß: Es ist sehr traurig, aber auch schön, endlich wiedervereint zu sein, einander mit den Fingerspitzen zu berühren. Manche sind weit gereist, oft sind viele Jahre vergangen, bis sie die Möglichkeit fanden, sich hier wiederzusehen."

Symbol der Trennung: Familientreffen im Friendship Park
N. Markwald, ARD Los Angeles
06.03.2017 15:00 Uhr

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