Animation des fertig gestellten unterirdischen Friedhofs in Jerusalem

Aus Platzmangel Unterirdische Stadt für Jerusalems Tote

Stand: 29.01.2018 03:07 Uhr

Bis 2050 leben in Israel doppelt so viele Menschen wie heute. Damit steigt auch die Zahl der Toten. Da die Verstorbenen im jüdischen Glauben in ewigen Gräbern bestattet werden, entstehen nun Friedhöfe im Untergrund.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Har Hamenuchot, auf Deutsch: der Berg der Ruhenden, ist der größte Friedhof von Jerusalem. 50 Meter unter den Toten geht es in diesen Tagen etwas unruhiger zu. Bauarbeiter arbeiten in einem gigantischen Höhlensystem. Tunnel verlaufen bis zu einen Kilometer in den Jerusalemer Kalkstein. Hier entstehen 22.000 Gräber, denn oben gibt es keinen Platz mehr.

Rabbiner Hananya Shahar | Bildquelle: Benjamin Hammer
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Er plant den unterirdischen Friedhof: Hananya Shahar

Der Mann, der die riesige Stadt der Toten plant, heißt Hananya Shahar. Er ist Rabbiner und leitet den größten jüdischen Beerdigungsverein der Stadt. "Der Friedhof oben ist völlig überfüllt. Dort gibt es bereits über 170.000 Gräber. Wenn wir die Menschen weiterhin oben begraben wollen, müssen wir die Regierung um neues Land bitten. Es gibt aber kein Land mehr. Das ist einer der Gründe, warum wir in den Untergrund gehen."

Bis 2050 verdoppelt sich die Bevölkerung Israels

Die Höhlen sind breit und hoch, etwa 15 mal 15 Meter. Im Zentrum der Anlage befindet sich eine riesige Halle, die in Richtung Himmel geöffnet ist. Der Rabbiner Shahar ist überzeugt, dass das der Friedhof der Zukunft ist.

Er rechnet vor: Unter der Erde können zehn Mal mehr Gräber entstehen als auf einem gewöhnlichen Friedhof. Israel ist ein kleines Land mit vielen Einwohnern. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung laut Prognosen fast verdoppeln. Und das bedeutet: Jedes Jahr werden mehr Menschen sterben und Gräber benötigen.

Nicht nur in Jerusalem, auch in anderen Städten Israels sind die Friedhöfe bereits heute völlig überfüllt. Dafür gibt es auch religiöse Gründe. "Im Judentum glauben wir, dass der Körper die Hülle einer sehr heiligen Seele ist", sagt der Rabbiner, "deshalb müssen wir den Körper in einem ehrbaren Zustand aufbewahren. Wir begraben die Toten bis in alle Ewigkeit."

Ein Grab nach ein paar Jahrzehnten zu ersetzen: Im Judentum ist das undenkbar. Eine Einäscherung und die Bestattung in einer Urne würden Platz sparen. Doch auch das ist im Judentum verboten.

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Unterirdischer Friedhof in Jerusalem

Friedhof in Jerusalem

Auf dem größten Friedhof von Jerusalem gibt es schon jetzt keinen Platz mehr. | Bildquelle: Benjamin Hammer

"Wir sollten die Aussicht als Lebende genießen"

Die meisten Gräber befinden sich in kleinen Ausbuchtungen, die die Bauarbeiter mitten in den Fels gefräst haben. Dutzende Gräber liegen so dicht nebeneinander. Aufzüge und Gänge sollen die Familienangehörigen später zu den Gräbern der Verstorbenen bringen.

Die Planer betonen, dass ihr Konzept, historisch gesehen, nichts Außergewöhnliches ist. Höhlengräber waren im Judentum vor rund 2000 Jahren üblich, auch Jesus Christus wurde in einem Felsengrab beigesetzt. Hananya Shahar, der Rabbiner des Beerdigungsvereins ist überzeugt, dass die Menschen sein Konzept annehmen werden.

"In 500 Jahren werden meine Nachfahren nur noch wenig Raum zum Leben haben. Natürlich möchte jeder ein Grab mit einer schönen Aussicht. Aber wenn wir immer mehr Friedhöfe über der Erde bauen, zerstören wir die schöne Aussicht. Ich sehe das so: Wir sollten die Aussicht als Lebende genießen. Wir wollen keine Friedhöfe sehen, sondern den Wald. Lass die Toten im Untergrund bleiben!"

Kein Grund für Platzangst

Arik Glazer | Bildquelle: Benjamin Hammer
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Unternehmer Arik Glazer: Er geht davon aus, dass er den ersten modernen Untergrundfriedhof baut.

Arik Glazer sorgt dafür, dass der Untergrundfriedhof entsteht. Der Israeli ist Bauunternehmer. Normalerweise baut sein Unternehmen Straßentunnel oder unterirdische Kanäle. 40 Millionen Euro kostet das Projekt in Jerusalem. Glazer ist sicher: Platzangst muss hier unten niemand bekommen: "Wenn ich die Baustelle meinen Freunden zeige, dann sagen sie: Das fühlt sich ja an wie ein Einkaufszentrum! Es wird hier viel Platz geben. Ich kann nicht sagen, dass das hier ein vergnüglicher Ort wird. Aber es wird eine würdige, eine friedliche Stätte, die die Toten respektiert und ihre lebenden Angehörigen."

Glazer baut nach eigenen Angaben den ersten modernen Untergrundfriedhof der Welt. Er hofft darauf, dass weitere Projekte folgen - in Israel und auf der ganzen Welt. Denn auch in vielen anderen Ländern und Städten wird der Platz für Gräber knapp.

Shahar schaut dem Unternehmer bei den Bauarbeiten auf die Finger. Am Ende muss er seinen geistlichen Segen geben, bevor hier die ersten Menschen begraben werden. Die Qualität muss stimmen, denn das Bauwerk soll, sofern das möglich ist, bis in alle Ewigkeit bestehen. "Wer einmal begraben wurde", sagt der Rabbiner, "soll niemals gestört werden. Für immer."

Er selbst hätte kein Problem damit, auf einem Untergrundfriedhof begraben zu werden. Und trotzdem wird das nicht passieren. Hananya Shahar will auf dem Ölberg begraben werden, direkt gegenüber von der Altstadt von Jerusalem, denn dort liegen bereits seine Eltern begraben.

Gigantischer Untergrundfriedhof - die Totenstadt von Jerusalem
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
28.01.2018 23:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtet Deutschlandfunk am 29. Januar 2018 um 9:35 Uhr.

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