ICAN-Geschäftsführerin im Büro der Organisation in Genf | Bildquelle: AFP

Friedensnobelpreis verliehen Viel Lob, wenig Hoffnung

Stand: 06.10.2017 15:49 Uhr

Der Friedensnobelpreis ehrt in diesem Jahr eine Kampagne zum Kampf gegen Atomwaffen (ICAN). Die Entscheidung erntet viel Lob. Aber steigen damit tatsächlich die Chancen, dass Atomwaffen verboten werden? Wohl kaum.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

2017 wird als ein Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die Gefahr eines neuen Atomkriegs real wurde. Zumindest wenn man der Rhetorik von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jung Un Glauben schenkt. Es kommt also nicht völlig überraschend, dass das Nobelkomitee den Friedensnobelpreis 2017 an eine Organisation vergibt, die den Atomwaffen den Kampf angesagt hat.

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) erhalte die Auszeichnung "für ihre Arbeit, mit der sie die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen" eines Atomwaffeneinsatzes lenke, sagte Jury-Chefin Berit Reiss-Andersen. Außerdem für ihre "bahnbrechenden Bemühungen" ein Verbot solcher Waffen auf Basis eines Vertrags zu erreichen.

Gefahr durch Nuklearwaffen gestiegen

Der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, Dan Smith, zeigt sich im Gespräch mit tagesschau.de erfreut über die Entscheidung. "Ich empfinde die Vergabe des Friedensnobelpreises an ICAN als sehr angemessen, es ist eine starke Entscheidung." Die Gefahr, die von Nuklearwaffen ausgehe, sei in diesem Jahr größer geworden und durch den Nordkorea-Konflikt auch stärker in den Fokus gerückt. "Ich hoffe, die Debatte über Nuklearwaffen wird sich durch diese Preisvergabe ändern und die Möglichkeit einer Abschaffung wird realistisch."

Mitarbeiter von ICAN feiern Nobelpreis | Bildquelle: AP
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Spontane Feier im Büro von ICAN in Genf nach Bekanntgabe des Friedensnobelpreises

In der ICAN-Zentrale in Genf haben nach der Bekanntgabe erstmal die Sektkorken geknallt. Die Köpfe der noch recht jungen Kampagne gaben sich überrascht. Sie hätten nicht mit dem Preis gerechnet, fühlten sich aber sehr geehrt, sagt ICAN-Geschäftsführerin Beatrice Fihn gegenüber der ARD.

Weltweites Verbot von Atomwaffen

450 Friedensgruppen und Organisationen in mehr als 100 Ländern gehören ICAN an. Die Graswurzelbewegung hatte sich 2007 in Wien gegründet, am Rande einer Konferenz zum Atomwaffenvertrag. Seither setzt sie sich für ein weltweites Verbot von Atomwaffen ein. Dies solle sowohl für die Herstellung, den Besitz und den Einsatz als auch für die Lagerung nuklearer Waffen gelten.

"Wir versuchen, die Haltung der Menschen zu ändern. 70 Jahre lang galt es als völlig akzeptabel, dass man mit dem Argument der Sicherheit damit drohen kann, ganze Städte auszuradieren, das wollen wir ändern", erklärt Finh das Anliegen ihrer Organisation. Diesem Ziel sind sie 2017 näher gekommen.

Deutschland boykottiert Verbotsvertrag

Ihren bislang größten Erfolg konnte ICAN im Juli dieses Jahres feiern, als 122 UN-Mitgliedsstaaten den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (Nuclear Ban Treaty) beschlossen haben. Sie war mit ihren Mitgliedsorganisationen treibende Kraft hinter dem Abkommen. Mehr als 50 Staaten haben es bereits unterzeichnet beziehungsweise dies zugesagt. Aber erst wenn der Vertrag in mindestens 50 Ländern auch ratifiziert ist, kann er in Kraft treten. Die Organisatoren rechnen bis Ende nächsten Jahres mit diesem Schritt.

Doch das Abkommen hat ein entscheidendes Manko: Die Atommächte (USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea) sowie Deutschland und fast alle anderen NATO-Mitglieder boykottierten das Vorhaben. Deutschland müsste bei Vertragsunterzeichnung von der Stationierung amerikanischer Atomwaffen absehen.

Bundesregierung setzt auf Abschreckung

Die Bundesregierung gratulierte ICAN zwar zu der Auszeichnung, hält aber dennoch an der atomaren Abschreckung fest. "Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. "Wir müssen allerdings anerkennen, dass von einigen Staaten nukleare Waffen nach wie vor als ein Mittel militärischer Auseinandersetzung betrachtet werden." Solange dies der Fall sei und Deutschland und Europa hiervon bedroht seien, bestehe die Notwendigkeit einer atomaren Abschreckung durch die NATO fort.

Und wie reagieren die Atommächte auf die Bekanntgabe des Preisträgers? Die meisten halten sich bedeckt - nur Russland gibt ein erstes, verhaltenes Statement ab: Moskau respektiere die Entscheidung, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut Agentur Tass. Präsident Wladimir Putin habe mehrfach betont, wie wichtig ein atomares Gleichgewicht für die internationale Sicherheit sei. "Russland ist ein verantwortungsbewusstes Mitglied im 'Atom-Klub'", so der Sprecher.

Friedensnobelpreis für Abrüstungsbündnis ICAN
tagesschau 20:00 Uhr, 06.10.2017, Wolgang Wanner, ARD Genf

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Doch durch die Vergabe dieser höchsten Friedensauszeichnung an ICAN, könnte sich etwas bewegen. "Es ist klar, dass die Atommächte nicht sofort ihre Atomwaffen abschaffen werden", sagt Sipri-Direktor Smith. "Aber dieser Preis erhöht den Druck auf diese Staaten und auch auf solche, die den Vertrag bislang nicht unterzeichnet haben." Wenn Deutschland und die anderen NATO-Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag nicht als richtigen Weg ansähen, dann sollten sie andere Vorschläge für ihr Ziel einer atomwaffenfreien Welt machen.

Mit dem Preisgeld von umgerechnet knapp einer Million Euro will ICAN nun neue Mitarbeiter einstellen, um die Kampagne für den Atomwaffenverbotsvertrag voranzutreiben. Die nächste Etappe sei, die Atommächte mit ins Boot zu holen. Dafür wird ein langer Atem nötig sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Oktober 2017 um 14:00 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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