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Die mandeläugigen Mädchen aus Indiens Nordosten stammen aus armen Familien, die in der krisengeschüttelten Region keine Perspektive haben. Gelockt mit vielversprechenden Jobs werden sie zur Prostitution gezwungen - und in Nachbarländer verkauft.
Von Christoph Heinzle, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi
Wenn Roxanna ihre Geschichte erzählt, zittert sie und bricht immer wieder in Tränen aus. Die heute 14-jährige Waise wuchs bei ihrer Tante im nordostindischen Darjeeling auf. Eine glückliche Kindheit hat sie dort nicht erlebt. Von klein an musste Roxanna arbeiten. "Meine Tante wusste, dass ich nicht als Hausmädchen arbeiten wollte. Ihre eigenen Kinder hat sie zur Schule geschickt, mich aber zur Arbeit gezwungen. Dabei will ich doch zur Schule gehen. Das wollte ich immer."
Mit etwa zwölf reißt Roxanna aus und gerät an einen Grenzpolizei-Offizier, der verspricht, sie wie eine Tochter zur behandeln und zur Schule zu schicken. Doch stattdessen wird das Mädchen geschlagen, sexuell missbraucht und wie eine Sklavin gehalten. Sechs Monate lang, bis Roxanna von einer Hilfsorganisation gerettet wird.
Sie ist kein Einzelfall im unterentwickelten, von Konflikten geschüttelten indischen Nordosten. Die mandeläugigen Mädchen sind gefragt in Metropolen wie Kalkutta, Neu Delhi oder Bombay. Oft werden sie mit vielversprechenden Stellenangeboten gelockt, um dann zu Tausenden in Bordellen oder Privatwohnungen zu landen, wo sie rücksichtlos ausgebeutet werden.
Auch der heute 20-jährigen Ella erging es so. "Meine Mutter wollte immer nur Geld, sie ist habgierig. Deshalb hat sie Arbeit für mich gesucht." Eines Tages sei ein Mann aus Neu Delhi gekommen und habe ihr einen Job als Haushaltshilfe mit 1500 Rupien Monatsgehalt versprochen, erzählt sie. "Meine Mutter stimmte erfreut zu und schickte mich mit ihm. Ich wollte nicht, aber sie hat mich gezwungen."
Für umgerechnet 25 Euro pro Monat muss Ella gehen. Doch in Neu Delhi wartet nicht Hausarbeit auf die damals 12-Jährige, sondern Prostitution. Als eines Tages die Polizei das Bordell durchsucht, hofft Ella auf Rettung - und wird bitter enttäuscht. "Die Polizei wollte uns nicht helfen. Sie brachte uns sogar in das Bordell zurück, obwohl wir sie anflehten, dass wir nach Hause wollten. Im Bordell bekamen wir einen neuen Haarschnitt, neue Kleider und mussten dasitzen, um Kunden anzulocken."
Im Jahr 2001 fand Ella mit Untersützung der Hilfsorganisation Impulse zurück in ein normales Leben. Heute arbeitet die junge Frau für die Organisation und berät Leidensgenossinnen.
[Bildunterschrift: Dieses Bild ist über zehn Jahre alt, doch das Geschäft mit der Zwangsprostitution von indischen Kindern läuft noch immer. ]
Hasina Kharbhih hat Impulse gegründet. Ihr wichtigstes Ziel neben der Arbeit mit Betroffenen ist, Aufmerksamkeit zu wecken bei Regierungen, Polizei und Öffentlichkeit. "In den vergangenen Jahren begannen die Leute allmählich zu verstehen, dass man von Frauenhandel sprechen muss, wenn Mädchen unter 18 unter dem Vorwand eines Stellenangebots angelockt und dann ausgebeutet werden, auch wenn sie dem selbst zustimmen." Damit sei auch das Bewusstsein gewachsen, dass der Nordosten eine Quelle für den Menschenhandel ist.
Armut und die instabile politische Lage machen viele Familien anfällig. Die schwer kontrollierbaren Grenzen nach Birma, Bangladesch und Nepal lassen den indischen Nordosten zur internationalen Drehscheibe werden. Und neuerdings gebe es stärkere Verbindungen zu dem nur zwei Flugstunden entfernten Thailand, erzählt Sozialarbeiterin Kharbhih besorgt, mit Pauschalreisen für Thailands Strände und die nordostindischen Berge im Paket.
"Dieser Trend ist alarmierend für uns. Denn Thailand ist massiv vom Menschenhandel betroffen." Viele Mädchen endeten dort in der Prostitution, sagt sie. "Sex-Tourismus ist einer der Verkaufsschlager Thailands. Und da könnte es leicht Verbindungen zum indischen Nordosten geben, weil die Menschen hier sehr ähnlich aussehen."
Hartes Eingreifen der Sicherheitskräfte alleine ist keine Lösung für das Problem, betonen Fachleute wie Kharbhih. Die armen Familien des Nordostens bräuchten Perspektiven für Arbeit und Entwicklung. Doch darauf wartet die von der indischen Regierung traditionell vernachlässigte Region seit Jahrzehnten vergeblich.
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