Amineh (rechts) und Schaha mit ihren Kindern in einem Flüchtlingslager nahe Mossul im Irak

Flüchtlingslager im Nordirak IS-Terror überlebt, aber "ohne Leben"

Stand: 17.11.2016 15:00 Uhr

In den Flüchtlingslagern im Irak sind viele Frauen mit ihren Kindern gestrandet - traumatisiert durch Folter durch IS-Kämpfer. Anna Osius hat zwei Frauen getroffen, die ihren Weg zurück ins Leben suchen. Manche greifen dafür zu den Waffen.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Hussein will sich nicht beruhigen. Das acht Monate alte Baby liegt auf dem Schoß seiner Mutter Amineh in einem Zelt, einem von Tausenden in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Mossul. Der Sandsturm schlägt gegen die Zeltwand. Die 22-Jährige ist mit dem Baby allein. Ihr Mann versucht, außerhalb des Lagers Geld zu verdienen, um die kleine Familie zu ernähren.

Zweieinhalb Jahre lang haben sie in Mossul unter der Herrschaft des "Islamischen Staates" gelebt. "Wir hatten nicht genug zum Überleben, mein Mann versuchte, Zigaretten zu verkaufen, die Terroristen haben ihn gefangen, ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Als sie sahen, dass ich um meinen Mann weinte - und sie konnten durch den Vollschleier ja nur meine Augen sehen - da wollten sie mich auch schlagen und einsperren. Ich musste mein Gesicht im Dreck waschen. Ich war hochschwanger."

Die 22-jährige Amineh und ihr Sohn in einem Flüchtlingslager
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Die 22-jährige Amineh wurde als Schwangere von IS-Terroristen gefoltert.

"Der IS ist des Teufels"

Die Tränen laufen ihr über das Gesicht. Die Erinnerungen kommen immer wieder hoch. Amineh ist eine ganz normale 22-Jährige. Wir hätten uns in einem Coffeeshop treffen können, an der Uni oder im Kino. Jetzt ist sie hier.

Sie versucht, auf sich zu achten, trotz der schwierigen Bedingungen im Flüchtlingslager. Ein Leben im Zelt, der Wüstenwind fegt durch das Lager, der Sand ist überall. Es gibt vier Toiletten für 100 Menschen. "Wenigstens sind wir sicher hier im Camp, aber ich will nach Hause", sagt Amineh. "Der IS ist des Teufels, seinetwegen leben wir ohne Familie, ohne Eltern, ohne unser Leben. Die Terroristen müssen verfolgt werden, nicht wir, wir haben nichts Böses getan."

"Für uns Frauen war das kein Leben"

Jetzt kommt der Winter, und das mit einem Baby. Die Gemeinschaft gibt den Frauen Kraft. Amineh sitzt viel mit Schaha zusammen, sie ist schon älter, erfahrener, hat schon mehrere Kinder großgezogen. Ihr jüngster Sohn ist auch ein Baby.

Auch Schaha litt unter dem IS in Mossul: "Wir konnten noch nicht mal aus der Tür gehen, ohne uns komplett zu verschleiern. Wir mussten einen Schlitz für die Augen und auch Handschuhe tragen. Einmal hatte ich vergessen meine Handschuhe anzuziehen, wir waren im Auto und ich nahm das Kind hoch, da sahen die Terroristen durch das Autofenster meine nackten Hände. Sofort haben sie uns gestoppt, verhört, die Autopapiere weggenommen. Man konnte noch nicht mal zu den Nachbarn gehen, ohne sich so zu verkleiden - für uns Frauen war das kein Leben."

Vom Terror traumatisiert, vom Ehemann misshandelt

Hilfsorganisationen versuchen, den Frauen aus Mossul zu helfen. Zu den traumatischen Erlebnissen mit den Terroristen kommt nicht selten Gewalt in der eigenen Familie dazu: junge Frauen, verheiratet als Teenager, misshandelt durch ebenfalls traumatisierte Ehemänner.

"Viele der Frauen trauen sich nicht, offen mit uns zu sprechen", sagt Dana Ramsia von einer Frauenrechtsorganisation in Erbil. "Sie leben in den Lagern so dicht aufeinander, dass es ihnen peinlich ist. Die Frauen sind schüchtern, weil andere zuhören und sie keine Lösung sehen."

Hilfsorganisationen versuchen den Frauen aus Mossul im Flüchtlingslager zu helfen
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Eine Hilfsorganisation gibt den Frauen Unterricht.

Bis zu 3000 Jesidinnen in IS-Gewalt

Dramatisch ist offenbar auch die Lage der Jesidinnen in Mossul: Der IS hat Schätzungen zufolge immer noch bis zu 3000 jesidische Frauen in seiner Gewalt, die vor zweieinhalb Jahren nach Mossul verschleppt wurden. Eine, die sich befreien konnte, ist Nadia Murad. Sie lebt mittlerweile in Deutschland und wurde kürzlich für den Sacharow-Preis nominiert.

In einer bewegenden Rede vor den Vereinten Nationen schilderte sie ihr Schicksal: Ihr Dorf wurde überfallen, alle Frauen und Mädchen versklavt. "Wir wurden mit einem Bus nach Mossul gebracht. Sie berührten und demütigten uns. In Mossul wurden wir wie Geschenke unter den IS-Kämpfern ausgetauscht. Ein Mann suchte mich aus und zwang mich zu sich nach Hause. Er vergewaltigte mich, folterte mich. Als ich versuchte zu fliehen, brachte er mich zu den Wächtern und sie vergewaltigten mich alle gemeinsam, bis ich ohnmächtig wurde."

Die Jesidin Nadia Murad | Bildquelle: dpa
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Die Jesidin Nadia Murad ist dem IS-Terror entkommen.

Frauen greifen zu den Waffen

Nadia konnte entkommen. Wie es ihren Leidesgenossinnen in Mossul heute geht, weiß niemand. Auch viele uneheliche Kinder dürften aus den Vergewaltigungen entstanden sein. Noch ist nicht klar, ob sie staatlich anerkannt werden und Pässe bekommen.

Viele Frauen greifen mittlerweile selbst zu den Waffen: Bei den Kurden gibt es mehrere Einheiten, die nur aus Frauen bestehen - unverschleierte, militärisch ausgebildete junge Frauen mit schweren Waffen, die im Irak und in Syrien kämpfen - gegen den IS und für Gleichberechtigung und Frauenrechte.

Und Amineh, die junge Frau mit dem Baby im Flüchtlingslager? Sie ist einfach nur froh, dem Horror der Terrororganisation IS entkommen zu sein. "Endlich", sagt sie, "kann ich wieder mein Gesicht zeigen". Ein Lächeln huscht über ihre Wangen. Sie sieht schön aus.

Ohne Rechte - Frauen unter dem IS
A. Osius, ARD Kairo
16.11.2016 23:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtet "Report München" am 6. Dezember 2016 um 21:45 Uhr.

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