Papst Franziskus | Bildquelle: dpa

Machtkampf im Vatikan Franziskus sucht Weg aus der Krise

Stand: 21.07.2017 16:07 Uhr

Der Papst ringt um die Reform der katholischen Kirche. Sie kommt einfach nicht voran. In der Führung funktioniere etwas nicht, sagen Beobachter. Franziskus habe in der Öffentlichkeit viel mehr Sympathien als in den eigenen Reihen.

Von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Seit einigen Wochen scheint es nicht mehr so richtig gut zu laufen für Papst Franziskus. Im März beendete Marie Collins ihre Mitgliedschaft in der Päpstlichen Kommission für Kinderschutz. Als Begründung nannte sie die mangelnde Kooperation der römischen Kurie. Im Juni dann der Rücktritt von Libero Milone, Wirtschaftsprüfer im Vatikan. Papst Franziskus hatte den Mann eingesetzt, um die Kurie einer stärkeren Kontrolle zu unterziehen.

Dann kam die Beurlaubung von Kurienkardinal Pell nach Missbrauchsvorwürfen und schließlich die Nichtverlängerung der Aufgabe von Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller als Chef der Glaubenskongregation. Für den Buchautor Marco Politi sind das keine Einzelereignisse. Franziskus hat ein Problem.

Häufung der Ereignisse

Politi sagt, dass etwas in der Führung nicht funktioniere. Das zeige zumindest die Häufung der Ereignisse in den vergangenen hundert Tagen. "Zum ersten Mal in seinem Pontifikat hat es eine Krise im Regierungswesen gegeben", so Politi.

Dazu kommen Verzögerungen bei den angekündigten Reformen, so der langjährige Beobachter Iacopo Scaramuzzi. Dem Vatikan-Experten zufolge ist die Reform der Kurie problematisch. "Sie geht langsam voran und verfolgt kein klares Konzept", sagt er. "Bis jetzt gibt es nur wenige Ergebnisse, das ist für mich sehr enttäuschend." Als Beobachter finde er, "dass wenig von dem, was angekündigt war, auch umgesetzt wurde".

Ideen konsequenter durchzusetzen

Wer an den Strukturen des Kirchenstaates etwas ändern will, braucht einen langen Atem. Angesichts der Widerstände habe sich Franziskus aber jetzt entschlossen, seine Reformideen konsequenter als bisher durchzusetzen, sagt Scaramuzzi. "Der Konflikt zwischen dem Papst und seinen Gegnern ist offensichtlicher. Er ist auch härter. Es ist, als hätte Papst Franziskus in letzter Zeit auf Schattierungen verzichtet und das Zepter fester in die Hand genommen."

Papst Franziskus im Gespräch mit Kardinal Müller (April 2013) | Bildquelle: dpa
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Papst Franziskus im April 2013 im Gespräch mit Kardinal Müller

Die gravierendste Entscheidung von Franziskus sei sicherlich gewesen, Kurienkardinal Müller die Verantwortung für die Glaubenskongregation zu entziehen. "Das ist eine Art Vorruhestand", sagt Scaramuzzi. Müller sei jedoch zweifellos eine Persönlichkeit gewesen, die "bei mehreren großen Themen kundgetan hat, nicht mit Franziskus auf einer Linie zu sein".

Sympathien und gute Umfragewerte

Draußen bei den Menschen hat der Papst dagegen viele Sympathisanten. Seine Umfragewerte könnten kaum besser sein. Das Problem sei nur, dass Franziskus ziemlich oft alleine dasteht, konstatiert Buchautor Politi. Der italienische Bischof Bregantini habe es auf den Punkt gebracht: Ihm zufolge würden alle davon sprechen, "wie tüchtig und wie gut Franziskus ist, aber alle schauen nur zu". Es sei wie bei einem Fußballspiel. Die Zuschauer geben Applaus für einen Spieler, "aber den Spieler lassen sie alleine".

Auffällig ist, dass sich der Papst seine Ratgeber vor allem außerhalb des Vatikans zu suchen scheint. Viele wichtige Impulse kommen aus Südamerika, heißt es. Scaramussi sagt: "Vielleicht gilt das für jeden Papst, aber für diesen gilt es noch mehr: Er läuft Gefahr, allein dazustehen. Er hat mehr Applaus als Gefolgschaft. Das ist sicherlich ein Risiko für dieses Pontifikat."

Katholiken weniger engagiert als früher

Anders als in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er-Jahren, mit dem sich die Kirche fit gemacht hat für die Moderne, fehlt heute die breite Aufbruchstimmung von damals. Die Katholiken seien jetzt weniger engagiert, vor allem junge Menschen ließen sich nicht mehr so leicht in Strukturen einbinden, hat Politi beobachtet. Der Papst bleibe dennoch optimistisch.

Laut Politi sagt der Papst, dass er in Bezug auf die Probleme der katholischen Kirche keine Sorgen habe. Aber andererseits sei er sich auch des starken Widerstands bewusst. Und einmal habe Franziskus auch gesagt, er hoffe, dass das, was er für die Kirche "mit großem Opfer" tue, nicht auf einmal verlischt wie ein Licht.

Veränderungen brauchen Zeit - erst recht im Vatikan. Dass Franziskus schon jetzt an die Sicherung seines Erbes denkt, zeigen die Kardinalserhebungen der letzten Zeit. Franziskus denkt in globalen Maßstäben. Afrika, Asien - die bisherigen Ränder der Welt sollen in der katholischen Kirche einen höheren Stellenwert bekommen.

Machtkampf im Vatikan - Papst Franziskus ringt um Kirchenreform
T. Forchheimer, ARD Rom
21.07.2017 13:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juli 2017 um 13:22 Uhr.

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