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Marine Le Pen

Reportage aus Nordostfrankreich

Wo Le Pens Parolen auf fruchtbaren Boden fallen

Im Nordosten Frankreichs wählten überdurchschnittlich viele Menschen die Rechtsextreme Le Pen - obwohl die Arbeitslosigkeit dort nicht besonders hoch ist. War das Votum nur Ausdruck des Protests - und für wen stimmen die Le-Pen-Anhänger am Sonntag?

Von Anne Christine Heckmann, SR-Hörfunkstudio Paris

Etwa eineinhalb Stunden nördlich von Paris, zwischen Rapsfeldern, grünen Wiesen und sanften Hügeln, liegt Marseille-en-Beauvaisis - ein verschlafenes Nest, das es in die Schlagzeilen schaffte. Denn das Dorf wählte extrem rechts. Marine Le Pen gewann hier den ersten Wahlgang haushoch. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Der sozialistische Bürgermeister der Gemeinde, Marie Dubut, sitzt niedergeschlagen an seinem alten Holz-Schreibtisch. Der Mann mit den grauen Haaren und den hellen Augen ist noch immer fassungslos über das Wahlergebnis. "Ob es ein Ausdruck der Unzufriedenheit oder eine Protestwahl war, ich weiß es nicht", sagt er. Diesmal seien hier mehr Menschen zur Wahl gegangen. "Diejenigen, die sonst zu Hause geblieben sind, haben sich jetzt eben geäußert", ergänzt er.

Ein Dorf tickt rechts - Auch bei der Stichwahl?
A. C. Heckmann, SR Paris
03.05.2012 20:35 Uhr

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Viele Dorfbewohner schweigen

Mehr als jeder dritte Einwohner von Marseille-en-Beauvaisis hat den rechtsextremen Front National (FN) gewählt. Nur will es niemand zugeben. Die Blumenhändlerin, der Zeitungsverkäufer, der Pächter der einzigen Kneipe - alle weigern sich, über Politik zu reden. Ins Mikro will schon gar niemand sprechen.

Nur David, der gerade mit einer Plastiktüte aus dem kleinen Dorfladen kommt, redet Klartext - weil er ohnehin arbeitslos sei und Zeit habe: "Le Pen wäre besser gewesen", sagt der 29-Jährige. Sie mache interessante Vorschläge. "Ich bin kein Rassist oder so, aber wenn man die Bevölkerung beobachtet, dann sieht man, dass es viele gibt, die keine echten Franzosen sind. Le Pen wäre bei bestimmten Themen streng gewesen. Sie hat es nicht in die Stichwahl gepackt - dann bleiben wir halt bei Sarko", ergänzt er.

Sarkozy
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Hofft auf die Stimmen Le Pens: Präsident Sarkozy bei einem Wahlkampfauftritt.

Heile Welt - auf den ersten Blick

So wie David ticken viele der etwa 1300 Einwohner von Marseille-en-Beauvaisis und in den ländlichen Ortschaften drumherum. Das Departement Oise ist zur Hochburg des Front National geworden. In den Dörfern geht es auf den ersten Blick ruhig und harmonisch zu, Einwanderungsprobleme gibt es nicht.

Auch die Arbeitslosigkeit ist hier nicht überdurchschnittlich hoch. Sind die Stimmen für Le Pen also doch ein Ausdruck des Protests? "Ja", sagt Carine, die gerade mit einer Arbeitskollegin im Kebab-Imbiss von Marseille-en-Beauvaisis zu Mittag isst. Die Angestellte einer Anwaltskanzlei flüstert nur - eigentlich will auch sie ihre Meinung lieber geheim halten. "Die Leute haben die Nase voll. In Frankreich gibt es fast nur noch Menschen, die vom Sozialstaat abhängig sind", sagt sie.

Wer jeden Morgen aufstehe und zur Arbeit gehe, bekomme am Ende des Monats viel weniger, als derjenige, der nicht arbeite. "Dann läuft doch etwas falsch. Klar, das ist nicht nur der Einwanderung geschuldet. Aber die Leute haben das eben satt", fügt Carine hinzu.

Die Verantwortlichen des Front National in der Region sind höchst zufrieden mit dem Ausgang des ersten Wahlgangs. Sie glauben nicht an eine Protestwahl. Der starke Zuwachs gerade in den ländlichen Gebieten zeige ganz im Gegenteil, dass der Front National in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, sagt der Vize-FN-Chef im Departement, André Fouchard. Der ehemalige Landwirt ist davon überzeugt, dass Le Pen der Partei Glaubwürdigkeit verliehen hat: "Mit Marine Le Pen hat die Partei einen Neustart erlebt. Sie hat den Front National gesellschaftsfähig gemacht."

Natürlich seien die Probleme Einwanderung oder innere Sicherheit auf dem Land geringer als sonstwo, aber sie nähmen dennoch zu. "Die Großregion Paris dehnt sich mittlerweile bis in den Süden des Departements Oise aus. Deshalb finden wir auch dort jetzt Wähler, bei denen unsere Botschaften ankommen", sagt Fouchard.

Sarkozy hofft auf rechte Wähler

Vor der Stichwahl buhlt vor allem die konservative UMP um die FN-Stimmen. In Marseille-en-Beauvaisis und in der gesamten Region sind Wahlkämpfer von Präsident Nicolas Sarkozy unterwegs. Sie besuchen die Wochenmärkte, stehen an den Bahnhöfen und fahren von Haus zu Haus, um jeden einzelnen Wähler zu überzeugen.

Auch Guy Richevaux und seine Frau haben gerade Besuch bekommen. Das Rentner-Ehepaar lebt in einem abseits gelegenen Haus in der Nähe von Marseille-en-Beauvaisis. In ihrem Wohnzimmer sitzen zwei Abgeordnete der UMP. Doch viel Überzeugungskraft müssen sie bei den Richevauxs nicht leisten: "In der Stichwahl wählen wir Sarkozy - wie die ganze Gemeinde, da gibt es keine Zweifel." Ursprünglich hätten in der Gegend nur Landwirte gelebt. "Front National wählen hier nur die Zugezogenen aus den größeren Städten. Denn die Gemeinde wählt traditionell konservativ - aber keinen Front National", fügte Richevaux hinzu.

Francois Hollande
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Kann bei Le-Pen-Wählern wohl nicht so stark punkten: Der Sozialist Hollande.

"Die Menschen hier tendieren zu Sarkozy"

Auch die jungen Menschen im Kebab-Imbiss an der Hauptstraße von Marseille-en-Beauvaisis haben ihre Wahl für die zweite Runde der Präsidentschaftswahl schon getroffen. Der Name Hollande fällt hier selten - der Name Sarkozy um so öfter. Auch der 20-jährige Nicolas, der hier kellnert, bis er im September seine Polizisten-Ausbildung beginnt, setzt auf den amtierenden Präsidenten. "Hier tendieren die Einwohner eher zu Sarkozy. Die Menschen haben Angst, dass die Krise schlimmer wird", sagt er. Sarkozy habe Charakter, Erfahrung und vier Jahre Krise durchgemacht. "Und am Ende haben wir's ja einigermaßen gut überstanden", sagt Nicolas.

In Marseille-en-Beauvaisis scheint die Tendenz klar zu sein. Der amtierende Präsident Sarkozy ist zwar kein Wunschkandidat. Aber mit François Hollande haben sie Angst, die Katze im Sack zu kaufen. Auf dem Land setzen die Menschen am Ende wohl doch eher auf die Tradition statt auf das Experiment.

Stand: 03.05.2012 21:58 Uhr

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