Frankreichs neue Wutbürger

Konservative gehen auf die Straße

Frankreichs neue Wutbürger

Der französische Wutbürger ist politisch links - soweit das Klischee. Die neue Protestbewegung in Frankreich entspricht diesem Bild aber nicht. Sie ist konservativ, sieht sich als Bewahrer der Werte und könnte Präsident Hollande gefährlich werden.

Von Anne Christine Heckmann, ARD-Hörfunkstudio Paris

Eine Frau protestiert in Paris gegen die Homo-Ehe (Bildquelle: AP)
galerie

Hunderttausende protestierten in Frankreich gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Vor rund einem Jahr ging es los: Tausende blaue und rosafarbene Fahnen wehten in den Straßen von Paris. Eine blau-rosa-Welle, die Monate andauerte. Hunderttausende Franzosen, jung und alt, Singles und Familien, demonstrierten für den Erhalt der traditionellen Ehe von blau und rosa, von Mann und Frau. Die Pläne der Öffnung der Ehe auch für homosexuelle Partnerschaften wollten sie mit aller Macht verhindern. Das konservative Frankreich war auf den Barrikaden.

Das Bündnis "Manif pour tous" - auf deutsch "Demo für alle" - hat Hunderttausende Franzosen auf die Straße gebracht. Und es vereint noch immer alle Franzosen, die befürchten, das traditionelle Familienbild könnte ins Wanken geraten und damit auch die Werte der Republik - vor allem Konservative und Katholiken, aber auch Juden oder Muslime.

Konservative Protestbewegung in Frankreich
A. C. Heckmann, ARD Paris
22.01.2014 15:37 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Proteste gegen Wertewandel

Die Proteste wurden vor allem im Ausland als schwulen- und lesbenfeindlich eingestuft. Doch dagegen wehrt sich Alméric Dumont, einer der Demo-Organisatoren: "Der einzige Grund, warum wir gegen die Homo-Ehe sind, ist, dass in Frankreich die Eheschließung das Recht auf Kinderwunsch mit einschließt. Das ist der Hauptgrund, warum die Menschen auf die Straße gegangen sind. Das Gesetz zur Homo-Ehe schließt das Adoptionsrecht mit ein und mittelfristig auch das Recht auf künstliche Befruchtung oder Leihmutterschaft. Wäre es nur um die Heirat für Schwule und Lesben gegangen, hätte es so eine Protestwelle nie gegeben."

Und auch Umfragen belegen: Die Mehrheit der Franzosen ist prinzipiell sogar für die Homo-Ehe. Aber für viele Franzosen spiegelt sie einen Wertewandel in der Gesellschaft wider. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit und ohne spürbaren Aufschwung sorgt das für zusätzliche Unsicherheit.

Zehntausende Franzosen protestieren gegen die Homo-Ehe (Bildquelle: AP)
galerie

Der Wunsch nach Tradition bringt die Menschen auf die Straße.

"Wunsch nach Rückkehr zu traditionellen Werten"

Der Politologe Eddy Fougier spricht von einer Verkrampfung der französischen Gesellschaft: "Ein Teil der Franzosen ist gegen eine gewisse gesellschaftliche Entwicklung. Hinzu kommt ein, sagen wir, liberaler Wertewandel, der von den Sozialisten aber auch von konservativen Politikern voran getrieben wird und den ein Teil der Franzosen nicht akzeptiert. Sie haben den Wunsch, zu traditionellen Werten zurückzufinden, dazu zählen Familie und nationale Identität, aber auch christliche Werte."

Der Wunsch nach Tradition bringt neue Protestler auf die Straße. Es sind nicht die traditionellen Wutbürger aus dem linken Parteienspektrum, die demonstrieren. Diesmal rebelliert die konservative Mittelschicht. Angestellte, Händler oder Selbstständige, die auch aus den ländlichen Gebieten, der sogenannten "France profonde", zu den Großdemos in die Hauptstadt reisen. Sie fordern jetzt Volksentscheide und mehr Mitspracherecht für die Bürger.

Profitiert der Front National?

Die "Demo für alle" hat sich zu einer sozialen Bewegung gegen die politische Klasse entwickelt. Das erklärt auch, warum die Proteste anhielten, nachdem das Parlament die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare längst beschlossen hatte. Denn es gehe längst um viel mehr, betont der Politologe Eddy Fourgier: "Solche Bewegungen sind immer ein Indikator für viel grundsätzlichere Probleme. Es gibt einen Bruch zwischen einem Teil der Bevölkerung und den Eliten, die regieren. In Sozial- und Wirtschaftsfragen herrscht ja im Großen und Ganzen Einigkeit darüber, dass man nicht mehr so leben kann wie früher, dass man sparen und reformieren muss. Aber bei Wertefragen, Stichwort Islam, Einwanderung, Familie, da gibt es recht deutliche Gegensätze. Und diese werden in Frankreich künftig noch eine große Rolle spielen."

So dürfte es jetzt im anstehenden Wahlkampf für die Kommunal- und Europawahlen im Frühjahr vor allem Wertedebatten geben - ein Steckenpferd der konservativen UMP, aber auch des rechtsextremen Front National. Und damit nicht genug: Auch die Organisatoren der "Demo für alle" haben für Februar wieder zu neuen Protesten gegen die Politik des Präsidenten aufgerufen. François Hollande sollte sich in diesem Frühjahr auf einiges gefasst machen.

Stand: 25.01.2014 14:32 Uhr

Darstellung: