Franzosen mit Nationalflaggen | Bildquelle: AFP

Korrespondenten-Analyse Wo steht Frankreich vor der Wahl?

Stand: 06.03.2017 15:52 Uhr

François Fillon, Marine le Pen, Emmanuel Macron - diese Kandidaten haben die besten Chancen und wollen an die Spitze Frankreichs. Selten war eine Frankreich-Wahl so wichtig. Gebannt verfolgt ganz Europa den französischen Wahlkampf.

Von Ellis Fröder, ARD-Studio Paris

Ein konservativer Kandidat, den seine eigene Partei loswerden will, eine rechtsextreme Kandidatin, deren Immunität teilweise aufgehoben und gegen die ermittelt werden wird, ein junger Hoffnungsträger, der ein offenes und liberales Frankreich will und sich eindeutig zu Europa bekennt. François Fillon, Marine le Pen, Emmanuel Macron. Diese drei Kandidaten haben die besten Chancen und wollen an die Spitze Frankreichs.

Selten war eine Frankreich-Wahl so wichtig, selten hat ganz Europa so gebannt den französischen Wahlkampf verfolgt, selten hat man mit so viel Befürchtung und Sorge auf Frankreich gesehen. Manche sprechen bereits von einer Schicksalswahl. Es ist kein Zufall, dass Amnesty International warnt: "Wir sehen Frankreich als das Land, in dem die Menschenrechte geschichtlich verankert sind. Aber heute steht Frankreich auf des Messers Schneide. Und die Entwicklung in Frankreich wird ausschlaggebend sein für die Entwicklung, die Europa gehen wird. Und das wiederum hat einen Einfluss auf die ganze Welt“, sagt der Generalsekretär Salil Shetty.

Ein Land im Ausnahmezustand

Wenn die Franzosen am 23. April zum ersten Wahlgang an die Urnen gehen, werden sie in einem Land wählen, in dem seit den Terror-Anschlägen im November 2015 der Ausnahmezustand herrscht. Elementare Bürgerrechte sind eingeschränkt, die Angst vor neuen Anschlägen bestimmt auch den Wahlkampf, der so spannend und so unvorhersehbar geworden ist, dass sich manch einer die Augen reibt. Normale Regierungspolitik findet nicht mehr statt, stattdessen werden die Franzosen fast täglich mit neuen Wahlumfragen bombardiert.

Marine Le Pen vom französischen Front National | Bildquelle: AFP
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Marine Le Pen vom französischen Front National: Sie präsentiert sich als die Frau, die Frankreich retten kann.

Der konservative französische Präsidentschaftskandidat Fillon | Bildquelle: AP
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Der konservative französische Präsidentschaftskandidat Fillon - juristisch angeschlagen.

Es ist eine angespannte Zeit. Zum ersten Mal tritt der regierende Präsident nicht mehr für eine zweite Amtszeit an. François Hollande absolviert fast nur noch Repräsentationstermine. Frankreich - die Nation, in der sich alles auf den Präsidenten fokussiert - wirkt momentan kopflos.

Stattdessen bestimmt eine Frau die Öffentlichkeit: Marine le Pen, die Vorsitzende des rechtsextremen Front National. Der Parteiname erscheint kaum, alles ist auf sie konzentriert. Sie präsentiert sich als die Frau, die Frankreich retten kann, wirkt moderater als ihr Vater, Jean Marie le Pen, der die Partei gegründet hat. Doch die Inhalte sind fast gleich geblieben: Rassismus und Nationalismus - das ist ihr ideologischer Unterbau.

Der rechtsextreme Front National, der offen islamfeindlich, ausländerfeindlich und vor allem europafeindlich ist, wird es laut Umfragen in die Stichwahl schaffen. 144 Wahlversprechen hat Marine le Pen verkündet - alle durch und durch national geprägt. Raus aus dem Euro, raus aus der EU, Frankreich zuerst - das ist ihr Appell und viele Menschen glauben den einfachen Schwarz-Weiß-Botschaften. Auch, weil sie von den etablierten Parteien enttäuscht sind.

Juristisch angeschlagen

François Fillon, der Präsidentschaftskandidat der konservativen Republikaner, galt als Hoffnungsträger. Doch jetzt wird wahrscheinlich juristisch gegen ihn ermittelt, weil er weit über 800.000 Euro aus der Staatskasse über Jahre hinweg an seine Frau Penelope und seine Kinder für eine Scheinbeschäftigung gezahlt haben soll. Fillon ist in den Umfragen seitdem deutlich zurückgefallen und seine eigene Partei möchte ihn eigentlich loswerden.

Auch Marine le Pen hat Ärger mit der Justiz. Ihr wird vorgeworfen als Abgeordnete des europäischen Parlaments regelwidrig knapp 300.000 Euro aus EU-Geldern an Parteimitarbeiter gezahlt zu haben. Die Rechtsextreme und der Konservative - zwei Präsidentschaftskandidaten, die zumindest juristisch angeschlagen sind. Beide wettern gegen die Justiz und die Medien. François Fillon spricht gar von "politischen Mord“, den die Justiz betreibe. Frankreichs Wahlkampf ist schmutzig und demagogisch.

Emmanuel Macron, parteiloser Präsidentschaftskandidat in Frankreich | Bildquelle: AP
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Emmanuel Macron, parteiloser Präsidentschaftskandidat: ER kämpft für Europa.

Ein Newcomer als Hoffnungsträger

Da bleibt Platz für den jungen Hoffnungsträger Emmanuel Macron. Einst Wirtschaftsminister unter Präsident Hollande, parteilos und mit seinen 39 Jahren blutjung für das Präsidentenamt. Macron bekennt sich zu Europa und kämpft für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft. Nach aktuellem Stand würde er es in die Stichwahl schaffen und dort gegen Marine le Pen antreten. Der Newcomer hätte dann allerbeste Chancen Frankreichs neuer Präsident zu werden. Ohne Partei im Rücken. Das gab es noch nie.

Es sind turbulente Zeiten in Frankreich. Manchmal scheint es, als ob sich das Ausland und vor allem die Wirtschaft mehr Sorgen um einen möglichen Sieg der Rechtsextremen machen, als die Franzosen selbst. Traditionell eher europaskeptisch sehen viele Franzosen momentan noch nicht, was es bedeuten würde, wenn Frankreich wirklich aus der EU austreten würde. Das wäre das Ende Europas, aber auch der wirtschaftliche Niedergang Frankreichs. Es bleibt spannend und schwer vorhersehbar.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. März 2017 um 15:00 Uhr.

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