Plakate von Le Pen und Macron | Bildquelle: AFP

Macron oder Le Pen? Die ungeliebte Wahl

Stand: 07.05.2017 00:09 Uhr

Macron oder Le Pen? Viele Franzosen wissen schon, wen sie heute wählen: Keinen von beiden. Insbesondere die Anhänger des Linkskandidaten Mélenchon wollen zu Hause bleiben. Doch eine niedrige Wahlbeteiligung könnte Macrons Chancen senken.

Von Maiken Nielsen für tagesschau.de

Die Verkaufsmanagerin einer Modeboutique nahe der Place de la République blickt von einem Stapel Pullover auf. "Mir ist es vollkommen gleich, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, ab jetzt spielt sich die Politik auf der Straße ab. Wir werden demonstrieren, wir werden alles blockieren. Diese Wahl ist ein Witz."

Die 29-Jährige zählt zu den Anhängern des Linkskandidaten Jean-Luc Mélenchon, der während der Vorwahlen am 23. April ausschied und sich somit nicht für die Stichwahl am Sonntag qualifizieren konnte. Sie nennen sich "France insoumise", aufsässiges Frankreich. Einer Umfrage zufolge, die das Team um Mélenchon unter seinen Anhängern durchführte, werden 36,12 Prozent der "Aufsässigen" ungültig wählen. 29,05 Prozent werden gar nicht erst zur Wahl gehen, und 34,83 Prozent wollen ihre Stimme Emmanuel Macron geben, um die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen zu verhindern. Damit würde der Anteil der Nichtwähler in Frankreich höher ausfallen als erwartet.

Auf die Wahlbeteiligung kommt es an

Mélenchon steht vor Kameras in Paris und hält sich den Zeigefinger zum Schweigen vor den Mund. | Bildquelle: AP
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Insbesondere die Anhänger Mélenchons wollen nicht wählen gehen.

Die Ankündigung der Linken, der Wahl großenteils fern zu bleiben, schwächt die Chancen auf einen Wahlsieg Macrons, der zwar in den Umfragen weiterhin vorn liegt, aber auf eine hohe Wahlbeteiligung angewiesen ist - denn die Wähler des Front National gelten als zuverlässiger.

Für Macron könnte zum Problem werden, dass die Franzosen "eine katastrophale Vorliebe für Beschäftigungslosigkeit" haben, wie der französische Historiker Jérôme Perrier mit leichter Ironie sagt. "Aber die hohe Arbeitslosigkeit" - derzeit sind rund zehn Prozent der Franzosen ohne Beschäftigung - "zersetzt unsere Gesellschaft seit nunmehr 40 Jahren. Als Linker kann man doch seinen Werten treu bleiben und trotzdem den Arbeitsmarkt reformieren, so wie es der Sozialdemokrat Schröder in Deutschland vor 15 Jahren getan hat."

Eine Frage der Richtung

Wie Frankreich umbauen - darum geht es bei der Wahl am Sonntag. Mit Macron und Le Pen stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, die unterschiedlicher in ihren politischen Visionen nicht sein könnten. Während Macron die hohe Arbeitslosigkeit mit Reformen bekämpfen will, die ein flexibles Renteneintrittsalter und Kurzarbeit mit einschließen, setzt Le Pen auf das Prinzip der "préférence francaise", die bevorzugte Einstellung von Franzosen in Frankreich.

Macrons Ziel ist es, Frankreich in der EU halten, während Le Pen eine Rückkehr zum Nationalstaat propagiert. Anstelle einer stabilen europäischen Gemeinschaftswährung will die Front National-Chefin zwei parallel existierende Währungen in Frankreich einsetzen.

Mit harten Bandagen gekämpft

Macron und Le Pen während ihres letzten TV-Duells vor der Wahl | Bildquelle: AFP
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Im TV-Duell griffen sich Macron und Le Pen scharf an.

Hinter beiden Kandidaten liegt ein Wahlkampf, der zunehmend verbissen geführt und zum Schluss regelrecht schmutzig wurde - mit unerwarteten Wendungen.

Während Le Pen sich im Wahlkampf bis zu den Vorwahlen am 23. April eine präsidiale Haltung zulegte, schwenkte sie danach auf die Rolle der radikalen Oppositionsführerin um. In der letzten TV-Debatte beschuldigte sie Macron, ein Offshore-Konto auf den Bahamas zu unterhalten. Macron klagte gegen den Vorwurf wegen Verleumdung.

Eine besonders dreiste Falschaussage während der Sendung: Le Pen erklärte auf Nachfrage Macrons, sich nie für eine Herabsenkung des Renteneintrittsalters auf 60 Jahre eingesetzt zu haben. Doch genau das hat sie am 11. April getan, wie ein Video beweist, das Le Front auf seine Seite gesetzt hatte. Damals hatte sie behauptet, die Rente mit 60 wäre unter den ersten zehn Maßnahmen, die sie ergreifen würde nach ihrem Einzug in den Elysée-Palast.

Gezielte Desinformation

 "Die Kandidatin des Front National wandte dieselbe Taktik des Angreifens und Unterbrechens an wie Donald Trump während der drei TV-Duelle mit Hillary Clinton", schreibt der Washington-Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Monde. "Und genau wie Hillary Clinton hat Emmanuel Macron während des Duells auf seine Expertise gebaut."

Dabei gelang es Macron, ehemaliger Wirtschaftsminister unter Francois Hollande, auch Le Pens Wunschtraum von zwei parallel existierenden Währungen auseinanderzunehmen. Die Rechtsaußen-Kandidatin, die während ihres Wahlkampfs für eine Rückkehr zur ehemaligen französischen Landeswährung Franc plädiert hatte, ruderte jüngst zurück und befürwortet nun zwei Währungen in Frankreich: den Euro, mit dem Unternehmen ihre internationalen Handelspartner bezahlen und den Francs für die Arbeitnehmer.

Als Antwort rechnete der ehemalige Bankier Macron aus dem Stehgreif den Schaden eines solchen Finanzsystems für die Volkswirtschaft am Beispiel eines Apfelbauern vor. "Bei einer Rückkehr zum Franc würde er 20 Prozent seiner Ersparnisse verlieren."

Wenig bleibt hängen

Doch weder die schmutzigen Tricks im Wahlkampf noch die offensichtlichen Lügen der Rechtsaußen-Kandidatin noch eine Justizaffäre schaden Le Pen in den Augen ihrer Anhänger. "Front National-Wähler informieren sich vor allem in sozialen Medien und somit in ihrer eigenen Filterblase", erklärt der französische Politologe Thomas Guénolé.

"Der Front National inszeniert sich wie ein Opfer des Systems", sagt der Historiker Jean-Yves Camus, dessen Forschungsschwerpunkt die Geschichte der rechtsextremen Partei ist. "Das ist eine Botschaft, die die Partei noch senden kann, weil sie noch nie das Land regiert hat."

Mancher fühlt sich erpresst

Und auch die Botschaft, dass es sich bei den Kandidaten, die am Sonntag zur Wahl stehen, um zwei Modelle handelt, die einander diametral gegenüberstehen, kommt nur bei einem Teil der französischen Wählerschaft an. Viele Franzosen fühlen sich angesichts des Aufrufs, Macron zu wählen, um Le Pen zu verhindern, erpresst.

"Ich wähle nicht zwischen zwei Übeln", sagt die Verkaufsmanagerin und legt die Pullover beiseite. "Denn für mich steht die Niederlage eines sozialen, solidarischen Frankreichs jetzt schon fest."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Mai 2017 um 20:00 Uhr.

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