"Paris est Charlie" (Paris ist Charlie) steht am Arc de Triomphe in Paris | Bildquelle: dpa

Frankreich nach dem Anschlag Mehr als 50 Stunden Terror sind vorbei

Stand: 10.01.2015 06:43 Uhr

Nach dem blutigen Ende zweier Geiselnahmen im Großraum Paris atmet Frankreich vorerst durch. Mehr als zwei Tage Terror sind zu Ende. Präsident François Hollande rief die Menschen in einer Fernsehansprache dennoch weiter zu Wachsamkeit auf. Die islamistische Bedrohung für das Land bestehe fort. Zugleich appellierte er an die Franzosen, "Einigkeit" im Kampf gegen Intoleranz zu zeigen. Er werde am Sonntag an dem großen "republikanischen Marsch" in Paris zum Gedenken an die Opfer der islamistischen Attacken teilnehmen.

Wenige Stunden zuvor hatten schwerbewaffnete Elitepolizisten in einem Doppelschlag zwei Geiselnahmen beendet. Die beiden Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34), die bei einem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" am Mittwoch zwölf Menschen getötet haben sollen, starben bei der Polizeiaktion in einem Ort nordöstlich der Hauptstadt.

Nachdem sie sich dort seit dem Morgen in einer Druckerei verschanzt hatten, eröffneten sie am späten Nachmittag das Feuer auf die Polizisten. In der darauffolgenden Schießerei wurden die beiden Brüder Kouachi getötet, wie der Staatsanwalt Francois Molins in einer Pressekonferenz bestätigte. Ein Mann, der sich zufällig im Gebäude aufgehalten hatte, in dem sich die Brüder verschanzt hatten, blieb unverletzt, sagte Molins weiter. Zwei Polizisten wurden bei der Aktion verletzt.

Fast zeitgleich schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu. Der 32-jährige Amedy Coulibaly hatte gegen Mittag in einem jüdischen Supermarkt mehrere Menschen als Geiseln genommen. Er steht auch im Verdacht, am Donnerstag im Süden von Paris eine Polizistin getötet haben. Bei der Erstürmung durch die Polizei wurde Coulibaly getötet.

Vier Geiseln starben. Augenzeugen berichteten, es habe bei der Polizeiaktion laute Explosionen gegeben. Zahlreiche Geiseln rannten aus dem Laden und brachten sich in Sicherheit, als die Polizei das Geschäft stürmte. Nach israelischen Informationen sollen insgesamt 15 Geiseln befreit worden sein. Die Polizei fand in dem Laden mit Zündern ausgestatteten Sprengstoff sowie weitere Waffen. Coulaby habe eine Kalaschnikow getragen.

Enge Abstimmung zwischen den Männern?

Zwischen den Taten gibt es offenbar eine Verbindung. Die drei Attentäter kannten sich, sie gehörten der gleichen Dschihad-Gruppe in Paris an. Bei ihren Taten stimmten sie sich nach einem Bericht des französischen Fernsehsenders BFMTV eng ab. Der Sender strahlte Originaltöne von Telefongesprächen aus, die er vor den Zugriffen der Polizei mit den Terroristen geführt hatte.

Waren die vier Geiseln schon tot, bevor die Polizei stürmte?

In einem Gespräch sagt Coulibaly, er habe sich mit den Brüdern Chérif und Said Kouachi abgesprochen. Die beiden sollten das Satireblatt "Charlie Hebdo" angreifen, und er wollte Polizisten ins Visier nehmen. Das Geschäft habe er bewusst ausgesucht, weil es jüdisch ist.

Auf die Frage, wie viele Menschen in dem jüdischen Supermarkt seien, antwortete Coulibaly demnach: "Es gibt vier Tote und 16 Personen mit Kind, das macht 17 mit einem Kind". Das hieße, dass die vier Geiseln schon tot waren, als die Polizei den Supermarkt gestürmt hat. Auch Staatsanwalt Molins sagte, es gebe mehrere Hinweise darauf, dass die Menschen bereits vorher getötet wurden. Nun warte man auf die Ergebnisse der Autopsie.

Das Gespräch von Coulibaly mit TV-Sender im Wortlaut

Der Islamist Amedy Coulibaly, der bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris mehrere Menschen tötete, rief am Nachmittag gegen 15 Uhr den französischen Sender BFMTV an. Etwa zwei Stunden später wurde er beim Zugriff von Elite-Polizisten erschossen. Das Gespräch mit BFMTV im Wortlaut:

BFMTV: Warum sind Sie dort?
Coulibaly: Ich bin hier, weil der französische Staat IS (die Dschihadisten-Gruppe Islamischer Staat, Anm. d. Red.), das Kalifat angegriffen hat.
BFMTV: Haben Sie Anweisungen bekommen?
Coulibaly: Ja.
BFMTV: Stehen Sie im Kontakt mit ihren beiden Brüdern (Chérif und Said Kouachi, die beim Angriff auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" am Mittwoch zwölf Menschen getötet haben sollen, Anm. d. Red.)?
Coulibaly: Ja. Wir haben uns für den Anfang dieser Operationen abgestimmt. Sie "Charlie Hebdo", ich die Polizisten.
BFMTV: Stehen Sie noch im Kontakt? Haben Sie sie in letzter Zeit mit dem Telefon erreicht?
Coulibaly: Nein.
BFMTV: Ist Ihre Frau bei Ihnen? (Nach Coulibalys 26-jähriger Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene wird wegen der tödlichen Schüsse auf eine Polizistin am Donnerstag südlich von Paris gefahndet, Anm. der Red.)
Coulibaly: Nein, ich bin alleine. Meine Frau ist nicht da.
BFMTV: Wieviele Menschen sind in dem Geschäft?
Coulibaly: Es gibt vier Tote und 16 Personen mit Kind, das macht 17 mit einem Kind (Coulibaly spricht mit jemandem). Er sagt, dass acht Frauen hier sind.
BFMTV: Was wollen Sie?
Coulibaly: Ich will, dass sich die Armee aus dem Islamischen Staat zurückzieht, aus allen Gebieten, wo sie den Islam bekämpft. Ich bin bereit zu verhandeln. Sagen sie ihnen, dass sie mich anrufen.
BFMTV: Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Coulibaly: Zum Islamischen Staat.
BFMTV: Waren Sie vor Ort?
Coulibaly: Ich habe es vermieden, denn es hätte mein Projekt gefährdet, wenn ich es gemacht hätte.
BFMTV: Haben Sie das Geschäft aus einem bestimmten Grund ausgesucht?
Coulibaly: Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des Islamischen Staats, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.
BFMTV: Stehen neben Ihren beiden Brüdern noch andere Personen mit Ihnen in Verbindung?
Coulibaly: Auf diese Frage werde ich nicht antworten. Es reicht mit den Fragen. Reichen Sie meine Nummer an die Polizei weiter.

Coulibaly behauptete in dem Telefonat mit dem Fernsehsender weiter, er habe Instruktionen der Terrormiliz "Islamischer Staat" bekommen. Frankreich habe den IS angegriffen, er wolle dass sich die Armee aus dem "Islamischen Staat" zurückzieht, aus allen Gebieten, wo sie den Islam bekämpft.

Neue Drohung von Al-Kaida-Ableger

Unterdessen drohte der Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) mit weiterer Gewalt in Frankreich. "Ihr werdet nicht mit Sicherheit gesegnet sein, so lange ihr Allah, seinen Verkünder und die Gläubigen bekämpft", sagte ein ranghoher Vertreter von Aqap in einem Video, das von dem auf die Beobachtung islamistischer Websites spezialisierten US-Unternehmen Site veröffentlicht wurde.

Die beiden Brüder Chérif und Said Kouachi sollen Verbindungen zu Aqap gehabt haben. Das gut fünf Minuten lange Video wurde laut Site wenige Stunden, nachdem Chérif und Said Kouachi von der Polizei getötet worden waren, ins Internet gestellt.

Reisewarnung für US-Bürger

Die USA gaben wenige Stunden nach dem Tod der Attentäter eine weltweite Reisewarnung für ihre Bürger heraus. Das US-Außenministerium warnte vor einer zunehmenden Gefahr von Angriffen gegen Amerikaner. Es könne zu Vergeltungsschlägen für die in Syrien und dem Irak von den USA angeführte Intervention gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" kommen, hieß es aus der Behörde des Außenministers John Kerry.

Der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" löste weltweites Entsetzen und eine beispiellose Solidarisierungswelle. Zu einem Solidaritätsmarsch für die Opfer des Anschlags wollen am Sonntag zahlreiche europäische Regierungschefs in die französische Hauptstadt kommen. Neben EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini sagten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Großbritanniens Premier David Cameron, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy, sein italienischer Kollege Matteo Renzi und Belgiens Premier Charles Michel ihre Teilnahme zu.

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