Brüsseler Flughafen | Bildquelle: REUTERS

Nach Anschlägen in Brüssel Der Flughafen bleibt geschlossen

Stand: 30.03.2016 03:15 Uhr

Eine Woche nach den Anschlägen von Brüssel kann der Flughafen noch nicht wieder geöffnet werden: Beim Versuch, den Betrieb behelfsmäßig wieder aufzunehmen, zeigten sich Probleme. Doch auch in anderen Bereichen Belgiens läuft es alles andere als rund.

Von Andreas Meyer-Feist, ARD-Studio Brüssel

Der Flughafen ist zu und er bleibt zu. Morgen vielleicht kann die erste Maschine wieder landen, heißt es diffus bei der Flughafen-Verwaltung und im belgischen Innenministerium. Sicher ist das nicht. Und viele Brüsseler möchten ihren Airport am liebsten ganz meiden. In den Köpfen stecken die Bilder des Terrors: "Traurig ist das alles - es tut weh".

Chris Mongua musste gestern trotzdem zum Flughafen. Er arbeitet dort. Er und weitere rund 800 Kollegen mussten zu einem ungewöhnlichen Dienst antreten. Der junge Mann ist normalerweise in der Gepäckabfertigung beschäftigt. Gestern wurde er zu einem neuen Ziel auf dem Flughafen beordert: In das Untergeschoss der Abflughalle und in ein neues großes Zelt vor einem seitlichen Abflug-Terminal, das nicht beschädigt wurde. Das Zelt soll die völlig verwüstete Haupt-Abflughalle ersetzen.

Airport Brüssel bleibt weiterhin gesperrt
tagesschau 17:00 Uhr, 30.03.2016, Christian Feld, ARD Brüssel

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Abfertigung im Zelt

Dort ist - außer der Statik - fast alles kaputt: Klima, Elektrik, Computer, Schalter. In den kommenden Monaten sollen die Fluggäste also in einem vorgelagerten Zelt abgefertigt werden. Dort sind schon Computer und eine Gepäcktransportanlage installiert worden. Der Notbetrieb muss eingeübt werden. Er und seine Kollegen schlüpften in die Rolle der Fluggäste, um das Provisorium zu testen, das ein sehr langes werden könnte. Die Zerstörungen sind größer als vermutet.

Beim Testlauf gab wohl noch einiges Durcheinander - die Sicherheitsbehörden waren gestern noch nicht ganz zufrieden. Eigentlich sollte der Betrieb mit ersten Starts und Landungen am Nachmittag hoch gefahren werden. Daraus wird nichts. Vielleicht morgen. Auch das ist nicht sicher. Viele Fluggesellschaften sind dazu übergegangen, gebuchte Flüge bis mindestens Ende der Woche zu canceln oder den Kunden Alternativen anzubieten.

Psychologisch belastend

Der Testlauf war auch eine psychologische Herausforderung. Auch jene Beschäftigten, die nicht unmittelbar Zeuge der Anschläge wurden, könnten unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Belastend war der Test jedenfalls für alle, auch für den Gepäckspezialisten Chris Mongua: "Es war ein ungutes Gefühl, als ich heute Morgen das erste Mal nach den Anschlägen wieder hier war. Plötzlich war alles anders. Das tut sehr weh".

Brüsseler Flughafen | Bildquelle: dpa
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Der Flugbetrieb wurde noch nicht wieder aufgenommen, die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen sind erhöht.

5000 Passagiere pro Stunde - das war die Airport-Leistung vor dem Anschlag. Das Provisorium schafft 800. Höchstens. Das ganze ausgerüstet mit deutlich erhöhter Sicherheit. Kein Gepäckstück bleibt undurchleuchtet, bevor es in irgendeinen geschlossenen Raum geschoben werden darf. Das ist neu. Und so wird es wohl auch in der regulären Abflughalle sein. Nach der Komplettrenovierung, die viele Monate in Anspruch nehmen soll - ein Problem vor allem für Brussels Airlines: Ihr wichtigstes Drehkreuz ist auf Dauer nur im Notbetrieb und stark reduziert zu gebrauchen.

Hohe Verluste für Fluglinien und Flughafen

Airline-Sprecherin Kim Danen rechnet mit Millionenverlusten. Wichtig sei es aber jetzt, die Fluggäste zu informieren: "Wann geht mein Flug nächste Woche? Geht er überhaupt? Wir wissen es auch nicht. Aber die Menschen wollen Antworten und Kontakt." Viele Fluggesellschaften sind auf kleine Nachbar-Airports ausgewichen: Charleroi, Lüttich, selbst Oostende wird angeflogen. Von dort geht es dann per Zug oder Bus nach Brüssel.

Weiter Diskussion um Ermittlungspannen

Mit ungläubigem Staunen reagieren viele Brüsseler auf mögliche Ermittlungspannen der Polizei. Die Brüssel-Attentäter Ibrahim und Kalid El Bakraui waren angeblich fast unmittelbar vor den Anschlägen im Visier der Ermittler, behauptet die niederländische Polizei. Amerikanische Sicherheitsbehörden hätten vor möglichen Terrorgefahren gewarnt, die von den beiden Brüdern ausgehen könnten.

Die Warnung ging zunächst an die niederländische Polizei, heißt es im niederländischen Justizministerium - und weiter: Über das radikale Vorleben der beiden Männer sei dann mit der belgischen Polizei gesprochen worden. Angeblich fünf Tage vor den Anschlägen. Hätten die Anschläge bei einer besseren Ermittlungsarbeit verhindert werden können?

Drei Männer mit Gepäckwagen - zwei davon mit je einem Handschuh (markiert) | Bildquelle: AFP
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Dieses Bild veröffentlichte die belgische Polizei - es soll die Attentäter vom Flughafen zeigen.

Anzunehmen ist das nur, wenn klar war, was die beiden Brüder planten - und wo sie sich aufhalten. Das alles wussten wohl weder die belgischen, niederländischen noch die amerikanischen Ermittler. Immer ging es nur sehr pauschal um ein mögliches "terroristisches Täterprofil", nicht aber um eine dringende Warnung.

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Anschläge in Brüssel

Am Dienstagmorgen sprengen sich zwei Selbstmordattentäter auf dem Brüsseler Flughafen in die Luft, ein dritter kurz darauf in einer U-Bahn.

Ein in Rauch gehüllter Terminal am Flughafen in Brüssel

Am Dienstagmorgen ereigneten sich gegen 8.00 Uhr zunächst am Flughafen Brüssel-Zaventem kurz nacheinander zwei Explosionen. Augenzeugen wollen zuvor außerdem Schüsse gehört haben. Eine Person habe etwas auf Arabisch gerufen, berichteten mehrere Menschen vor Ort der Nachrichtenagentur Belga. Direkt nach dem Anschlag machen Passagiere Fotos. Hier sieht man, wie Passagiere nach der Explosion vom Boden aufstehen. Der ganze Terminal ist in Rauch gehüllt. | Bildquelle: AP

Belgiens Regierung wehrt sich

Belgiens Justizminister Koen Geens sprach indirekt von unwahren Behauptungen. Die niederländischen Behörden hätten nicht einmal den Namen des Terrorverdächtigen genannt, bei einem Routinetreffen beider Polizeibehörden wenige Tage vor den Anschlägen. Aussage steht gegen Aussage.

Belgiens Justizminister Geens wehrte sich gegen eine seiner Meinung nach "völlig überzogenen Kritik aus dem Ausland" an der belgischen Polizeiarbeit: "Man kann Belgien nicht die ganze Zeit an den Pranger stellen. Es gibt auch Dinge, die gut laufen. Das heißt nicht, dass es keine Ermittlungspannen gab. Die müssen aufgeklärt werden. Aber es geht nicht, immer mit den Wölfen zu heulen", erklärte Geens vor dem Justizausschuss des belgischen Parlaments.

Vorbild Frankreich?

Hier wurden Beschlüsse gefasst, die der Polizei deutlich mehr Ermittlungs- und Zugriffsspielraum geben sollen, das Ganze nach französischem Vorbild: Dort wurde Ähnliches nach den Paris-Anschlägen beschlossen. Hausdurchsuchungen darf es künftig rund um die Uhr geben, Abhörmaßnahmen werden verstärkt und ausgeweitet. Und die Daten von Verdächtigen können bis zu 30 Jahre lang in den einschlägigen Polizeidateien gespeichert und verwendet werden. Gefahren sollen frühzeitiger erkannt werden.

Neue Anwerbeversuche

Sorgen bereiten Anwerbeversuche militanter Islamisten in der Brüsseler Stadtgemeinde Molenbeek, fünfzehn Minuten zu Fuß vom Brüsseler Börsenplatz, wo ein Blumenmeer an die Opfer der Anschläge erinnert. Nach den Anschlägen hätten viele Jugendliche eindeutige SMS-Mittelungen bekommen mit den Worten: "Mein Bruder, warum folgst Du uns nicht in den Kampf gegen die Westler? Triff die richtige Wahl in Deinem Leben."

Die Polizei versucht, die Absender zu ermitteln - bisher vergeblich. Die Mitteilungen wurden über Prepaid-Handys abgewickelt, freigeschaltet mit falschen Identitätsdaten. "Unsre Jugendlichen sind in Gefahr, angesichts dieser Raubtiere", warnte der Molenbeeker Bezirksabgeordnete Jamal Ikazban. Die Polizei müsse mehr tun gegen diese Rekrutierungsversuche. Die Sicherheitsbehörden kämpfen in diesen Tagen an vielen Fronten - und nicht selten tun sich Abgründe auf.

 

Probelauf am Brüsseler Flughafen nach dem Terror - trotzdem bleibt er erst einmal zu
A. Meyer-Feist, HR Brüssel
30.03.2016 01:13 Uhr

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