Flüchtlingskinder in Italien | Bildquelle: AP

Missbrauch von Flüchtlingskindern "Kein Kind sollte dem ausgesetzt sein"

Stand: 12.09.2017 03:52 Uhr

Sie werden gefoltert, vergewaltigt und versklavt: Viele Kinder, die sich über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa aufmachen, durchleben laut UNICEF eine traumatische Zeit. Das UN-Kinderhilfswerk fordert deshalb sichere und legale Wege in die EU.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Dass Flüchtlinge und Migranten bereit sind, durch die Hölle zu gehen, um Europa zu erreichen, beweisen sie jeden Tag aufs Neue. In noch viel größerer Gefahr auf ihrer oft lebensgefährlichen Reise ausgebeutet, misshandelt, versklavt zu werden, würden jedoch Kinder und Jugendliche schweben, erklärt die Direktorin von UNICEF in Brüssel, Sandie Blanchet.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat für ihren aktuellen Report gemeinsam mit der "Internationalen Organisation für Migration" insgesamt 11.000 Minderjährige befragt. "Das Bild, das diese Kinder zeichnen, ist einfach grauenhaft. Kein Kind sollte dem ausgesetzt sein, was sie durchmachen müssen", sagt Blanchet. "Die Kinder benutzen in ihren Beschreibungen Begriffe wie: Folter, Erschießen, Töten, Vergewaltigung, Sklaverei."

Ohne Eltern doppeltes Risiko

Ist ein Kind alleine unterwegs, ohne schützende Familie oder Begleitung, verdopple sich das Risiko, erklärt Blanchet im Interview mit dem ARD-Studio Brüssel. Nicht untypisch sei, dass Jugendliche sich mit ein bisschen Geld in der Tasche auf den Weg machten. Und mit dem Vorsatz, in Libyen zu arbeiten, um dann für den letzten Teil der Reise nach Europa bezahlen zu können.

"Wir haben mit zwei Brüdern gesprochen, die davon berichten, dass sie etwa zwei Monate lang mit etwa 200 anderen Afrikanern auf einer Farm den ganzen Tag arbeiten mussten", so Blanchet. "Sie wurden geschlagen, bedroht und nachts eingesperrt, damit sie nicht entkommen konnten."

Acht von zehn Kindern auf der zentralen Mittelmeerroute - also der, die letztlich von Libyen nach Italien führt - würden von Ausbeutung oder Missbrauch berichten. Das ist das Ergebnis der neuen Studie, die den Titel "Harrowing Journeys" ("Erschütternde Reisen") trägt.

Die Beine einer Gruppe von Flüchtlingskindern | Bildquelle: AFP
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Acht von zehn Kindern auf der zentralen Mittelmeerroute berichten von Ausbeutung oder Missbrauch.

"Die brechen aus Verzweiflung auf"

"Wir reden hier von atemberaubend hohen Zahlen", sagt UNICEF-Direktorin Blanchet. Ziel des UN-Kinderhilfswerks ist dabei auch, mit Hilfe der Studie die Europäische Union aufzurütteln. Europa müsse sich um die hohe Zahl traumatisierter Kinder kümmern, so lautet das eine Anliegen. Und: Die EU müsse sichere und legale Wege auf den Kontinent öffnen - wobei man bei UNICEF das Argument der Gegner dieser Öffnung sehr genau kennt. Laut Kritikern würden legale Wege die Anziehungskraft Europas nur noch erhöhen und für noch mehr Migration sorgen.

Doch im Zeitalter der modernen Medien wüssten die Kinder gut Bescheid über die Risiken, sagt Blanchet: "Die brechen aus Verzweiflung auf. Und wir beenden die Verzweiflung nicht, indem wir einfach die Grenzen schließen."

Europa könne jedenfalls auf gar keinen Fall Kinder und Jugendliche wieder zurück nach Libyen schicken, warnt UNICEF. Oder in irgendein anderes Land, in dem ihnen Gefahr drohe.

Studie: Flüchtlingskinder berichten von Missbrauch und Ausbeutung
Kai Küstner, NDR Brüssel
12.09.2017 07:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. September 2017 um 08:50 Uhr.

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