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Menschen aus aller Welt sind hier gerne gesehen, zumindest die meisten - Lampedusa lebt schließlich vom Tourismus. Urlauber kommen auch weiterhin, bekannt ist die Insel aber inzwischen vor allem für die illegalen Einwanderer, die in Booten angespült werden. Sie bringen die Auffangeinrichtungen der Insel an den Rand ihrer Kapazität. Schon 23.000 kamen in diesem Jahr - und es werden noch mehr.
Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
[Bildunterschrift: Auf alten Booten wie diesem versuchen Flüchtlinge aus Afrika nach Europa zu kommen. ]
"Heute früh ist wieder eine große Zahl von Flüchtlingen auf Lampedusa gelandet. Ihr Boot wurde in den Hafen der Insel gebracht", sagt der Nachrichtensprecher im italienischen Fernsehen. Meldungen wie diese hört man häufig. Sie bedeuten: Es müssen ein paar hundert Menschen gewesen sein, drunter schafft es eine Meldung inzwischen nicht mehr auf den Schirm.
Maximal 850 Clandestini - so werden die illegalen Einwanderer in Italien genannt - können im Flüchtlingslager auf Lampedusa normalerweise untergebracht werden. Diesen Sommer waren lange Zeit mehr als 1.500 Menschen dort. Über kurze Zeit sogar mehr als 2000. Die hygienischen Zustände müssen katatstrophal gewesen sein. "Ich habe die Zustände dort persönlich gesehen", sagt Insel-Bürgermeister Bernardino de Rubeis. "Duschen voller Urin, überall Dreck und Müll. Viele Flüchtlinge müssen auf Matratzen außerhalb der dafür vorgesehenen Räume schlafen und auch draußen essen - direkt neben Abfallsäcken. Wenn da mehr als 1200 Menschen leben müssen, funktioniert das ganze Lager nicht mehr."
[Bildunterschrift: Wer den gefährlichen Trip geschafft hat, fühlt sich im Flüchtlingslager auf Lampedusa sicher. ]
Das Lager: Für viele ein Albtraum - für die, die den gefährlichen Trip geschafft haben, hingegen das Ziel ihrer Träume. Es ist fast ein kleines Dorf, weit weg von den Touristenstränden, mit Metallzäunen gesichert. Alle Bootsflüchtlinge, die auf der Insel ankommen, werden hierher gebracht. Alles wirkt sauber, luftig und modern. Verlassen dürfen die Boat-People das Lager nicht - wie ein Gefängnis wirkt das Centro di Accoglienza aber keinesfalls. "Alle Räume haben Klimaanlage und Heizung, drinnen gibt es viele Telefonkabinen, damit die Menschen zuhause anrufen können". sagt die stellvertretende Lagerchefin Paola Silvino. "Sie bekommen auch Telefonkarten von uns."
[Bildunterschrift: Flüchtlinge in Lampedusa ]
Nach der Ankunft im Lager werden die Menschen zunächst ärztlich untersucht. Dann gibt es neue Kleider und Hygieneartikel für alle. Anschließend geht es auf die Zimmer - getrennt nach Geschlechtern. Man geht auf Nummer sicher. Familien, so erklärt Paola Silvino, werden zusammen gelegt, wenn das Lager nicht überfüllt ist. Vor der Mensa, dem Speisesaal, sitzen viele Menschen im Schatten. Sie schlagen die Zeit tot, warten auf ihre Verlegung. Einige sind fast eine Woche hier. Die wenigen, die Englisch oder Italienisch sprechen, bestätigen, dass sie gut behandelt werden. Und sie erzählen über ihre abenteuerlichen Reisen."Sechs Tage waren wir unterwegs, das war ganz schön anstrengend", sagt Blessin Okoro, eine junge Frau aus Nigeria. "Nichts zu essen, kein Wasser, überhaupt nichts. Uns gings die sechs Tage echt schlecht und ziemlich gefährlich war das auch. Aber ich habe doch keine Wahl, weil ich Hilfe brauche." Als Grund für die Flucht übers Mittelmeer gibt sie an, in ihrem Heimatland sei ihre Familie bedroht worden, warum, sagt sie nicht.
An den illegalen Einwanderern lässt sich gut verdienen, die Flüchtlingstransporte übers Mittelmeer sind zu einer Art Industrie geworden. Viele andere "Clandestini" im Lager von Lampedusa berichten, dass für die Überfahrt mit den wackligen Booten horrende Summen verlangt werden. Akin hätte die Fahrt fast nicht überstanden. Wie so oft ging zunächst der Proviant zu Ende, dann das Trinkwasser - und das Schiff war überladen. "Das war ein großes Boot, da waren etwa 250 Menschen drauf. Die Rettung habe ich dann nicht mehr mitgekriegt, ich war wohl ohnmächtig."
Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen bemerken, dass immer mehr "Clandestini" die Insel in schlechtem Gesundheitszustand erreichen. "Häufig gibt es Verletzungen, Verbrennungen durch das Benzin der Motoren, Hitzschläge, Probleme durch fehlendes Trinkwasser", sagt Marinella Cantalice. "Und dann muss man auch sagen, dass immer mehr schwangere Frauen hier ankommen. Die machen diese sowieso schon riskante Überfahrt mit, obwohl sie in einem sehr verletzlichen Zustand sind."
[Bildunterschrift: Küstenwache versorgt bei Lampedusa einen Flüchtling. ]
Etwa 23.000 Menschen sind dieses Jahr schon auf Lampedusa gelandet und es werden noch mehr - auch wenn nicht alle es schaffen. Vor Malta sind im August 70 Menschen ertrunken. Diese Woche haben Flüchtlinge berichtet, dass Schlepper während der Überfahrt kranke Menschen ins Meer geworfen haben sollen. Und von vielen Fällen dürfte man gar nicht erst erfahren.
Viele Einwohner von Lampedusa haben zwar Mitleid mit den Clandestini, aber das Flüchtlingsproblem sorgt auch für Fremdenfeindlichkeit. In den italienischen Medien wird in der letzten Zeit häufiger über Angriffe auf Ausländer berichtet - und über Misshandlungen durch die Polizei. Emanuele Bonso aus Parma, ein schwarzer Jugendlicher, wurde auf dem Schulweg mit einem Drogendealer verwechselt - und offenbar von den Beamten verprügelt. "Die sagen ich sei hingefallen, aber man sieht dass das Auge wegen eines Faustschlags zugeschwollen ist", erzählt er. "Die haben mich die ganze Zeit geohrfeigt. Und sie beschimpften mich als Neger. Einer von denen sagte, er hätte Lust mir das Gesicht zu zermatschen."
Die Stimmung wird gereizter. Auch das ist ein Aspekt, der bei der Einwanderungsdebatte eine Rolle spielt. Die Zahlen nehmen zwar zu, man muss aber klar sagen: Die wenigsten Migranten kommen auf dem Seeweg. Die große Mehrzahl reist mit einem Touristenvisum ein und taucht dann ab. Italien hat versucht, das Problem politisch in den Griff zu bekommen. Vergeblich. Ein Vertrag mit Libyen zeigt bisher keine Auswirkungen und ein von der Berlusconi Regierung geplantes Gesetz, illegale Einwanderer mit bis zu 4 Jahren Gefängnis zu bestrafen, musste – wohl auf Druck der EU – entschärft werden. Jetzt ist von Geldstrafen die Rede. Wie die die Illegalen bezahlen sollen, ist aber eine andere Frage.
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