Blaues Zelt mit Helfern in Dimitrovgrad

Reportage von der Balkanroute "Sonst gehst du kaputt"

Stand: 08.12.2015 04:33 Uhr

Gerade erst sind die freiwilligen Helfer aus Köln an der serbisch-bulgarischen Grenze angekommen - schon stehen ihnen in Dimitrovgrad Dutzende Flüchtlinge gegenüber: ausgehungert und unterkühlt. Eine Reportage über deren Flucht - und über Versuch zu helfen.

Von Michael Heussen, WDR

Drei Stunden südlich von Belgrad biegen wir vom Autoput, der Transitstrecke durch das ehemalige Jugoslawien, auf die Landstraße, die nach Bulgarien und weiter in die Türkei führt. Der letzte Ort vor der Grenze ist Dimitrovgrad. Es gibt viele Geschäfte, einige Restaurants, ein Hotel. Hier macht man Halt, wenn man auf dem Weg nach Istanbul ist.

Wenn wir nicht wüssten, wo wir suchen müssten, wir würden keine Flüchtlinge sehen. Denn die serbischen Behörden haben das Lager weit draußen am Ortsrand neben einem Polizeigebäude errichtet. Doch unser Ziel ist erst einmal ein kleines blaues Zelt kurz davor an einer Straßenecke: ein Gartenpavillon, der mit ein paar zusätzlichen Planen gegen Wind und Regen schützen soll.

Von Köln nach Dimitrovgrad - Hilfe für Flüchtlinge in Serbien
07.12.2015, Michael Heussen / Wolfgang Bausch, WDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Zu wenige Helfer

Was für ein Kontrast zum gepflegten Straßenbild in Dimitrovgrad: Dutzende Männer stehen um eine Feuertonne. Sie sind in Decken gehüllt, über denen sie Plastikponchos gegen die Nässe tragen. Im Zelt schenken Helfer aus England Tee aus und verteilen Sandwiches, mit Schokocreme bestrichen. Eigentlich wollten wir nur mal schauen und dann erst am nächsten Tag wiederkommen. Aber es sind zu wenige Helfer da. Wir packen direkt mit an. Und keine fünf Minuten später bin ich für die Ausgabe von Tee und Broten verantwortlich.

Die Männer, die in einer Traube um uns stehen, wirken total erschöpft, durchnässt und frieren. Wir kommen mit dem Ausschenken von Tee kaum nach, die Brote werden uns von einigen regelrecht aus den Händen gerissen. Die Flüchtlingskrise, das Elend der Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, bekommt auf einmal nicht nur ein Gesicht, sondern ein paar Dutzend Gesichter.

Einige der Männer sprechen englisch. Sie erzählen, dass sie alle aus Afghanistan geflüchtet seien. Erst runter nach Pakistan, dann über den Iran und die Türkei nach Bulgarien. Ihre Ziele: Schweden, Belgien und Deutschland. "Werden sie uns denn dort nehmen?", fragt mich ein junger Mann. Ich kann ihm keine Antwort geben.

Hunde, Schlagstöcke, Elektroschocker

Auf einmal steht unter den vielen Männern eine Großfamilie mit mehreren Frauen und zwei Kindern. Sie kommen aus Syrien, sagen sie. Die Geschichten, die sie erzählen, sind grauenhaft: Wie sie von der Polizei durch Bulgarien gejagt wurden, mit Hunden, mit Schlagstöcken, mit Elektroschockern. Ich kann das erst gar nicht glauben: Bulgarien, das ist doch ein EU-Land. Doch ich höre diese Geschichten über Misshandlungen und Unmenschlichkeiten wieder und wieder. Und mir wird klar, dass Europa an vielen Ecken nicht wie das ersehnte rettende Ufer wirkt.

Am nächsten Tag sehe ich zum ersten Mal das Lager, das die serbischen Behörden eingerichtet haben. Mir erscheint es wie das nackte Grauen: Drei Schlafcontainer - vier Etagenbetten für acht Flüchtlinge. Aber die Flüchtlinge erzählen mir, dass sie hier mit 35 Leuten drin gelegen haben. Es verschlägt mir den Atem. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Es gibt einen Wasserhahn im Freien mit einem Bottich darunter, drei Baustellenklos - sonst nichts. Die Container für Verpflegung und medizinische Versorgung schließen schon am Nachmittag. Darum ist das Zelt der freiwilligen Helfer - außerhalb des Lagergeländes - am Abend und in der Nacht so wichtig.

Kameramann (li.) und Michael Heussen
galerie

Michael Heussen hat die Helfer nach Dimitrovgrad begleitet.

Wichtig ist für die Flüchtlinge auch die Holzbude einer serbischen Hilfsorganisation: Hier können sie ihre Handys aufladen, und hier bekommen sie eine Landkarte in die Hand gedrückt. Sie zeigt den Weg von Dimitrovgrad an die österreichisch-deutsche Grenze. Ich lerne hier einen Mitarbeiter vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR kennen. Seine Aufgabe ist es, die Geschichten der Flüchtlinge zu protokollieren und Berichte zu verfassen. Konkret helfen kann er nicht. Er ist allein hier.

Das Schlimmste überstanden

Trotz der primitiven Lebensumstände im Lager: Die schlimmsten Strapazen scheinen die Flüchtlinge hier erst mal hinter sich zu haben. Ihre Wunden, vor allem an den Füßen, werden hier gepflegt. Sie bekommen zu essen und zu trinken und können sich bei den Kleiderspenden bedienen. Doch ganz so einfach macht es Serbien ihnen auch nicht: So ist etwa das Spenden von gebrauchten Schuhen verboten, wegen der Gefahr der Übertragung von Fußpilz, heißt es. Bei all den Blessuren, den offenen Blasen an den Füßen, die ich hier gesehen habe, ist Fußpilz das geringste Übel.

All die freiwilligen Helfer treffen sich am anderen Ende der Stadt in einem Haus, das sie für ein paar 100 Euro im Monat gemietet haben. Hier können sie schlafen, Essen kochen, aber auch das Hilfsmaterial lagern. Tarek, ein mit einer Serbin verheirateter Syrer, und Jakob aus Deutschland organisieren den Tagesablauf. Sie haben Schichtpläne entworfen, damit das Zelt neben dem Flüchtlingslager rund um die Uhr besetzt ist. Und hier, im Haus, ist auch Zeit, die Geschehnisse des Tages zu besprechen und zu verarbeiten.

Nicole Malmedé, eine der Helferinnen aus Köln, hilft schon zum vierten Mal Flüchtlingen auf dem Balkan. Sie gibt uns einen guten Tipp: "Nimm Dir die eine Szene raus, in der Du helfen konntest. In der Du einem kleinen Kind Schuhe geben konntest, oder einer Familie. Das musst du Dir einbrennen. Sonst gehst Du kaputt."

Darstellung: