Kinder in Erbil | Bildquelle: dpa

UNICEF-Kindergarten in Flüchtlingslager Zwei Container Kindheit

Stand: 08.06.2015 05:09 Uhr

Unter den vom Terror des "Islamischen Staates" vertriebenen Menschen sind auch viele Kinder und Jugendliche. Das Kinderhilfswerk UNICEF versucht in Erbil, ihnen ein wenig Normalität zu geben. Viele müssen erst wieder lernen, fröhlich zu sein und zu spielen.

Von Peter Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zzt. Erbil

Seit zehn Monaten lebt ein Großteil der rund 1,5 Millionen Flüchtlinge, die vor den Terrorhorden des sogenannten Islamischen Staates (IS) aus den Gebieten des Nordirak fliehen mussten, in Lagern - im kurdischen Autonomiegebiet, in dem sie Schutz gefunden haben. Die Hälfte der Heimatlosen sind Kinder und Jugendliche. Plötzlich herausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung, stehen sie ohne eigene Spielsachen da, getrennt von Freunden – konfrontiert mit einem Leben im Lager.

Das Kinderhilfswerk UNICEF der Vereinten Nationen hat erst nach und nach in den Flüchtlingslagern des kurdischen Autonomiegebietes Beschäftigungsmöglichkeiten für diese Kinder eingerichtet. Sie sollen so wieder in die Normalität zurückgeführt werden.

Es wird gesungen, getanzt und geklatscht. Ein junger Mann, der auf einer Klampfe irakische Volkslieder spielt, animiert die Acht- bis Zehnjährigen, immer wieder mitzumachen. Es herrscht eine ausgelassene, ja fröhliche Stimmung. Den Kindern ist auf den ersten Blick nicht anzumerken, welche Horrorerlebnisse sie hinter sich haben.

Kinder in Erbil | Bildquelle: dpa
galerie

Zurück zur Normalität finden: Flüchtlingskinder in Erbil.

Einige Stunden Kind sein

Der UNICEF-Kindergarten im Lager Badschid Kandala 2 nördlich der Provinzhauptstadt Dohuk, wurde in zwei Containern unterbracht. Auf dem Boden ein großer Teppich, es gibt Stühle und Tische. An den Wänden hängen von Kindern gemalte Bilder. In einem Regal sind jede Menge Spielsachen verstaut – kleine Bälle, Brettspiele, Stofftiere. Der Container ist klimatisiert.

Hier sollen Kinder und Jugendliche zumindest einigen Stunde pro Tag Ablenkung finden, erklärt die Leiterin Kaywana Amir: "Wir bringen den Kindern und Jugendlichen Englisch bei oder auch Rechnen, sie können malen, wir lesen ihnen auch Geschichten vor. Wir veranstalten aber auch kleine Sportwettkämpfe, wo sie miteinander wetteifern können. Einmal die Woche gibt’s eine Art kleine Party, da sollen sich alle so verhalten können, wie es eigentlich kindgerecht ist. Wir versuchen ihnen so viel Normalität zu geben, wie nur möglich. "

Sie sollen das Lagerleben zumindest vorübergehend vergessen können, sagt die 29-Jährige, die gemeinsam mit mehreren Kolleginnen in drei Schichten am Vormittag insgesamt 300 Kinder betreut. Das ist nur ein Bruchteil der unter 17-Jährigen, die insgesamt in dem Flüchtlingslager mit über 12.000 Menschen leben.

Assala, acht Jahre alt und seine ältere Schwester Kinan, die mit ihren Eltern vergangenes Jahr aus einem Dorf nahe des Sindschargebirges fliehen mussten, gefällt es im Kindergarten: "Es ist schön hier, so viele Kinder, wir können miteinander spielen, sagt Kinan. Ich würde viel lieber draußen sein, meint ihr zwei Jahre jüngerer Bruder, aber es ist einfach zu heiß. Musik und singen und zusammen mit den anderen im Kreis tanzen, das gefällt uns beiden sehr."

Erst muss die Angst überwunden werden

Als die Betreuungseinrichtung vor einigen Monaten im Lager Badschid Kandala 2 aufgemacht wurde, gab es durchaus Startschwierigkeiten: "Am Anfang wollten viele der Kinder erst nicht spielen. Da war immer wieder zu hören wir haben Angst vor IS, bis wir sie davon überzeugen konnten, dass ihnen hier keine Gefahr droht im Kindergarten. Erst nach und nach konnten sie diese Furcht ablegen und jetzt herrscht überwiegend Fröhlichkeit."

Die Betreuerinnen werden von einem Psychologen unterstützt. Rund Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen, die jetzt täglich kommen, waren zu Beginn hochtraumatisiert, durch erlebte Gewalt der Terrormilizen des IS, Flucht und Vertreibung. Jetzt gibt es nur noch 2 oder 3 Fälle pro Woche, so Kaywana Amir, Kinder die neu ins Lager und dann in den Kindergarten kommen: "Erst vor zwei Tagen hatten wir ein Kind hier, das sich geweigert hat mit den anderen zu spielen. Wir haben es bislang nicht geschafft, den Kleinen dazu zu bewegen hier zu bleiben. Von den Eltern wissen wir, dass er schlimme Dinge des IS gesehen hat, was genau wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, ob er noch einmal wieder kommt."

Hilfe auch für Jugendliche

Während die Kleineren spielerisch beschäftigt werden, versuchen die Betreuerinnen den Älteren Hobbys nahezubringen. Musizieren, ein Musikinstrument lernen beispielsweise, beim Basteln kreativ zu sein oder auch in Malgruppen ihre Fähigkeiten zu entdecken.

Kinder und Jugendliche so schnell und so behutsam wie möglich wieder in ein weitgehend normales, geregeltes Leben zurück zu begleiten ist unsere größte Aufgabe, erklärt Jeffrey Bates von UNICEF Irak. Es werden bewußt Hilfskräfte ausgewählt, die aus der unmittelbaren Heimat der Vertriebenen herstammen: "Kinder und auch Erwachsene reagieren besser und schneller, wenn sie diese Leute als Vertraute wahrnehmen, die ihre Sprache sprechen, ihre Kultur kennen. Daher wählen wir Leute, die das alles mitbringen und dann noch die entsprechenden Fähigkeiten besitzen zu helfen. So gelingt es in der Regel schneller, diese Menschen wieder in die Normalität zu führen."

UNICEF-Kindergarten in einem Flüchtlingslager
P. Steffe, ARD Erbil
07.06.2015 23:45 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Trotz dieser Hilfsangebote wie Betreuung von Kindern und Jugendlichen sowie schulische Ausbildung mit Abschluss ist die Arbeit von UNICEF im Irak derzeit ein Wettlauf gegen die Zeit. Trotz aller Bemühungen kann nur ein Bruchteil der geschätzt vier Millionen Kinder und Jugendliche, die inzwischen dringend auf Hilfe angewiesen sind, erreicht werden - zumindest diejenigen, die in Lagern Unterschlupf gefunden haben, erhalten Hilfe. Für die Anderen sieht die Zukunft noch düsterer aus.

Es wird befürchtet, dass die humanitäre Situation, aufgrund der immer neu aufflammenden Kämpfe im Irak sich noch weiter verschärft.

Darstellung: