Immer mehr Flüchtlinge wagen Überfahrt Gefährliche Routine vor Italiens Küsten

Stand: 20.08.2013 12:55 Uhr

Momentan ist das Mittelmeer relativ ruhig - viele Flüchtlinge wagen deswegen die Überfahrt nach Italien. Jeden Tag rettet die Küstenwache Menschen von überfüllten und untauglichen Booten. Für manche Flüchtlinge endet die Reise aber tödlich.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Hörfunkstudio Rom

Für die italienischen Sicherheitskräfte zur See ist das inzwischen Routine - an diesem Morgen war es die Besatzung der "Fosca", die südlich der Insel Lampedusa kreuzte, als sie ein Holzschiff in einer gefährlichen Lage entdeckten.

Um vier Uhr morgens habe man ein Schiff entdeckt, dass nicht mehr seetüchtig gewesen sei, sagt Kapitän Mario Di Rosa. "Wir haben uns dem Schiff genähert und es zeigte sich, dass auf dem Schiff rund 200 Flüchtlinge waren. Später hat sich dann herausgestellt, dass 233 waren, davon 36 Frauen mit sechs Kindern und zwei Neugeborenen", schildert er. Fast alle Flüchtlinge seien aus Eritrea gekommen.

Flüchtlingsboot vor Lampedusa (Bildquelle: AFP)
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Dieses Bild der italienischen Küstenwache zeigt ein Flüchtlingsboot vor Lampedusa. Seit Juli sind 10.000 Menschen in den Land gelandet.

Ruhige See verlockt zu Überquerungsversuchen

Solche Vorfälle gibt es zurzeit täglich in den Gewässern zwischen Italiens Küsten und Nordafrika. Die See ist relativ ruhig, da wagen viele den gefährlichen Seeweg über das Mittelmeer. Unterstützt werden die Migranten nicht selten von Schleuserbanden, die sie auf nicht seetüchtigen und völlig überfüllten Booten in Küstennähe aussetzen. Manchmal haben die Migranten ein Satellitentelefon dabei, über das sie einen Notruf absetzen können.

Regelmäßig überleben Menschen die Reise nicht: Vor kurzem erst waren rund 100 Flüchtlinge in einem kleinen Boot wenige Meter vor dem Strand des sizilianischen Catania auf eine Sandbank aufgelaufen. Viele Migranten waren in der Hoffnung auf das rettende Festland über Bord gesprungen. Weil das Meer dann aber noch einmal tief wurde, weil viele Migranten offenbar nicht schwimmen konnten, ertranken sechs von ihnen.

"Es ist klar, dass wir in dieser Zeit besonders auf die Rettung von Menschenleben achten, wenn das Meer ruhig ist und die Schiffe leichter von der nordafrikanischen Küste nach Italien kommen können", sagt Kapitän Di Rosa. Man helfe bei allen Gelegenheiten, in denen sich Personen in Not befänden.

Schwierige Situation in italienischen Auffanglagern
J.-C. Kitzler, ARD Rom
20.08.2013 12:44 Uhr

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10.000 Flüchtlinge seit Anfang Juli

Aber das klappt nicht immer: Rund 10.000 Flüchtlinge haben seit Anfang Juli Italiens Küsten erreicht. Man geht davon aus, dass Hunderte von ihnen die gefährliche Reise über das Mittelmeer nicht überlebt haben. Die Toten werden von den überfüllten Booten normalerweise ins Meer geworfen. Heute erst waren in der Nähe von Syrakus über 60 Migranten aufgegriffen worden, die angegeben hatten, zehn Tage auf dem Meer unterwegs gewesen zu sein.

Weil die Lage in vielen italienischen Auffanglagern inzwischen sehr angespannt ist, macht sich Integrationsministerin Cécile Kyenge zur Zeit ein eigenes Bild von der Situation vor Ort. Gerade erst musste das Lager im kalabrischen Crotone geschlossen werden. Nach dem Tod eines jungen Marokkaners kam es unter den übrigen Bewohner des Lagers zu Gewaltexzessen. Der Mann soll an einem Herzleiden gestorben sein, die Migranten gaben der Situation im Lager die Schuld an seinem Tod.

Papst: "Haben brüderliches Verantwortungsgefühl verloren"

Papst Franziskus hält Gottesdienst auf Lampedusa am 08.07.2013 (Bildquelle: dpa)
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Papst Franziskus mahnte im Juli auf Lampedusa zu einem anderen Umgang mit dem Flüchtlingsproblem.

Auch Papst Franziskus prangert immer wieder den Umgang mit Flüchtlingen und Migranten an. "Heute fühlt sich niemand auf der Welt dafür verantwortlich. Wir haben jedes brüderliche Verantwortungsgefühl verloren", sagte er Anfang Juli bei seinem Besuch auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. "Wir sehen unseren Bruder halbtot am Straßenrand liegen, denken vielleicht, 'der Arme', und gehen weiter. 'Das ist nicht unsere Aufgabe!, mit dieser Ausrede beruhigen wir uns, und fühlen uns in Ordnung."

Währenddessen gehen alle davon aus, dass auch in den kommenden Wochen weiterhin viele Menschen den Weg über das Mittelmeer wagen werden. Heute hat die Italienische Küstenwache vor dem sizilianischen Porto Empedocle weitere 336 Migranten gerettet und an Land gebracht. Die Nachrichtenagentur ANSA meldet, 200 von ihnen seien inzwischen geflohen. Jetzt suchen Sie ihr Glück weiter im Norden. Auch wenn diese Migranten Europa erreicht haben, ihre Odyssee geht weiter.

Dieser Beitrag lief am 20. August 2013 um 11:50 Uhr auf NDR Info.

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