Flüchtlinge warten im sizilianischen Hafen von Augusta darauf, an Land gehen zu können. | Bildquelle: REUTERS

Flucht über das Mittelmeer "Italien wird alleine gelassen"

Stand: 29.12.2016 07:23 Uhr

Mehr als 4900 Menschen starben in diesem Jahr bei ihrer Flucht über das Mittelmeer, mehr als 180.000 Menschen schafften es nach Italien. Dort fühlt man sich vom Rest Europas im Stich gelassen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Immer noch kommen die Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa - auch in diesen Tagen, auch im Dezember, obwohl die Überfahrt noch gefährlicher ist als im Sommer. Fast 360.000 Menschen sind in diesem Jahr über das Mittelmeer geflohen. Viele gingen nach Griechenland, mehr als die Hälfte kam nach Italien.

Gerade in den vergangenen Monaten sei Italien besonders belastet gewesen, sagt Christopher Hein, langjähriger Direktor des italienischen Flüchtlingsrates. "Es hat noch nie in all diesen Jahren so viele Ankünfte per Boot aus Nordafrika in Italien gegeben. Es wird immer schwieriger, Plätze für die Menschen zu finden. Mich betrübt mehr dabei, dass Italien im Augenblick wirklich alleine gelassen wird." In allen anderen europäischen Staaten, auch in Deutschland, gebe es weniger Ankünfte und neue Asylbewerber. "Nur in Italien hat es diesen Anstieg gegeben," so Hein.

Immer mehr Menschen aus Westafrika

Und noch etwas hat sich verändert: die Herkunft der Migranten. Zwar treiben viele Menschen die Krisen vor Europas Haustür in die Flucht. Aber aus Syrien, dem Krisenland schlechthin, kommen zur Zeit nur noch wenige Menschen nach Italien. Deshalb tut sich Flavio Di Giacomo von der Internationalen Organisation für Migration auch schwer mit Prognosen. Er sagt: "Schwer zu sagen, was im nächsten Jahr passiert. Denn die Zusammensetzung der Flüchtlinge hat sich im Vergleich mit 2014 stark geändert. Die Syrer kommen nicht mehr nach Italien. Es kamen 20.000 Menschen aus Eritrea im Vergleich zu 35.000 im letzten Jahr. Die große Zahl der Migranten nach Italien kommt aus westafrikanischen Staaten wie Nigeria, Guinea, Gambia oder der Elfenbeinküste."

Viele waren in Libyen gestrandet und wollten ursprünglich gar nicht nach Europa. Doch weil die Lage dort in vielen Regionen inzwischen unerträglich ist, wurden sie erneut zu Flüchtlingen. Sie steigen in Boote, um dem Terror und der Gewalt zu entgehen, um ihr Leben zu retten. Deshalb ist es schwer nur nach dem Herkunftsland zu beurteilen, wer ein so genannter Wirtschaftsmigrant ist und wer schutzbedürftig ist.

Flüchtlinge springen in der Nähe von Sizilien von einem kenternden Boot. Dieses Foto wurde im Mai von der italienischen Marine veröffentlicht. | Bildquelle: dpa
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Flüchtlinge springen in der Nähe von Sizilien von einem kenternden Boot. Dieses Foto wurde im Mai von der italienischen Marine veröffentlicht.

Abgelehnte Anträge, kaum Rückführungen

Italien ist auch deshalb immer stärker betroffen, weil viele Migranten inzwischen hier bleiben. Das liegt auch an der funktionierenden Erfassung, an den Fingerabdrücken, die jetzt fast immer genommen werden. Viele, die ursprünglich gar nicht nach Europa wollen, stranden in Italien. Ungefähr 120.000 Menschen leben in Aufnahmezentren. Vielerorts ist die Lage angespannt. Auch weil Italien zwar rund 60 Prozent der Asylanträge ablehnt, aber die Abgelehnten dann nicht zurückschicken kann, weil es keine Abkommen gibt.

Flavio di Giacomo fordert eine langfristige Strategie, um mit dem Thema umzugehen: "Wir müssen verstehen, dass das nicht so einfach aufhört. Migration geht weiter. Diese Leute kommen auf irregulären Wegen mit den Schleppern, weil es nicht genug reguläre Wege nach Europa gibt. Bisher ist das nicht passiert, aber zunächst müsste man legale Kanäle nach Europa öffnen, für die Schutzbedürftigen und Asylberechtigten. Damit Familien zusammen kommen können, und um die Schlepperorganisationen zu bekämpfen, die immer reicher werden."

Tödliches Jahr auf dem Mittelmeer

Und auch um zu verhindern, dass es weiterhin so viele Tote gibt. 2016 war das Mittelmeer die gefährlichste Flüchtlingsroute der Welt. Mehr als 4900 Menschen haben seit Jahresbeginn auf dem Meer ihr Leben gelassen. So viele wie noch nie. Die allermeisten von ihnen starben auf der zentralen Route zwischen Nordafrika und Sizilien.

Oft gab es sie schon, die Appelle, daran etwas zu ändern. Besonders laut waren sie nach dem Unglück vom April 2015, als mehr als 700 Menschen auf einmal starben. Passiert ist seitdem zu wenig, meint Christopher Hein vom italienischen Flüchtlingsrat: "Die Zahl der Toten ist noch weiter gestiegen. Und politisch gesehen hat sich nichts, aber auch gar nichts getan, um diese Tragik einzudämmen."

So geht ein Jahr der Flüchtlingstragödien zu Ende. Und so steht zu befürchten, dass auch 2017 ein solches Jahr wird.

Bilanz des Flüchtlingsjahres 2016 aus italienischer Sicht
J.-C. Kitzler, ARD Rom
26.12.2016 23:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 26. Dezember 2016 um 12:05 Uhr.

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