Die Flüchtlinge auf dem Victoria-Platz in Athen warten und fordern die Grenzöffnung. | Bildquelle: AP

Gestrandete Flüchtlinge in Athen Marktplatz für Schlepper

Stand: 01.03.2016 11:40 Uhr

Nicht nur an der Grenze zu Mazedonien spitzt sich die Lage zu. Auch in der Hauptstadt Athen stranden immer mehr verzweifelte Flüchtlinge. Viele übernachten im Freien, Toiletten gibt es keine. Schlepper haben Hochkunjunktur. Eine Reportage von Wolfgang Landmesser.

Von Wolfgang Landmesser, ARD-Studio Athen

Montagvormittag auf dem Victoriaplatz nicht weit vom archäologischen Nationalmuseum. Mit Decken und Schlafsäcken haben sich die Menschen Lager eingerichtet. Viele Familien mit kleinen Kindern sind hier. Auch auf den Parkbänken sitzen überall Flüchtlinge. Eine Gruppe mit etwa zwanzig Menschen aus Afghanistan ist gerade erst angekommen. Unter ihnen sind zwei Zwillingsmädchen in gepunkteten Mänteln. Despina, eine alte Frau aus Athen, streichelt ihnen den Kopf. Gestern und heute hat sie Essen vorbei gebracht.

"Ich habe gesehen, wie schrecklich die Situation hier ist, wie könnten wir unter solchen Bedingungen leben, so viele Menschen, und es gibt kein Wasser, kein Essen. Ich bin auch Großmutter, ich bin sehr traurig über das alles. Aber ich kann nichts machen", sagt sie und schüttelt verzweifelt mit dem Kopf. Flüchtlingsschicksale gibt es auch in ihrer Familie, ihre Großeltern mussten in den 1920er-Jahren aus der Türkei fliehen.

Wolfgang Landmesser @korrespondent09
Ausweglos auf dem #victoriaplatz: Hier warten viele afghanische #Flüchtlinge, dass die Grenze doch noch öffnet. https://t.co/MFa2VB9rda

Gerangel um Hilfsgüter

Nicht nur Despina ist gekommen, um zu helfen. Auch andere ganz normale Athener verteilen Nahrungsmittel und Kleidung aus Plastiktüten. Sofort sind sie umringt von Menschen, die ihnen die Sachen aus den Händen reißen. Immer wieder gibt es Gerangel um die Hilfsgüter. Auf dem Victoriaplatz gibt es keine Verpflegung, keine Toiletten oder sonstige sanitäre Anlagen. Entsprechend riecht es auch. Ein schrecklicher Ort, sagt Bostan aus Afghanistan, der hier schon zwei Nächte unter freiem Himmel verbracht hat.

"Letzte Nacht, als ich hier auf dem Pflaster geschlafen habe, fühlte ich plötzlich, wie es nass wurde. Sie haben den Platz gereinigt, und das Wasser lief überall hin. Meine Kleider, meine Taschen wurden nass", klagt er. Er habe in Afghanistan als Dolmetscher für die ISAF-Mission der NATO gearbeitet, erzählt er. Deswegen hätten ihn die Taliban verfolgt - und weil er einer ethnischen Minderheit angehöre. " Ich musste jeden Tag meinen Aufenthaltsort wechseln, die Taliban verfolgten mich, sie wollten mich töten." Auch für ISAF-Soldaten aus Tschechien arbeitete er und suchte Hilfe bei der tschechischen Botschaft. Aber zu viele ehemalige Dolmetscher seien in der selben Situation wie er gewesen, so Bostan. Er bekam nicht schnell genug Hilfe - und floh.

Jetzt sitzt er hier mit vielen anderen Flüchtlingen aus Afghanistan fest. Seit eineinhalb Wochen ist die mazedonische Grenze für sie dicht. Choshal und seine Freunde waren schon oben im Norden und mussten wieder umkehren. Jetzt warten sie, dass sich die Grenze vielleicht doch noch für sie öffnet. Es gebe Leute hier, die sagen, dass die Grenze diese Woche wieder aufmachen könnte. Solche Gerüchte lassen sie noch hoffen.

Ein Treck aus Flüchtlingen läuft mit Sack und Pack durch Athen. | Bildquelle: dpa
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Die Flüchtlinge in Athen hoffen, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.

Rückkehr unmöglich

Auf illegalem Weg wollten sie es jedenfalls nicht versuchen, sagen die Freunde. Obwohl die Gegend rund um den Victoriaplatz als Markt für Schlepper gilt. Mehrere Tausend Euro sollen sie für ihre Dienste verlangen - den Platz auf einer Fähre nach Italien oder die Passage über Albanien. Die meisten Menschen hier haben dafür kein Geld mehr. Für die Überfahrt von der türkischen Küste haben sie schon alles ausgegeben, sagen die jungen Afghanen. Aber auch zurück in ihr Land wollen sie auf keinen Fall. "Wenn wir zurückgehen, ist das lebensgefährlich für uns", sagt er. "Weil uns die Taliban dann umbringen werden."

Situation der Flüchtlinge in Athen
W. Landmesser, SWR, zzt. Athen
01.03.2016 11:12 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 01. März 2016 um 12:14 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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