Flüchtlinge demonstrieren in Athen  | Bildquelle: dpa

Debatte um Familiennachzug Ratlos in Athen

Stand: 03.02.2018 16:28 Uhr

In der deutschsprachigen Christusgemeinde in Athen verfolgt man die Berliner Koalitionsverhandlungen aufmerksam. Denn hier leben Flüchtlinge, die zu ihren Familien nach Deutschland wollen.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Istanbul, zzt. Athen

In der evangelischen Kirchengemeinde in Athen verfolgen Pastor und Mitarbeiter die Koalitionsverhandlungen in Deutschland mit großem Interesse - denn unter und neben der Christuskirche in Athen werden Flüchtlinge betreut, die bis zu zwei Jahre lang schon auf ihre Weiterreise zu anderen Familienmitgliedern nach Deutschland warten.

Hilde Hülsenbeck, die Kirchenbüro-Sekretärin der deutschsprachigen Kirchengemeinde in Athen, ist für einige Flüchtlinge zur Ersatzmutter geworden. Sie sagt: "Wir können nicht nur Tränen vergießen, wenn wir solche Schicksale im Film sehen. Wir müssen helfen, auch wenn es manchmal ganz schön kompliziert ist."

Zwei Jahre die Tochter nicht gesehen

Die Syrerin Nachia erzählt von ihren Sorgen mit einem sanften Lächeln. Die Mutter freut sich, dass sie ihre 22-jährige Tochter einen Tag vor Weihnachten aus Lesbos abholen und nach Athen bringen konnte. Zwei Jahre hatte sie die Tochter nicht gesehen. Der Krieg in Syrien hatte die beiden auseinandergerissen. Nachia hat drei weitere Kinder und einen Mann. Und die sind seit langem schon in Deutschland. Nachia sagt: "Ich möchte zusammen mit meiner Tochter nach Deutschland gehen." Nachia wartet seit zwei Jahren auf die Erlaubnis zur Weiterreise.

Die Syrerin Nachia mit ihrer Tochter
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Die Syrerin Nachia mit ihrer Tochter

Die Syrerin ist ein besonders krasses Beispiel dafür, was passiert ist, als die deutsche Bundesregierung beim Thema Familiennachzug kräftig auf die Bremse drückte. Hilde Hülsenbeck ist in diesem Punkt ratlos: "Wenn eine ganze Familie völlig zerrissen ist: eine Tochter in der Türkei, die Mutter in Athen. Ein Kind in der einen Stadt in Deutschland, ein Kind in der anderen Stadt in Deutschland. Da fragt man sich, was soll das? Wozu ist das gut?"

Ersatzmutter für viele Gäste

Hülsenbeck hilft aus, wenn in einem der Gästezimmer was fehlt. Außerdem muss regelmäßiger Deutsch-Unterricht laufen. Irgendwann einmal, so hoffen es die Mitarbeiter der Gemeinde, können die Gäste aus Syrien zu ihren Familien nach Deutschland weiterreisen.

"Ich bin dazu da, um sie hier an die Hand zu nehmen und den Menschen ein bisschen eine Milderung der Verhältnisse zu ermöglichen und Freude zurückzubringen. Einfach menschlich da zu sein und auch bei den Papieren zu helfen. Für weitergehende Unterstützung sind aber andere dran", so Hülsenbeck. Gemeint sind damit zum Beispiel Anwälte und die Mitarbeiter der Botschaft. Oder die Asylbehörden.

Streit um Nachzug kann Hülsenbeck nicht verstehen

Hülsenbeck verfolgt die Nachrichten aus Deutschland zum Thema Familiennachzug. Dass es kräftigen Streit bei der Regierungsbildung in Berlin um dieses Thema gab und gibt, findet sie merkwürdig: "Da spricht man von Fällen, von Härtefällen. Ist es nicht hart genug, überhaupt von seinem Kind getrennt zu sein? Ist es nicht hart genug, sein Kind in ein Schlauchboot zu setzen und irgendwelchen Verwandten oder Freunden mit auf die Flucht zu eben? Und zwei Jahre und länger warten zu müssen, bis man endlich zu seinem Kind kann?"

Warum streitet sich Europa, warum streiten sich Politiker bei der Regierungsbildung in Deutschland so heftig um die Flüchtlingsfrage? Hülsenbeck hat auf diese Frage keine Antwort, weil sie und die Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe der evangelischen Kirche in Athen sich diese Frage nicht stellen. Die Frage, ob sie helfen sollen oder lieber doch nicht.

Warten auf Familienzusammenführung in Athen
Michael Lehmann, ARD Istanbul, zzt. Athen
03.02.2018 13:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Februar 2018 um 06:09 Uhr.

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