Interview

Aminu Munkaila

Interview zum Weltflüchtlingstag "Das Leben in Europa ist nicht einfacher"

Stand: 20.06.2014 15:29 Uhr

Drei Mal versuchte Aminu Munkaila nach Europa zu kommen, drei Mal wurde er nach Ghana zurückgeschickt. Heute versucht der 34-Jährige dort, Jugendliche von der Flucht über das Mittelmeer abzuhalten. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt er: "Wenn ich gewusst hätte, was passiert, hätte ich es gelassen."

tagesschau.de: Warum sollen die Jugendlichen nicht nach Europa gehen?

Aminu Minkaila: Es geht ja um illegale Migration. Ich selbst habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, um in Europa Medizin zu studieren, damit meine Familie ein besseres Leben hat. Es war komplette Unwissenheit, die mich auf den Weg brachte. Wenn ich gewusst hätte, was für fürchterliche Dinge passieren, hätte ich es gelassen.

tagesschau.de: Was haben Sie erlebt?

Aminu Munkaila und "Cap Anamur"-Gründer Elias Bierdel
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Aminu Munkaila (rechts) und Ex-"Cap Anamur"-Chef Elias Bierdel: Vor zehn Jahren rettete das Schiff 37 Flüchtlinge von einem Schlauchboot im Mittelmeer.

Minkaila: Ich reiste über die Sahara nach Libyen. Immer wieder musste ich monatelang Halt machen, um Geld für die nächste Etappe zu verdienen. Ich arbeitete als Tagelöhner, als Boy eines Soldaten, als Schuhputzer, in der Landwirtschaft. Ich wartete monatelang vor einer libyschen Ölraffinierie in der Wüste, in der Hoffnung auf einen Job. Ich traf gute Menschen, die mein Flehen erhöhrten. Aber auch viele hartherzige, gierige. Ich kam ins Gefängnis. Flüchtlinge sind völlig ohne Schutz.

Ich versuchte drei Mal mit anderen über das Mittelmeer zu fliehen. Jedesmal gerieten wir in Seenot. Viele ertranken. Einmal trieb ich drei Tage auf dem Meer. Ich wurde nach Libyen zurückgebracht. Beim dritten Mal rettete uns die "Cap Anamur", als wir schon dachten, wir müssten sterben. Doch in Italien wurde ich sofort zurückgeschickt. Viele von denen, die ich unterwegs kennen gelernt habe, sind tot.

Der Fall "Cap Anamur"

Am 20. Juni 2004 rettet das deutsche Hilfsschiff Cap Anamur vor der italienischen Insel Lampedusa 37 afrikanische Flüchtlinge aus einem sinkenden Schlauchboot vor dem Ertrinken aus dem Mittelmeer. Das Schiff wurde von italienischen Behörden beschlagnahmt, die Besatzung als "Schlepper" vor Gericht gestellt, die Geretteten zurück nach Afrika geschickt.

tagesschau.de: Wie ist das, wenn man zurückkehrt?

Minkaila: Die meisten Rückkehrer kommen traumatisiert zurück in ihre Heimat. Sie haben Menschen leiden und sterben sehen. Sie wurden wie Verbrecher behandelt. Sie sind zu erschöpft, um Entscheidungen zu treffen. Ich ging zum Christian Council von Ghana, einer Vereinigung von Kirchen, die sich auch um Flüchtlinge kümmern. Ich gewann mein Bewusstsein zurück. Darum habe ich in Ghana eine Hilfsorganisation gegründet,die junge Menschen von der Flucht abhalten soll.

tagesschau.de: Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Minkaila: Wir sagen den Jugendlichen: Baut Euch Eure Zukunft hier auf. Wir coachen sie: Wenn Ihr Arzt oder Journalist werden wollt, denkt nach, was Ihr dafür tun müsst. Dann werdet Ihr es schaffen. Wir gründen Clubs in den Schulen, die "Anti Illegal Route to Europe Clubs". Dort laufen unsere Kampagnen. Dadurch, dass die Jugendlichen sich zusammenschließen, werden sie stärker und weniger anfällig für die Einflüsterungen von Schleppern. Wir helfen auch Rückkehrern und geben ihnen die Hoffnung zurück.

tagesschau.de: Glauben die Jugendlichen Ihnen?

Minkaila: Ja, denn sie hören es bei uns aus erster Hand. Ich und meine Kollegen waren ja da. Sie hören, wie Leute neben uns auf dem Meer ertranken, in der Wüste starben. Aber entscheidend ist auch, dass Du ihnen nicht sagen kannst "Bleibt hier!", ohne etwas vor Ort zu ändern. Sie brauchen eine Alternative.

alt Aminu Munkaila

Zur Person

Drei Mal versuchte Aminu Munkaila, über das Mittelmeer zu fliehen. Drei Mal ertrank er fast. Mit 20 Jahren verließ er zum ersten Mal seine Heimat Ghana, weil sein Vater ihm kein Studium bezahlen konnte. Heute arbeitet der 34-Jährige für die "African Development Organisation for Migration". Er berichtet ghanaischen Jugendlichen von seinen traumatischen Erlebnissen, um sie von der Migration abzuhalten.

tagesschau.de: Können Sie den Jugendlichen auf dem Land denn wirklich eine Perspektive bieten?

Minkaila: Wir haben ein Ausbildungsprogramm für die Landwirtschaft entwickelt. "Empowerment of Youth in Agriculture". Im Norden Ghanas hat die Landwirtschaft großes Potenzial. Der Boden ist sehr fruchtbar. Für das Landwirtschaftsprojekt suchen wir noch Kooperationspartner.

"Das Leben in Europa ist einfacher, aber nicht für uns"

tagesschau.de: Wieso denken viele Afrikaner, dass es in Europa einfacher für sie ist?

Minkaila: Das Leben in Europa ist einfacher, aber nicht für uns. Aber es gibt dann noch die, die wir "Borgers" nennen. Sie kommen aus Europa zurück, bauen schöne Häuser, fahren in ihren coolen Autos mit lauter Musik herum, das regt die Phantasie der Jugendlichen an. Sie denken, wenn der es durch die Wüste geschafft hat, dann schaffe ich es auch!

Zum anderen sehen die Menschen im Fernsehen schöne Bilder. Sie denken, Europa ist der Himmel. Da wächst das Geld an den Bäumen. Dass es der Wirtschaft in Europa schlecht geht, Migranten keine Arbeit finden und unter Plastikplanen leben, sagt hier keiner, wenn er zurückkommt. Nur Helden- und Erfolgsgeschichten.

tagesschau.de: Was sagen Sie den Menschen in Europa?

Minkaila: Dass wir nicht willkommen sind, ist doch der Hauptgrund für die illegale Migration. Ich verstehe nicht, wieso die europäischen Regierungen sich so verhalten. Sie haben keinen Geist des Empfangens. Wenn hier fleißige Leute herkommen könnten, die hart arbeiten wollen, weil sie ihre Familien vor dem Verhungern retten wollen, ihren Geschwistern eine Ausbildung ermöglichen wollen, in Europa Steuern zahlen, dann ist das doch gut für alle!

Darüberhinaus sage ich: Wenn Du ein Problem lösen willst, musst Du an die Wurzel gehen. Also: Unterstützt uns dabei, hier in Afrika ein gutes Leben zu führen, anstatt Millionen für die Grenzsicherung auszugeben. Ihr schickt Tausende zurück und Tausende neue kommen. Was für ein Irrsinn, was für ein Drama. Die vielen Toten. Jeder möchte lieber in seiner Heimat bleiben, bei seiner Familie und seinen Freunden. Jeder bleibt zu Hause, wenn er dort glücklich ist.

Das Interview führte Heike Janßen für tagesschau.de

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