Totes Flüchtlingskind an der türkischen Küste Bricht ein Foto den Widerstand in der EU?

Stand: 03.09.2015 15:36 Uhr

Ein ertrunkener kurdischer Junge liegt am Strand von Bodrum. Dieses Foto wird weltweit diskutiert - besonders in Großbritannien, das bisher eine harte Haltung in der EU-Flüchtlingspolitik vertritt. Laut einem Medienbericht hat die türkische Polizei vier Schleuser festgenommen. Sie sollen auch das Boot gesteuert haben, auf dem der kurdische Junge mit seiner Familie unterwegs war.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London

Es ist ein herzzereißendes Foto: Ein türkischer Polizist trägt ein kleines totes Kind über den Strand des Badeortes Bodrum. Auf einem anderen Foto ist der Leichnam des toten Kindes zu sehen, auf dem Sand, das Gesicht nach unten, noch umspielt von den Wellen. Diese Bilder sind heute im Großformat auf den Titelseiten aller britischen Zeitungen.

Die "Sun", das größte Boulevardblatt, fordert Premierminister David Cameron zum Umdenken auf, und appellierte an die stolze Tradition des Landes, Menschen in Not zu helfen.

Stefan Niggemeier @niggi
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Konservative Politiker fordert mehr britisches Engagement

Erstmals melden sich in den Zeitungen Abgeordnete aus Camerons eigener konservativer Partei zu Wort: David Burrowes aus Enfield fordert im konservativen "Telegraph" die Regierung auf, nicht nur ein paar Hundert, sondern Tausende Flüchtlinge aufzunehmen. Und eine BBC-Moderatorin machte gestern Abend die Nachrichtensendung mit der Frage auf: "Ist dieses Foto jetzt der Wendepunkt?" Die britische Oscar-Preisträgerin Emma Thompson forderte ihr Land auf, die Tür zu öffnen.

Das Schicksal des kleinen kurdischen Kindes aus Kobane, tot am Strand in der Türkei, lässt die Briten jedenfalls nicht kalt: Seine Mutter und sein Bruder seien ebenfalls ertrunken, als das Flüchtlingsboot sank, sein Vater sei bei der Trauerfeier zusammen gebrochen - so berichten die britischen Zeitungen.

"Er hatte einen Namen: Aylan Kurdi. Wir müssen dringend etwas tun." Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls zu dem ertrunkenen Jungen

Opposition will 10.000 Flüchtlingsfamilien aufnehmen

Am Mittwoch hatte bereits die oppositionelle Labour-Partei gefordert, jede Stadt in Großbritannien solle zehn Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Landesweit wären das 10.000. Das war vor der Veröffentlichung des Fotos, und Labours Ruf verhallte weitgehend ungehört - die Partei ist nach der Wahlniederlage im Mai vor allem mit sich selber und der Wahl eines neuen Vorsitzenden beschäftigt. 

Premier Cameron hatte noch einmal die restriktive Haltung der Briten dargestellt: "Wir haben eine Reihe von Menschen aus syrischen Flüchtlingscamps aufgenommen, und wir werden das weiter beobachten. Doch viel wichtiger ist, der Region dort Frieden und Stabilität zu bringen. Einfach mehr Flüchtlinge aufzunehmen, ist darauf keine Antwort."

Noch tun die Briten alles, um zum Beispiel den Weg über Calais nach Dover zu versperren. Vor dem Kanal in Frankreich sammeln sich Tausende, die auf die Insel wollen.

Deutscher Botschafter nimmt Briten in die Pflicht

Nach offiziellen Zahlen haben die Briten 216 Syrer aus den Flüchtlingscamps ins Land gelassen. Deutlich weniger als Deutschland zum Beispiel. Deshalb hatte sich auch der deutsche Botschafter in London ausnahmsweise einmal öffentlich in die aktuelle politische Debatte seines Gastlandes eingemischt. Peter Ammon trat sowohl in der öffentlich-rechtlichen BBC als auch im kommerziellen Kanal ITV auf. Seine Botschaft: Großbritannien müsse mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Auf Radio 4 der BBC erinnerte Ammon an die große Tradition der Briten, Menschen vor Verfolgung und Krieg zu schützen und ihnen Asyl zu gewähren. Auch viele Deutsche konnten einst vor Hitler nach Großbritannien fliehen und hatten so den Nazi-Terror überlebt. Ammon sagte: "Großbritannien hat über viele Jahrhunderte immer wieder Flüchtlinge aufgenommen, und nicht etwa zum Nachteil dieses Landes. Deutschland erwartet jetzt, dass alle Partner zur Lösung dieses Problems beitragen."

Britische Zeitungen zeigen mit einem Foto ein Herz für Flüchtlinge
J.-P. Marquardt, ARD London
03.09.2015 12:45 Uhr

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Regierung in London nun unter Druck

Deutschland habe bereits 43 Prozent der Asylsuchenden aufgenommen, stelle aber nur ein Viertel der EU-Bevölkerung und der Wirtschaftskraft der Union. Ammon nannte keine Zahl für die Flüchtlinge, die Großbritannien aufnehmen solle. Er forderte aber eine Lastenteilung: "Deutschland ist der Meinung, dass die Partner in der EU die Lasten und die Verantwortung zu teilen haben - und deshalb gibt es Erwartungen an Großbritannien."

Aber mehr noch als die Intervention des deutschen Botschafters könnte jetzt ein kleines, totes kurdisches Flüchtlingskind, angespült am Strand in der Türkei und auf den Titelseiten aller britischen Zeitungen, die Regierung in London unter Druck setzen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 3. September 2015 um 17:00 Uhr.

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