Patrouillenboot und Flüchtlingsboot vor der italienischen Küste (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Alternative Fluchtrouten Wie viele Wege führen nach Rom?

Stand: 11.03.2016 14:28 Uhr

In Italien haben in den ersten drei Monaten des Jahres 16.000 Menschen Asyl beantragt, 30 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die Regierung befürchtet, dass die Flüchtlinge nach der Schließung der Balkanroute wieder bevorzugt nach Italien einreisen - über das Mittelmeer.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Die Zahlen steigen wieder. Mehr als 16.000 Menschen haben in den ersten drei Monaten des Jahres in Italien einen Asylantrag gestellt. Das sind 30 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die Sorge in Italien ist groß, dass das erst der Anfang ist. Dass das Land mit der Schließung der Grenzen auf dem Balkan zum bevorzugten Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan wird.

Italiens Innenminister Angelino Alfano verteidigt deshalb auch den Plan der EU, in der Flüchtlingsfrage mit der Türkei zu kooperieren. "Wir haben eine konkrete Meinung: Den Strom von der Türkei aus einzudämmen, bedeutet, das Risiko verringern, dass die Balkanroute noch mehr Zwist innerhalb Europas bringt und dass eine neue Route über Albanien entsteht."

Apulien rechnet mit 150.000 Flüchtlingen

Zwischen der italienischen Adriaküste und Albanien liegen an der schmalsten Stelle gerade einmal 71 Kilometer. Schlepper sollen angeblich unter den in Griechenland gestrandeten Flüchtlingen Werbung für diese Ausweichroute machen. Der Präsident der süditalienischen Region Apulien, Michele Emiliano, stellt sich bereits auf 150.000 Menschen ein, die in diesem Sommer ankommen. Innenminister Alfano will das verhindern.

"Wir arbeiten mit Albanien zusammen. Ich werde in den nächsten Tagen nach Albanien fahren, damit wir gemeinsam einen Weg finden, alles nur Mögliche für die Terrorismus-Prävention und gegen die illegale Einwanderung zu tun", sagte Alfano.

Albaniens Regierungschef Edi Rama hat angekündigt, sein Land werde den Transit von Flüchtlingen mit allen Mitteln verhindern. Die Grenzregion zwischen Griechenland und Albanien ist gebirgig und kaum lückenlos zu überwachen, allerdings auch kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen. Bisher gibt es noch keinerlei Anzeichen, dass Flüchtlingsgruppen versuchen, sich von Griechenland aus an die albanische Adriaküste durchzuschlagen.

"Moralische Pflicht Menschen zu helfen"

Sehr viel größere Sorgen macht Italien deshalb die zentrale Mittelmeerroute - von Libyen aus in Richtung Lampedusa. Auch in diesem Winter nutzten Hunderte Flüchtlinge vor allem aus Afrika südlich der Sahara die kurzen Schönwetterphasen zur lebensgefährlichen Überfahrt. Die  Europäische Mission "Eunavfor Med", an der auch zwei Bundeswehrschiffe beteiligt sind, patrouilliert im Kanal von Sizilien. Erstes Ziel ist die Bekämpfung von Schleppern. Bisher, sagt Sprecher Antonello di Renzis Sonino, waren die Einsatzkräfte aber vor allem damit beschäftigt, Menschenleben zu retten.

"Es ist nicht nur unsere moralische Pflicht, es sind auch die internationalen Gesetze, die alle Seefahrer verpflichten, Menschen in Lebensgefahr Hilfe zu leisten", sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi. "Wir haben das gemacht, machen es jetzt und werden es immer machen. Das gehört zu unserer Arbeit dazu, auch wenn die Mission nicht vornehmlich darauf abzielt."

Per Luftbrücke nach Italien

Italiens Außenpolitik verfolgt zwei Ziele, um der Flüchtlingskrise Herr zu werden. Zum einen die Stabilisierung Libyens, um die Schlepperbanden zu bekämpfen und die libysche Küste abzusichern. Zum anderen will Außenminister Paolo Gentiloni über humanitäre Korridore sichere Fluchtwege nach Europa schaffen. Gemeinsam mit evangelischen Kirchen und der Gemeinschaft Sant‘ Egidio hat die italienische Regierung eine Luftbrücke eingerichtet, über die etwa 1000 schutzbedürftige Menschen aus Syrien und Nordafrika in Italien einreisen können.

"Das ist eine Antwort. Und wenn viele Länder der internationalen Gemeinschaft diesen Weg einschlagen, können Tausende und abertausende Menschen einbezogen werden", sagte Außenminister Gentiloni. "Das wäre eine große Hilfe, um den Menschhändlern einen Schlag zu versetzen und die Leiden der Flüchtlinge zu lindern."

Die kirchlichen Projektpartner übernehmen die Kosten für die Einreise der Flüchtlinge sowie für die Unterbringung und den Rechtsbeistand. Die Einreisegenehmigungen gelten nur für Italien. Die ersten rund 100 Flüchtlinge sind auf diesem Weg bereits nach Italien eingereist.

Adria oder Lampedusa? Italien bereitet sich auf neue Fluchtrouten vor
T. Kleinjung, ARD Rom
11.03.2016 13:26 Uhr

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