Flüchtling am serbisch-ungarischen Grenzübergang in Horgos | Bildquelle: dpa

Flüchtlinge auf der Balkanroute Ungarn zieht alle Register

Stand: 21.09.2015 15:40 Uhr

Ungarn versucht weiterhin, sich dem Flüchtlingsandrang zu entziehen - mit drastischen Äußerungen, Militär an den Grenzen und nun auch mit ganzseitigen Warnungen in libanesischen Zeitungen. Dennoch kommen Tausende Flüchtlinge ins Land - die meisten über Kroatien.

In Ungarn sind in der vergangenen Nacht erneut zahlreiche Flüchtlinge aus Kroatien angekommen und nun vermutlich nach Österreich unterwegs. Allein bei Barcs hätten 800 bis 1000 Menschen die Brücke über den Fluss Drau von Kroatien nach Ungarn passiert, berichtete das ungarische Staatsfernsehen. Sie seien aus Kroatien mit Bussen an die Grenze gebracht worden. Dort hätten ungarische Polizisten sie zu einem Zug begleitet, der mit 15 Waggons nach Hegyeshalom an der ungarisch-österreichischen Grenze starten sollte.

Am Sonntag zählte Ungarns Polizei 6941 neue Flüchtlinge. Nahezu alle dürften über den Umweg Kroatien nach Ungarn gekommen sein. Kroatien eröffnete an der Grenze zu Serbien ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. In ihm sollen die Asylsuchenden registriert und ihr Weitertransport vermittelt werden, wie die Behörden mitteilten. Der Zugang nach Ungarn über Serbien ist den Flüchtlingen durch den neuen Grenzzaun erheblich erschwert.

Neues Zeltlager für Flüchtlinge in Opatovac
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.09.2015, Darko Jakovlevic, ARD Wien

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

"Wir werden überrannt"

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban warnte bei einer Rede im Parlament vor einer "Bedrohung" durch Massenmigration. "Unsere Grenzen sind in Gefahr, unser Leben, das auf dem Respekt vor Gesetzen basiert und ganz Europa. Wir werden überrannt."

Fluchtwege nach Europa
galerie

Die Karte zeigt die alternative Route durch Kroatien und Slowenien nach Österreich nach der Schließung der ungarischen Grenze.

Um den Flüchtlingsandrang zu unterbinden, greift Ungarn inzwischen zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Auf einer ganzseitigen Anzeige in der führenden libanesischen Tageszeitung warnt Ungarn vor einem illegalen Betreten seines Landes. Gegen Menschen, die dies versuchten, werde streng vorgegangen, heißt es in der Anzeige in der Zeitung "An-Nahar". Es sei ein Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft werden könne. Auch in der jordanischen Zeitung "Al-Rai" wurde die Anzeige veröffentlicht.

Militär zur Grenzsicherung befugt

Ungarn hatte seine Grenze zu Serbien am 15. September geschlossen und eine andere Barriere an der Grenze zu Kroatien errichtet. Soldaten waren bisher nur beim Bau der Zäune im Einsatz und zur Unterstützung der Polizei. Jetzt stimmte das Parlament für eine Ausweitung der Befugnisse von Armee und Polizei beim Einsatz gegen Flüchtlinge: Die Armee darf demnach künftig Grenzpatrouillen durchführen, Personen und Fahrzeuge anzuhalten und durchsuchen. Zudem darf sie Schlagstöcke, Gummigeschosse und Fangnetze verwenden. Ein Schießbefehl ist nicht vorgesehen.

Nach dem ursprünglichen Entwurf sollte die Polizei auch Wohnungen ohne richterlichen Befehl durchsuchen dürfen, wenn sie darin Flüchtlinge vermutet. Die Bestimmung wurde aber in einer Ausschusssitzung aus dem Gesetzestext entfernt.

1/24

Flüchtlingskrise in Europa

Flüchtlinge in Europa: Moschee Istanbul

Von der Türkei über verschiedene Routen nach Nordeuropa - das ist der Weg, den viele Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan gehen wollen. Die Flüchtlinge kommen nach Istanbul, unter anderem auch, um Kontakt zu Schleppern aufzunehmen. Eine Moschee in der Nähe eines großen Busbahnhofes der Stadt bietet einigen von ihnen Schlafplätze für die Nacht. | Bildquelle: AFP

Neue Drehscheibe in Köln und Düsseldorf

Österreich bringt viele der Flüchtlinge mit der Bahn nach Deutschland. "Wir erwarten heute drei weitere Sonderzüge aus Salzburg in Freilassing", sagt ein Sprecher der Bundespolizei in Rosenheim. Am Sonntag reisten 5098 Menschen nach Deutschland ein, nachdem es am Samstag 1710 waren, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.

Köln ist inzwischen gemeinsam mit Düsseldorf eine neue Drehscheibe für Flüchtlinge, die in Zügen aus dem Süden nach Nordrhein-Westfalen kommen. Köln löst Dortmund ab - die Ruhrgebietsstadt soll nach einer Ruhephase vielleicht später wieder als Drehscheibe dazukommen. Rund 450 Flüchtlinge sollen in der Nacht zum Dienstag mit einem ersten Sonderzug am Flughafen Köln/Bonn ankommen. Der Zug aus dem Raum München wird nach rund zehnstündiger Fahrt um Mitternacht am Bahnhof des Flughafens erwartet. In Zelten sollen die Menschen dann etwa fünf Stunden betreut und verpflegt werden. Anschließend werden sie mit 21 Bussen zu ihren Unterkünften in ganz NRW weitergefahren.

Volkshochschulen fordern Unterstützung

Die große Zahl der Flüchtlinge macht sich auch bei den Volkshochschulen bemerkbar. Der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) forderten mehr Unterstützung angesichts des großen Andrangs auf die Kurse. Die Schulen kämen "an ihre Grenzen", erklärte der Verband. Lange Schlangen bei der Kursanmeldung und monatelange Wartelisten für einzelne Kurse zeugten davon, dass die Volkshochschulen die ständig steigende Nachfrage nicht mehr bewältigen könnten. Der Verband forderte 500 Millionen Euro zusätzlich.

Darstellung: