Karte: Mali Senegal und Nigeria

Flucht aus Westafrika Aus Perspektivlosigkeit gen Norden

Stand: 11.11.2015 17:25 Uhr

Boko-Haram-Terror in Nigeria, Stammesunruhen in Mali: Westafrika gilt seit Jahren als eine der Hauptregionen, aus denen Flüchtlinge nach Europa kommen. Selbst dem politisch stabilen Senegal kehren die Menschen den Rücken.

Von Alexander Göbel und Jens Borchers, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Die Bilder sind um die Welt gegangen: Bilder von Afrikanern, die in Marokko über die Zäune klettern, um die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta zu erreichen; Bilder von Menschen, die in Booten ihr Leben riskieren, um auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa zu gelangen.

Verdrängt werden diese Bilder derzeit von der Flüchtlingskrise in Syrien. Dabei weiß niemand, wie viele Flüchtlinge sich in Westafrika derzeit auf den Weg machen - und wie viele schon auf die Überfahrt warten - in Algerien, in Libyen. Ob Krieg, Korruption oder wirtschaftliche Lage: Die Fluchtursachen sind unterschiedlich. Drei Beispiele: 

Nigeria

Nigeria ist wegen seiner Erdöl- und Gasvorkommen ein potenziell reiches Land. Aber von diesem Reichtum kommt bei breiten Bevölkerungsschichten nichts an. Die Vereinten Nationen schätzen, dass nach wie vor etwa die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung (178 Millionen Menschen) als arm gilt.

Hinzu kommt, dass auch Menschen mit gutem Bildungsniveau enorme Schwierigkeiten haben, für sich eine aussichtsreiche wirtschaftliche Perspektive zu finden. Die grassierende Korruption im Land erschwert zudem vielen Menschen den Zugang zu Arbeit in der privaten Wirtschaft wie auch im öffentlichen Dienst des Landes.

Flüchtlinge in Maiduguri im Nordosten Nigerias, die vor den Extremisten der Boko-Haram-Terrorgruppe geflohen sind (Archivfoto vom 9. September 2014) | Bildquelle: AP
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Maiduguri im Nordosten Nigerias: Der Terror von Boko Haram treibt die Menschen in die Flucht (Archivfoto vom 9. September 2014).

Der größten Volkswirtschaft Afrikas, Nigeria, gelingt es nicht, ausreichend Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. Zudem wird die Ökonomie des Landes im Norden massiv durch Terrorismus und seine Bekämpfung beeinträchtigt. Über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Boko-Haram-Terrorismus gibt es keine konkreten Zahlen. Aber wichtige Transportrouten im Norden und Nordosten Nigerias gelten als unsicher, mehr als 2,1 Millionen Menschen sind intern auf der Flucht.

Dieses Bündel von Schwierigkeiten bringt vor allem junge Menschen dazu, ihr Glück anderswo zu suchen.

Mali

Das westafrikanische Land erlebte 2012 seine große Krise. Damals sorgten Stammesunruhen und Dschihadisten im Norden des Landes für eine dramatische Situation. Ein Militärputsch verschlimmerte die Situation zusätzlich. Seitdem versuchen eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen sowie eine Vielzahl an Entwicklungsinitiativen, das Land mit seinen etwa 15 Millionen Einwohnern wieder zu stabilisieren.

Eine vor zwei Jahren neu gewählte Regierung weckte zunächst große Erwartungen, konnte aber vor allem die Sicherheitslage und die wirtschaftlichen Nöte vieler Malier bisher nicht entscheidend verändern. Im Norden des Landes suchen deshalb vor allem junge Männer ihr Glück im organisierten Drogenhandel, der quer durch die Sahara immer weiter zunimmt.

Kodjan, 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Bamako: Viele Menschen sind aus dem malischen Dorf bereits geflohen. | Bildquelle: AFP
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Kodjan, 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Bamako: Viele Menschen sind aus dem malischen Dorf bereits geflohen.

Andere schließen sich den Dschihadisten-Gruppen an. Viele Malier suchen aber wegen der Konflikte im eigenen Land und wegen der wirtschaftlichen Misere ihr Glück im Ausland, auch in Europa.

Die Risiken der gefährlichen Reisen Richtung Europa sind vielen durchaus bewusst. Sie versuchen es dennoch und - wenn es sein muss und die Geldmittel es erlauben - teilweise mehrfach. Wer erfolglos zurückkehrt, gilt zu Hause als Versager. Auch deshalb kehren viele Malier, die im Ausland wirtschaftlich keine Perspektive gefunden haben, nur ungern in die Heimat zurück.

Senegal

Der Senegal dagegen ist inzwischen ein politisch stabiles, offenes Land mit einer demokratischen Tradition - und Frieden: In der Casamance, in der es in der Vergangenheit immer wieder bewaffnete Konflikte gab, herrscht heute vergleichsweise Ruhe. Doch auch wenn im "Musterland" Senegal kein Krieg herrscht, auch wenn keine Hungersnöte zu befürchten sind, auch wenn die Ebola-Epidemie hier kaum Auswirkungen hatte: Senegalesen verlassen in Scharen ihr Land - vor allem die jungen. Fast zwei Drittel der Bevölkerung im Senegal sind jünger als 18 Jahre. Viele sehen keine Perspektive und erklären: "L'Europe ou la mort - Europa oder der Tod."

Rund 600.000 Menschen im Senegal verdienen mit der Fischerei ihren Lebensunterhalt und ernähren ihre Familien. Massive Probleme hatten die senegalesischen Fischer, weil ausländische Flotten ihnen den Ozean leergefischt haben: vor allem Fang-Trawler aus Asien und Europa.

Im Saloum-Delta im Senegal kämpfen die Menschen gegen den steigenden Meerespegel. | Bildquelle: AP
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Im Saloum-Delta im Senegal kämpfen die Menschen gegen den steigenden Meerespegel.

Nach dem Regierungswechsel 2012 löste der neue Präsident Macky Sall zunächst sein Wahlversprechen ein und hob internationale Fischereiabkommen auf. 2014 jedoch unterschrieb er ein neues Abkommen mit der EU: EU-Trawler dürfen nun 14.000 Tonnen Thunfisch pro Jahr vor der senegalesischen Küste fischen - Brüssel zahlt. "Wir verscherbeln unsere Ressourcen und erlauben die Rekolonialisierung durch Europa in diesem Sektor", kritisiert Adama Lam von der Fischerei-Vereinigung GAIPS in Dakar.

Verlässliche Zahlen, wie viele Hektar Land bereits zum Anbau von Biokraftstoffen, Reis, Erdnüssen oder anderen Lebensmitteln für den Export nach China oder Saudi-Arabien an ausländische Investoren vergeben sind, gibt es im Senegal nicht.

Die senegalesische Nichtregierungsorganisation ENDA Tiers Monde und andere klagen seit Jahren lautstark, dass die Landwirtschaft praktisch komplett auf Export und ausländische Investoren ausgerichtet sei. ENDA wehrt sich mit dem Slogan "Fasst mein Land nicht an, das ist meins!" gegen den Ausverkauf ihres Landes.

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