Afghanen warten auf die Ausgabe der bewilligten Reisepässe an der Passstelle in Kabul | Bildquelle: dpa

Flucht nach Europa "Wir sehen hier nichts Gutes mehr"

Stand: 29.09.2015 12:26 Uhr

Nur weg aus Afghanistan, am besten nach Deutschland: 14 Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes flüchten die Menschen wieder zu Zehntausenden aus Afghanistan. Vor dem Passamt in Kabul bilden sich täglich längere Schlangen. Auch Farida, ihr Mann und ihre sieben Kinder wollen das Land verlassen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi, zzt. Kabul

Während in Kundus schwere Kämpfe toben, werden die Schlangen vor und im zentralen Passamt von Kabul immer länger. Polizisten versuchen Ordnung zu schaffen im Chaos. Farida hat es bis in den Innenhof geschafft. Sie bahnt sich einen Weg durch die Menge. Ein Gerücht macht die Runde.

"Ich war neugierig, als ich gesehen habe, wie Sie hier die Leute befragen", erzählt sie. "Ich dachte, Sie sind aus Deutschland gekommen, um uns zu sagen, dass es keinen Sinn macht, hier einen Pass zu beantragen. Stimmt das?"

Ilanit Spinner, BR, zzt. Optovac, zum Flüchtlingsstrom auf dem Balkan
tagesschau24 14:30 Uhr, 29.09.2015

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Farida, ihr Mann und ihre sieben Kinder sind entschlossen zu gehen - nach Deutschland. Schritt 1: Die Flucht nach Kabul. Afghanische Pässe für alle. Schritt 2: Visa für den Iran und eine gemeinsame Einreise ins Nachbarland. Bis dahin ist alles legal. Dann sollen Schlepper helfen. Die Familie will sich im Iran in zwei Gruppen aufteilen, um die Erfolgschancen zu erhöhen.

"Wir haben nicht so viel Geld", erklärt Farida. "Wir werden versuchen, getrennt über den Iran in die Türkei zu kommen, und dann von dort aus mit anderen Leuten weiter Richtung Deutschland."

Vor dem Passamt in Kabul bilden sich lange Schlangen.
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Vor dem Passamt in Kabul bilden sich lange Schlangen - und sie werden fast täglich länger.

Die Familie stammt aus der umkämpften Provinz Nangarhar im Osten Afghanistans. Auch hier kontrollieren die Taliban große Gebiete. Farida weiß, dass die Reise Richtung Europa lebensgefährlich ist. Aber: "Unsere Angst vor den Taliban ist größer. Es ist besser, es zu versuchen und unterwegs zu sterben, als hier zu sterben - jeden Tag ein bisschen mehr. Meine Kinder sind zu Hause in Gefahr", sagt Farida.

Farida will weg aus Afghanistan
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Farida wollte sich nicht fotografieren lassen. Sie legt ihre Hand auf die Dokumente für den Pass.

Bilal ist 16 und sieht in Afghanistan keine Perspektive mehr
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Bilal ist 16 Jahre alt. In Afghanistan sieht er keine Perspektive mehr. Er will weg, nach Europa.

Ihr 16-jähriger Sohn Bilal mischt sich in das Gespräch ein. Er und seine Geschwister gehen wegen der Kämpfe zu Hause in Nangarhar nicht mehr zur Schule. Sein Vater ist arbeitslos. "Wir sehen hier nichts Gutes mehr, deshalb wollen wir nur noch weg. Wenn es auch nur einen guten Grund gäbe zu bleiben, dann würden wir es tun, aber wir finden keinen", sagt Bilal.

Offene Türen in Deutschland

Brigadegeneral Sayed Omar Sabur beobachtet das Treiben im Innenhof, auf den Treppen, in den engen Gängen und an den Schaltern über Monitore, die in seinem Büro an der Wand hängen. Sabur leitet das zentrale afghanische Passamt in Kabul. "Wir haben hier so viel zu tun, weil Deutschland seine Tür geöffnet hat. Und solange die Tür offen ist, wird das hier so weitergehen. Die Leute hier verfolgen die Nachrichten. Und sie glauben zu hören, dass Deutschland alle Grenzen geöffnet hat", berichtet Sabur.

Brigadegeneral Sayed Omar Sabur leitet auch das Passamt in Kabul
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"Wir haben hier so viel zu tun, weil Deutschland seine Tür geöffnet hat": Brigadegeneral Sayed Omar Sabur leitet auch das Passamt in Kabul

Die Zahlen, die der ranghohe Polizist und Chef der afghanischen Passbehörde vorlegt, sprechen für sich. "Wir spüren einen deutlichen Anstieg. Bis vor drei Monaten hatten wir im Durchschnitt insgesamt etwa 2000 Bewerbungen pro Tag. Heute sind es zwischen 7000 und 8000 am Tag."

Visum für Deutschland? Fast unmöglich

Die Nachrichten vom Taliban-Sturm auf Kundus machen rund um das Passamt in Kabul die Runde. Mohammed Ramesh betreibt eine kleine Reise- und Visaagentur in unmittelbarer Nachbarschaft. "Ein Visum für Deutschland zu bekommen, ist unmöglich", sagt Ramesh. Auch die Türkei werde immer schwieriger. Bleibt der Iran. Bis zu 80 Kunden pro Woche bitten Ramesh um Hilfe.

"Wenn das so weitergeht hier in Afghanistan, werde ich es auch mit einem Visum über den Iran versuchen", sagt Ramesh. Der 28-jährige macht sich schon länger Gedanken über mögliche Fluchtwege. Wie seine Kunden. Vom Iran in die Türkei, dann mit dem Boot nach Griechenland, dann über den Balkan Richtung Deutschland. Die Nachrichten aus Kundus bestärken ihn in seinem Vorhaben. Mohammed Ramesh gehört zur wachsenden Zahl der jungen afghanischen Hoffnungsträger, die die Hoffnung verlieren.   

Raus aus Afghanistan - Reportage vom Passamt in Kabul
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
28.09.2015 21:25 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 29. September 2015 um 07:44 Uhr im Deutschlandfunk.

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