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40. Jahrestag des Kampfes Fischer gegen Spasski

Mit Springer und Läufer gegen die Übermacht der UdSSR

Schach als Mittel im Kalten Krieg - im Sommer '72 gab es kaum eine wichtigere Meldung als die Weltmeisterschaftspartie zwischen dem Amerikaner Fischer und dem Russen Spasski. Nicht nur Schachexperten sprachen anschließend vom "Match des Jahrhunderts" - und einem Stellvertreterkampf zwischen Ost und West.

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Schachturnier: Spasski und Fischer 1970
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Bereits 1970 trafen Spasski (links) und Fischer in Siegen aufeinander.

Das Sportzentrum von Reykjavik ist kein Gebäude, in dem man den Pulsschlag des Weltgeschehens vermuten würde. Ein zweckmäßiger Bau, Fertigbeton.

Im Juli 1972 aber schaut die Welt auf dieses Haus. Der Anlass ist ein Schachwettbewerb, doch tatsächlich steht hier viel mehr auf dem Spiel. Ein unerklärter Kampf West gegen Ost, Kapitalismus gegen Sozialismus.

Im Laugardal-Saal treten der US-Amerikaner Bobby Fischer und der Sowjetbürger Boris Spasski gegeneinander an. Spasski will seinen 1969 erworbenen Titel verteidigen, ein Sieg ist Pflicht für ihn.

Siege zum Ruhm des Systems

Schach ist in der Sowjetunion mehr als nur ein Sport. Die Regierung steckt Millionen Rubel in den Schachunterricht, an den Schulen gehört er zum Pflichtprogramm. Die Dominanz im Schach soll die Überlegenheit des Sowjet-Systems belegen.

Spasski gilt als höflicher und umgänglicher Freigeist. Fischer dagegen steht im Ruf, ein sprunghafter Eigenbrötler zu sein. In den Ausscheidungskämpfen um die Position des Herausforderers fegt er seine Gegner 1971 förmlich vom Brett, gewinnt 20 Partien in Serie.

Das hatte noch kein Großmeister vor ihm geschafft, erinnert sich der deutsche Großmeister  und Schiedsrichter des Duells, Lothar Schmid: "Den richtigen Zug im rechten Moment machen, das konnte nur er. Man sah schon: Bobby konnte sie alle besiegen."

Schachturnier: Spasski bei der Ankunft for der Turnierhalle in Reijkjavik
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Zunächst traf nur Boris Spasski in Reijkjavik ein.

Bobby Fischer (USA) bei der Ankunft vor der Turnierhalle in Reijkjavik im Juli 1972.
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Bobby Fischer ließ noch mehrere Tage auf sich warten.

Der Herausforderer lässt auf sich warten

Am 1. Juli 1972 soll die Eröffnungsfeier in der isländischen Hauptstadt Reykjavik stattfinden. Doch Fischers Anwälte stellen immer neue finanzielle Forderungen. Der Herausforderer macht keine Anstalten, New York zu verlassen. So entschließen sich die Isländer, den Wettkampf ohne Fischer zu eröffnen in der Hoffnung, er werde in Kürze anreisen.

Zwischen Reykjavik, Moskau und Washington glühen die Telefondrähte. Henry Kissinger schaltet sich ein, der Sicherheitsberater des US-Präsidenten. Er ruft Fischer in New York an und redet ihm ins Gewissen. "Amerika wünscht sich, dass sie da hinfahren und die Russen besiegen", soll er Fischer nach der Erinnerung von Augenzeugen zugerufen haben - der ist daraufhin wie ausgewechselt und bereit, abzureisen.

Nixon und Kissinger 1972
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Selbst Henry Kissinger (rechts) - hier mit Präsident Nixon - musste seinen Einfluss spielen lassen.

Aufschlag aus London

Vielleicht gibt aber doch Geld den Ausschlag, vermutet Schmid. Denn der britische Geschäftsmann Jim Slater schaltet sich ein, als Fischers Anwälte weitere Forderungen erheben, und verdoppelt kurzerhand das Preisgeld.

Am 4. Juli, praktisch im allerletzten Moment, trifft Fischer schließlich in Reykjavik ein. Nun aber ist unklar, ob Spasski seinerseits bleiben wird. Fischer nämlich provoziert weiter, bleibt der Auslosung fern, kommt zu der Neuansetzung zu spät.

Fischer legt Fehlstart hin

Am 11. Juli dann die erste Partie. Das Spiel ist von großer Vorsicht geprägt, ein Remis liegt in der Luft. Doch im 29. Zug begeht Fischer einen amateurhaften Fehler und verliert das Match. Hat der Herausforderer sich um die nötige Konzentration gebracht?

Er gibt den Umständen die Schuld, zettelt neuen Streit an - um die Größe des Schachbretts, die Lautstärke der Kameras, die Nähe des Publikums. Er weigert sich, zur zweiten Partie anzutreten – Oberschiedsrichter Schmid muss sie als Sieg Spasskis werten.

Spasski kann durchatmen

Damit hat der Russe zwei Punkte Vorsprung vor dem US-Amerikaner, ein vermeintlich beruhigendes Polster, denn er braucht zwölf Punkte aus 24 Partien. Doch Fischer bleibt dabei, immer neue Forderungen zu erheben.

Eine Krisensitzung jagt in Reykjavik die nächste, noch einmal ruft Kissinger an und feuert ihn nach den Erinnerungen eines Augenzeugen mit den Worten an: "Sie sind unser Mann, der es mit den Kommunisten aufnimmt!"

Schreiduelle auf der Bühne

Die Partie wird in ein ruhigeres Hinterzimmer verlegt, doch noch immer ist Fischer unzufrieden. Er beschimpft  die Kameraleute, und nun zeigt auch Spasski Nerven. Vor Beginn der dritten Partie schreien er und Fischer sich öffentlich an, und Schiedsrichter Schmid muss handgreiflich werden.

Da er höher als die beiden Kontrahenten sitzt, kann er die Streithähne an den Schultern packen und in den Sessel drücken "Da saßen sie und Spasski machte automatisch den ersten Zug. Dadurch wurde die dritte Partie gerettet."

In der läuft Fischer zu Höchstform auf. Furios attackiert er Spasski und schlägt ihn in kurzer Zeit. Es ist sein erster Sieg über den Weltmeister, dessen Selbstbewusstsein nun angeschlagen ist.

Das Blatt wendet sich

Der Russe verliert auch die Partien fünf und sechs. Nach dieser Niederlage gibt es im Publikum stehende Ovationen für Fischer - und auch Spasski applaudiert ihm auf der Bühne.

Im sowjetischen Team herrscht höchste Anspannung. Spasskis Sekundant Efim Geller veröffentlicht nach der 16. Partie eine spektakuläre Erklärung. Darin äußert er den Verdacht, "dass einige der elektronischen Geräte und chemischen Substanzen, die sich im Austragungssaal befinden, eingesetzt werden, um Mr. B.Spasski zu beeinflussen".

Insbesondere Fischers Stuhl und die Beleuchtung erregen Gellers Misstrauen. Zwei isländische Wissenschaftler unterziehen sie einer tagelangen chemischen Untersuchung - alles, was sie finden, sind zwei tote Fliegen.

Spasski kapituliert

Nach einer Serie von Remis gibt Spasski schließlich in der 21. Partie und nach zwei Monaten Nervenkrieg auf und verliert damit seinen Titel. Auf den neuen Weltmeister Fischer wartet in der Heimat ein triumphaler Empfang.

Der Kampf um die Weltmeisterschaft hat es über Wochen auf die erste Seite der Zeitungen geschafft - zu einer Zeit, da die USA verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrem Vietnam-Desaster suchen. Fischer aber, der nun als vielleicht erster Schachspieler überhaupt viel Geld verdienen könnte, zieht sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück.

Er weigert sich auch, 1975 seinen Titel gegen den sowjetischen Herausforderer Anatoli Karpow zu verteidigen und verliert ihn am grünen Tisch. Diese Entscheidung erkennt er nie an.

Der Ex-Weltmeister wird zum Getriebenen

Erst 1992 spielt er wieder öffentlich. Für einen Millionenbetrag tritt er in einem Schaukampf gegen seinen alten Widersacher Spasski an, in einem Ort in Montenegro. Er verstößt damit gegen die US-Sanktionen gegen Jugoslawien und kehrt nie mehr in die USA zurück.

Fischer und Spasski im Jahr 1992 im Sveti Stefan in Montenegro
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Fischer (links) und Spasski im Jahr 1992 im Sveti Stefan in Montenegro

Immer mehr gleitet er ab in Wahnvorstellungen, gerät mit antisemitischen Ausfällen in die Schlagzeilen und sorgt noch einmal für Schlagzeilen, als er nach den Anschlägen vom 11. September 2001 im philippinischen Radio die USA wüst beschimpft.

Am Ende lebt Fischer auf Island, wo er 2008 stirbt - als hasserfüllter Sonderling, der eine große Partie im Schach und eine kleine Schlacht im Kalten Krieg gewann.

Diesen Beitrag können Sie auch am 7. Juli um 19.20 Uhr in der Sendung "Zeitgeschichte" auf NDRInfo hören.

Stand: 07.07.2012 11:49 Uhr

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