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21.11.2009

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Ausland

Kuba: Wenig Wandel nach Castros Rücktritt

Mythos und Macht bröckeln - langsam

Castro geht nur in Altersteilzeit

Fidel Castro verzichtet auf das Präsidentenamt, behält aber als KP-Generalsekretär seinen politischen Einfluss. Neue Freiheiten können die Kubaner von seinem Bruder Raúl nicht erwarten. Zunehmende Richtungsdebatten über den künftigen Weg des Landes zeigen jedoch, dass der Mythos Fidel Castro bröckelt.

Von Michael Castritius, ARD-Korrespondent Mexiko

Fidel Castro (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Fidel Castro gibt das Präsidenamt auf, behält aber als KP-Chef die Richtlinienkompetenz. ]
Fidel Castro lebt noch. Als Legende sowieso, aber auch noch in der zeitgenössischen kubanischen Politik. "Fidel: immer an vorderster Front", titelt die Parteizeitung "Granma" und versucht klarzustellen, dass der Alt-Revolutionär nicht in den Ruhestand geht, sondern nur das Amt des Präsidenten abgibt, allenfalls also in Altersteilzeit geht. Generalsekretär der Kommunistischen Partei bleibt er und, wie er es selbst nennt, "Soldat der Ideen".

Fidel Castro behält Entscheidungsmacht

"Fidel wird weiter kämpfen", schreibt das Propaganda-Blatt, "weiter lehren, aufklären, warnen und uns führen". Und das nicht nur als Autor der "Granma" in den "Reflexionen des Genossen Fidel". Nein: Laut Artikel 5 der kubanischen Verfassung ist der Generalsekretär der KP die oberste Führungskraft der Gesellschaft und des Staates. Auf Politikerdeutsch heißt das: Fidel behält die volle Richtlinien-Kompetenz.

Raúl Castro (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Raúl Castro wird voraussichtlich neuer Präsident Kubas. ]
Raúl Castro wird demnach unter ihm Präsident sein. Dass der nur fünf Jahre jüngere Bruder ideologisch sowieso auf die Fidel-Linie eingeschworen ist, daran ließ er zuletzt vor dem Parlament Ende Dezember keine Zweifel aufkommen. "Die Herausforderungen, die vor uns liegen, sind enorm. Aber niemand sollte an der Überzeugung des kubanischen Volkes zweifeln, dass es nur im Sozialismus möglich ist, die Schwierigkeiten zu überwinden und die Errungenschaften eines halben Jahrhunderts Revolution zu erhalten", sagte er. Die Revolution gehöre allen. "Die Kubaner von Heute und die Kubaner von Morgen sollten sie jeden Tag stärken, bis sie unangreifbar ist", sagte Raúl Castro.

Mythos Castro bröckelt

Die "Kubaner von Heute" blieben äußerlich ruhig in den Tagen nach Fidels Ankündigung, dass er auf das Präsidentenamt verzichten werde. Einzige Auffälligkeit: Ausnahmsweise wurde der Zeitung "Granma" Beachtung geschenkt. Mit den Sicherheitskräften wollte sich niemand anlegen, aber es platzen immer öfter Meinungen aus den Menschen heraus, die den Mythos Fidel Castro bröckeln lassen.

"Schon seit Monaten hätte das passieren müssen - und jetzt ist es soweit", sagte ein Mann auf der Straße. "Ich habe keine Ahnung, wie das weitergehen wird, weil hier ja alles ziemlich unvorhersehbar ist." Eine Passantin erklärte, dass alle mit Veränderungen leben müssten. "Jeder weiß, dass das Leben einen Anfang und ein Ende hat. Man weiß einfach, wann es Zeit für etwas ist", sagte sie. "Das ist wie beim Sportler: der weiß ja auch, wann er sich zurückziehen muss."

Teaser Fidel Castro (Foto: REUTERS) Multimedia-Dossier: Link Kuba und der "Máximo Líder" Fidel Castro und sein Leben für die Revolution

Noch weiter geht ein andere Kubaner, der keine harten Worte scheut. "Schon vor 1000 Jahren hätte der zurücktreten müssen. Und von hier abhauen und das Land endlich freilassen", polterte er. "Und diese Scheißzeitung 'Granm'a lese ich nicht. Hab ich nie getan. Das sind Agitatoren, eine Bande von Lügnern und Dieben!"

Drastisch, wie in seiner Musik üblich, brüllt der 26-jährige Rapper René das ins Mikrofon, was immer mehr kubanische Jugendliche denken. Drei von vier Bewohnern sind nach 1959 geboren. Sie haben genug von den alten Männern und von deren ein halbes Jahrhundert alten Revolution. Sie wollen ihre eigenen Ideale leben - und konsumieren.

Richtungsdebatten nehmen zu

Plakat von Fidel Castro in Havanna (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Kritik der Kubaner an Fidel Castro nimmt nach seiner Rücktrittsankündigung spürbar zu. ]
Aber dass das vorerst ein Traum bleibt, dafür steht der 76-jährige Raúl Castro, der die sozialistische Macht-Erbschaft an diesem Wochenende antreten dürfte. Zwar hatte er alle Bürger im Herbst aufgerufen, Mängel zu benennen und frei heraus Verbesserungsvorschläge zu machen. Die Debatte in öffentlichen Zirkeln jedoch drohte zu hitzig zu werden. Immer mutiger wurden die Diskussionsbeiträge. Internationale Medien waren zu diesen Ausprachen erst gar nicht zugelassen. Der britischen BBC jedoch wurde ein Video zugespielt. Es zeigt den hilflosen Parlamentspräsidenten Ricardo Alarcón, der von Studenten direkt gefragt wird, warum es Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten auf der sozialistischen Insel gibt, warum der Internetzugang etwa zu Google und Yahoo blockiert wird.

"Unsere Arbeiter, unsere Bauern werden mit kubanischen Pesos bezahlt. Wenn sie sich eine Zahnbürste kaufen wollen, müssen sie drei Tage dafür arbeiten", klagte ein Student. "Sie haben keine Möglichkeit in ein Hotel zu gehen oder ins Ausland zu reisen. Bevor ich sterbe, möchte ich den Ort in Bolivien besuchen, an dem Che Guevara gefallen ist." Dazu fiel dem Parlamentspräsidenten nur diese haarsträubende Antwort ein: "Wenn die ganze Welt, sechs Milliarden Menschen, so reisen könnten, wie sie wollten, würde es einen riesigen Stau in der Luft geben. Die Reisenden sind nun einmal eine Minderheit."

Fidel Castro (Foto: picture-alliance/ dpa) Bilder: Bilderstrecke Fidel Castro Von der Revolution zur Isolation: Bilder aus sechs Jahrzehnten [mehr]

Kaum Aussichten auf neue Freiheit

Reisefreiheit, Informationsfreiheit, das werden auch ohne Fidel im Präsidentenpalast Fremdwörter auf der Insel bleiben. Der deutsche Sozialist und Soziologe Heinz Dieterich, der eng mit Raúl Castro zusammengearbeitet hat, erwartet keine umfassenden Veränderungen von der neuen Führung. "Kuba ist ein gebranntes Kind was gleichzeitige politische und wirtschaftliche Öffnung angeht, wie es seinerzeit unter Gorbatschow in der Sowjetunion erfolgen sollte", sagt er. Bei diesem Prozess in der UdSSR sei nach kubanischer Lesart die Kontrolle verloren gegangen.

Die zweite historische Variante sei die chinesische: die politische Öffnung vertagen und die ökonomische Effizienz vorantreiben. "Kuba wird sagen: Wir sind so ein kleines Land und schwach gegenüber den USA, dass wir, um nicht die Kontrolle zu verlieren, erstmal nur einen Bereich liberalisieren", sagt Dieterich. Die Frage der politischen Öffnung sei abhängig von der Position des nächsten US-Präsidenten.

Obama könnte für Annäherung sorgen

Senator Barack Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nashua in New Hampshire. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Barack Obama könnte im Fall eines Wahlsiegs für eine Annäherung zwischen Kuba und den USA sorgen. ]
Wenn dieser Barack Obama heißen sollte, könnte Tauwetter das letzte Schlachtfeld des Kalten Krieges erwärmen. Konstruktive Politik der USA statt trotzigem Embargo - das würde auf Kuba wesentlich mehr bewirken als das Ende der Castro-Ära. Obama, in Führung liegender Bewerber der US-Demokraten, will ohne Vorbedingungen mit der kubanischen Regierung ins Gespräch kommen. "Als Präsident werde ich allen Kubanern in den USA die unbeschränkten Rechte gewähren, ihre Familien zu besuchen und ihnen Geld zu überweisen", versprach er.

So könnte der Januar 2009 tatsächlich eine Zeitenwende für Kuba bringen: Dann zieht der neue Präsident ins Weiße Haus ein, gleichzeitig wird auf der Karibik-Insel der 50. Jahrestag der Revolution gefeiert. Grund zu kubanischem Stolz und daraus resultierendem Selbstbewusstsein - auch für Gespräche mit Washington. Die Bereitschaft dazu hat auch Raúl Castro bereits signalisiert.

Hoffnung auf wirtschaftliche Öffnung

Bis dahin aber bleibt eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung die kleinste gemeinsame Hoffnung. Eine durchaus berechtigte Hoffnug, meint Fidel-Castro-Biograf Volker Skierka. Zumal, wenn Vizepräsident Carlos Lage in exponierter Stellung bleibt. Der hatte bereits in den 90er Jahren Anreize zu privater Initiative gegeben. Dazu zählten Bauernmärkte, Privatunterkünfte oder kleine Restaurants.

"Carlos Lage gilt als derjenige, der Kuba auf der ökonomischen Schiene zusammen mit Raul Castro gerettet hat", sagt Skierka. Castro habe als Verteidigungsminister den Leitspruch "Bohnen sind wichtiger als Kanonen" ausgegeben und für einen Umbau des kubanischen Militärs gesorgt. "So was könnten sie sich in keinem anderen lateinamerikanischen Staat vorstellen. Das würde einen Putsch geben. Aber in Kuba hat man die Soldaten in die Landwirtschaft gesteckt", erklärt Skierka. Der Militärapparat sei wesentlich reduziert und zu einem Tourismuskonzern gemacht worden. Der gesamte Tourismusbereich sei heute fast ausschließlich in der Hand des Militärs.

So konnte Verteidigungsminister Raúl Castro Manager-Erfahrungen sammeln, auch im Kontakt zu internationalen Touristik-Konzernen, die Joint-Ventures mit den Armee-Betrieben eingingen. Erfahrungen, die er ab Montag in praktische Politik umsetzten kann, wenn sein Über-Bruder ihn lässt. Denn Fidel Castro ist zwar zur Seite, aber nicht zurückgetreten.

Stand: 23.02.2008 00:27 Uhr
 

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