Fragen und Antworten

Ein Bauer besprüht mit Unkrautvernichtungsmittel sein Feld. | Bildquelle: dpa

Entscheidung in Brüssel Streitfall Glyphosat

Stand: 09.11.2017 03:22 Uhr

Unbedenklich oder krebserregend? Über den Unkrautvernichter Glyphosat wird schon lange und kontrovers gestritten. Ob dessen Zulassung verlängert wird, berät nun erneut der zuständige EU-Ausschuss. Antworten auf wichtige Fragen zu Glyphosat.

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Von Ruth Schulz, WDR

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein Wirkstoff in sogenannten Totalherbiziden. Diese töten sowohl Gräser als auch krautige Pflanzen. Der Stoff ist seit 1974 in der EU zugelassen. Diese Zulassung läuft Ende dieses Jahres aus.

Glyphosat greift in den Stoffwechsel der Pflanzen ein und verhindert, dass wichtige Aminosäuren gebildet werden. Insekten und andere Tiere schädigt es so nicht direkt. Es wird häufig vor der Aussaat im Frühling eingesetzt, um Äcker unkrautfrei zu machen. Vor der Ernte kann es die Reifung der Pflanzen beschleunigen und die Ernte erleichtern. Diese sogenannte Sikkation ist in Deutschland nur noch ausnahmsweise erlaubt. Auch privat dürfen glyphosathaltige Spritzmittel nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Die meisten Garten- und Baumärkte verkaufen sie nicht mehr.

Pflanzen, die durch gentechnische Verfahren resistent gegen solche Totalherbizide sind - zum Beispiel gentechnisch veränderte Sojabohnen - überleben eine Behandlung. Unkräuter werden getötet, die Pflanzen wachsen weiter ohne Konkurrenz. In Deutschland dürfen zurzeit keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden. In Europa wachsen sie nur in wenigen Regionen. (Beispiel: Gentech-Mais in Spanien)

Glyphosathaltiges Mittel in Kanistern. | Bildquelle: dpa
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Glyphosat hilft, Äcker vor der Ernte unkrautfrei zu machen.

Warum ist Glyphosat umstritten?

Glyphosat bedroht die Artenvielfalt. Es wachsen keine Wildkräuter mehr auf einem Acker, Insekten und anderen Tieren wird damit eine wichtige Lebensgrundlage entzogen. Empfindliche Messverfahren zeigten, dass Glyphosat schon in vielen Lebensmitteln enthalten ist. Man konnte es zum Beispiel in Milch, Hülsenfrüchten, Getreide und in Bier nachweisen.

Es wird in der Regel schnell wieder ausgeschieden und ist - soweit man heute weiß - in den gemessenen Konzentrationen nicht gesundheitsschädlich. Glyphosat ist auch umstritten, weil es vor allem in der industriellen Landwirtschaft eingesetzt wird. Für viele Kritiker gilt der Stoff als Symbol für den Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft.

Worüber streitet die Wissenschaft?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) überprüfte 2015 den Wirkstoff Glyphosat im Auftrag der EU und empfahl, den Stoff weiter zuzulassen. Bei sachgerechter Anwendung sei er nicht bedenklich. Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (efsa) und die europäische Chemieagentur (echa) schlossen sich dieser Bewertung inzwischen an.

Die Experten des BfR stützten sich auf Studien, die untersuchten, wie der pure Wirkstoff Glyphosat wirkt. Das ist in den international gültigen Vorschriften so vorgesehen. Das BfR hatte vorgeschlagen, diese Vorgabe zu ändern: Man wollte auch Studien über die Wirkung von Gemischen einbeziehen. Die EU lehnte das ab.

Die Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittel, das den Wirkstoff Glyphosat enthält | Bildquelle: dpa
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Über die Risiken von Glyphosat streitet die Wissenschaft.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stufte Gemische mit dem Wirkstoff Glyphosat dagegen als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Die Krebsforscher berücksichtigten die Ergebnisse von Tierversuchen, die herausfinden wollten, ob überhaupt ein Krebsrisiko besteht. Seitdem streiten auch Wissenschaftler heftig.

Im Juni 2016 wurde die Zulassung für Glyphosat um 18 Monate verlängert. Bis Ende 2017 sollte das Krebsrisiko geklärt werden. Das ist nicht endgültig gelungen.

Wie geht die Politik damit um?

Auch Politiker und die EU-Kommission haben noch keine eindeutige Position gefunden. Die Bundesregierung war bislang gespalten. Das SPD-geführte Umweltministerium plädiert dafür, Glyphosat in Zukunft zu verbieten. Das CSU-geführte Agrarministerium tritt dagegen für eine Verlängerung der Zulassung ein. Deshalb hat sich Deutschland bei Abstimmungen bisher der Stimme enthalten.

Eine EU-Entscheidung müsste mit einer qualifizierten Mehrheit getroffen werden. Mindestens 16 Staaten, die für 65 Prozent der Bevölkerung stehen, müssten sich für die eine oder die andere Lösung aussprechen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosat im Dezember noch einmal für zehn Jahre zugelassen wird. Das EU-Parlament fordert die Zulassung auf fünf Jahre zu begrenzen. Diesen Zeitraum schlägt mittlerweile auch die EU-Kommission als Kompromiss vor.

Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) über ein Feld und bringt Glyphosat aus | Bildquelle: dpa
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Glyphosat ist in den 1970er-Jahren zum Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln entwickelt worden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2017 um 02:47 Uhr.

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