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20.11.2009

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Ausland
USA: Echte Trauer, falsche Fanfarenklänge auf dem Friedhof
Falsche Fanfaren für US-Veteranen

Eine Frage der Würde

Auch in der US-Armee wird gespart, und zwar an den Begräbnissen für Veteranen. Bei vielen Beerdigungen sind keine echten Fanfarenklänge mehr zu hören, wie es die Tradition verlangt. Den Angehörigen wird etwas vorgemacht. So mancher Veteran hält das für unwürdig.

Von Klaus Scherer, NDR, ARD-Studio Washington

Veteranentag in Elkhard, Indiana. Ein vor Orden strotzender Weltkriegsüberlebender zieht die Fahne des Soldatenfriedhofs auf Halbmast, dass die Leinenrädchen quietschen. Kleindarsteller in US-Civil-War-Uniformen feuern Ehrensalven in die Luft. Dann setzt Tom Day seine Trompete an den Mund und bläst die Fanfare. Die Schirmmütze, die zu klein auf seinem grauen Schopf sitzt, zeigt zwei gekreuzte Säbel. Über den Schultern hängt schwer ein hellblauer Soldatenmantel.

Die Trompetenklänge hallen über die Gräber, deren Gedenksteine in Reih und Glied stehen wie eine Armee. Als Day seine Sequenz beendet, hebt in Sichtweite der nächste Spieler das Instrument an und übernimmt. So geht es fünf Meilen weit, bis zum nächsten Friedhof. Die Staffette hat Day organisiert. Auch viele junge Bläser nehmen teil. Die Stimmung ist feierlich. Würdevoll.

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Probeschüsse ohne Patronen

Jenseits der Feiertage freilich geht es an Amerikas Soldatengräbern bescheidener zu. Bei Probeschüssen vor einer Bestattung sparen die Schützen an den Patronen. "Pow-pow" rufen sie dann nur im Chor. Als wir auf einem Friedhof in Chicago einer Bestattung beiwohnen, wird der fahnenbedeckte Sarg eines ehemaligen Marinesoldaten des Zweiten Weltkriegs vor die versammelten Angehörigen gerollt. Uniformierte falten die Fahne zum Dreieck und überreichen sie der trauernden Witwe. Danach spielt Day andächtig auf der Trompete. Ein freiwilliger Dienst. "Das Mindeste an Ehre", sagt er, "für einen, der damals sein Leben riskiert hat".

Eine echte Fanfare - eine Frage der Ehre

So geschieht es Tag für Tag im Lande, sagt er uns später in seinem überfüllten Kellerbüro, von wo aus er seinen Trompeter-Service orchestriert. "Bugles Across America", frei übersetzt: "Fanfaren für das Land", heisst der Online-Dienst, der Trauernde in jedem Bundesstaat mit Musikern versorgt. Egal ob die Verstorbenen nun bei der Luftwaffe waren oder der Armee, in Korea oder Vietnam, dem Irak oder Afghanistan. Dabei ist der Mann kein Kriegsfanatiker, im Gegenteil. Er kämpft eher gegen die Militärverwaltung, weil er er eine Tradition verteidigt: Die Tradition der echten Fanfare. "Alles andere ist respektlos", sagt er entschieden. "Wenn du den Soldaten diese Ehre nimmst, etwa indem du nur ein Tonband abspielst, stiehlst du ihnen die Würde."

Lautsprecher-Chips aus China

Ein Kriegsveteran bei der Ehrung von Kameraden (Foto: ARD) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Würdevoller Umgang mit Kriegsveteranen? ]
Was seinen Feldzug auslöste, sind "fake bugles", falsche Fanfaren, abgespielt von versteckten Elektronikbauteilen im Intrumententrichter. Denn immer öfter greift das Pentagon darauf zurück. "Du musst nur den versteckten Knopf drücken", erklärt der Ausbilder einem Matrosen, der nie ein Musik-Instrument gelernt hat, als wir ihm bei Baltimore über die Schulterklappen schauen. Die hellen Klänge scheppern sogleich aus dem blitzenden Blech. Die Chip-Lautsprecher kauft das Militär in China ein.

"Wenn sich sonst keiner findet, warum nicht?", sagt uns der falsche Bläser. "Für mich ist das kein Problem. Die Angehörigen wissen es ja nicht. Und schließlich geht es nicht darum, wie etwas gespielt wird, sondern dass es überhaupt einer macht."

Keine Stereo-Anlage - immerhin

Im Hof des Pentagon wehrt sich Sprecher Mark Ward gegen die Fake-Vorwürfe. "Jeden Tag sterben in den USA etwa 1800 Veteranen", rechtfertigt er die Alternativpläne. "Aber wir haben nur 500 Musiker im Dienst. Nun rechnen Sie selber. Wir könnten auch eine Stereoanlage hinstellen, das wäre wirklich würdelos. So aber spielt immerhin jemand am Grab auf."

Earl Guyaux wird das nicht mehr erfahren. Ein Soldatenfriedhof bei Baltimore ist seine letzte  Ruhestätte. Über weißen Handschuhen hält ein Militär die Urne. Der Matrose mit seiner Kurzausbildung setzt die Knopfdruck-Fanfare in Gang, unbemerkt von Guynaux’ erwachsenen drei Töchtern. Sie tupfen sich die Tränen weg. Sie sind gerührt.

Eine bewegende Zeremonie?

Kinder gedenken der verstorbenen Kriegsveteranen. (Foto: ARD) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kinder gedenken der verstorbenen Kriegsveteranen. ]
Als junger Soldat hatte Earl im Pazifik- und im Koreakrieg gelitten, so sehr, dass er später kaum darüber habe reden wollen, sagen die Frauen in Schwarz: "Als ich klein war", so Susan Guyaux, "fragte ich ihn oft danach, aber er ging nie darauf ein. Erst zuletzt, als er im Sterben lag, teilte er ein wenig von den Kriegserinnerungen mit." Für die Ehrerbietungen des Militärs seien sie dennoch dankbar, beteuern die drei. "Dass hier wirklich ein Trompeter spielte, fanden wir sehr bewegend."

Für Tom Day freilich bleibt das Schauspiel unwürdig. An diesen Musikern zu sparen, sei eine Schande. "Es geht ja noch weiter", klagt er, "viele Familien wissen nicht einmal, dass ihnen ein kostenloses Grab zusteht. In der jetzigen Wirtschaftskrise bedeutet das einiges." Genügend echte Musikanten, die auch jenseits der Staffetten zum Veteranentag bereit sind aufzuspielen, fänden sich in Wahrheit auch. Das bewiesen er und sein Netzwerk jeden Tag neu.

Als die fünf Meilen zwischen den Friedhöfen in Elkhard musikalisch überbrückt sind, versammeln sich alle Bläser noch einmal unter der Fahne und spielen zum Abschluss gemeinsam auf wie zu einem hallenden Protest, über weißen Grabsteinreihen, so weit der Blick reicht. "Weil jeder von denen, die da liegen, es verdient hat", wird Tom später sagen. "Wann und wo auch immer sie gestorben sind."

Stand: 14.11.2009 22:09 Uhr
 

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