"Free Basics"-Plakat in Indien | Bildquelle: REUTERS

Indien verbietet Facebook-Projekt Kostenlos - aber nicht wirklich frei

Stand: 08.02.2016 18:52 Uhr

Indische Behörden haben nach massiven Protesten Facebooks Projekt für den kostenlosen Zugang zu einigen Online-Diensten einen Riegel vorgeschoben. Ein Erfolg für Netzaktivisten und indische Internet-Firmen: Sie sahen die Netzneutralität durch das "Free Basics"-Angebot verletzt.

Von Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi

Die Entscheidung der Regulierungsbehörden war überfällig, eigentlich hatte sie schon Ende Januar kommen sollen. Das Ergebnis dürfte im Sinne vieler Netzaktivisten in Indien sein: Es solle, so die Regulierer, keine Ausnahmen beim Netz-Zugang geben. Wer dagegen verstößt, muss Strafe zahlen.

Zuckerberg in Indien | Bildquelle: dpa
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Facebook-Gründer Zuckerberg bewarb 2014 persönlich sein "Free Basics"-Programm in Indien.

Konkret bedeutet das: Facebook darf keine beschränkten Online-Services gebührenfrei anbieten - das trifft den Kern der Initiative "Free Basics" von Facebook-Gründer Marc Zuckerberg. Die Idee lautete, so vielen Menschen wie möglich den Zugang zu stark vereinfachten Internetseiten zu ermöglichen, und zwar vor allem übers Handynetz und gebührenfrei.

Eine Milliarde Menschen ohne Internetzugang

In Indien sind rund eine Milliarde Menschen offline. Entweder sind sie zu arm, oder ihre Dörfer sind weder ans Internet noch an ein 3G-Telefonnetz angeschlossen. "Free Basics" sollte diese Menschen mit dem Internet vertraut machen, mit Nachrichtenseiten wie die der BBC, mit Wetterdiensten, der Seite eines Immobilienunternehmens und natürlich mit Facebook selbst.

Allerdings handelt es sich dabei insgesamt nur um rund 100 Internetseiten, die kostenfrei gewesen wären. Google zum Beispiel war am Ende nicht mehr auf dieser Liste, auch wenn Facebook bis zuletzt beteuerte, man hätte die Suchmaschine gerne in "Free Basics" eingebunden.

Gegner pochen auf Netzneutralität 

Netzaktivisten und indische Internet-Unternehmer protestierten deshalb gegen "Free Basics".  Sie sehen die Netzneutralität verletzt, weil eben kein gleicher und freier Zugang zu allen Internetseiten mehr möglich sei.

Protest gegen "Free Basics" in Indien | Bildquelle: AP
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In einzelnen Städten gab es Protestaktionen gegen "Free Basics"

Der Ton wurde schnell rau. Der Gründer der erfolgreichen indischen Internetfirma "paytm", Vijay Sharma, zählte zu den lautesten Stimmen gegen "Free Basics". Sharma, dessen Bezahldienst und e-commerce-Plattform unter anderem von der chinesischen Online-Plattform "Alibaba" gestützt wird, hatte Facebook unter anderem mit den britischen Kolonialherren verglichen.

"Die Briten kamen mit ähnlichen angeblich noblen Absichten", schrieb Sharma vor wenigen Wochen. "Free Basics, das ist im wahrsten Sinne ein verkrüppeltes Internet für Arme. In einem Land, das gerade abhebt, sollten sich aber alle Anbieter auf dem Spielplatz Internet tummeln dürfen."

Internet wird als Wachstumsmotor benötigt

Indien ist derzeit einer der am schnellsten wachsenden Märkte für Internetfirmen. Investoren haben 2015 indischen Medien zufolge acht Milliarden US-Dollar in indische Start-Ups investiert. Diese Start-Ups sind derzeit einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der indischen Wirtschaft, sie schaffen dringend benötigte Arbeitsplätze.

Allein der Umsatz von Handelsplattformen wie Amazon hat sich in wenigen Jahren vervielfacht. Bis 2020 könnte er laut Wirtschaftsberatern 120 Milliarden Euro betragen. Viele Unternehmer befürchten jedoch, dass Facebook mit "Free Basics" Mauern baut, die später nur schwer wieder einzureißen wären - weil viele Menschen nicht bereit wären, später gegen eine Datengebühr auf andere Seiten oder Apps zu wechseln.

 Regierung stand hinter Zuckerberg

Narendra Modi | Bildquelle: AFP
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Indiens Premier Modi setzte sich für das Projekt ein.

Die indische Regierung betrachtete die Pläne von Marc Zuckerberg dagegen mit Wohlwollen. Zuckerberg hatte bereits mehrfach den indischen Premierminister Modi getroffen und Indien besucht, an Universitäten war er wie ein Rockstar gefeiert worden.

Premier Modi will die so genannte "unconnected billion", also die eine Milliarde Menschen ohne Internet-Anschluss, so rasch wie möglich mit dem Netz verbinden. Das ist eine gewaltige Herausforderung. Satelliten und Antennen sollen helfen, beispielsweise nutzen einige Dorfbanken in entlegenen Regionen diese Verbindungen. Die Firma Google stattet derzeit viele Bahnhöfe der indischen Eisenbahnen mit WLAN-Netzen aus.

Doch die Proteste gegen "Free Basics" waren am Ende so laut, dass die Regulierungsbehörde einschritt. Betroffen ist auch die indische Mobilfunkfirma airtel, die ein ähnliches Programm wie Facebook auflegen wollte.

Massive Kampagne von Facebook

Dabei hatte Facebook bis zum Schluss mit einer massiven Kampagne für "Free Basics" geworben, mit Anzeigen in den größten Zeitungen, auf Facebook selbst und mit riesigen Plakaten an Häuserwänden. Die Botschaft: "Free Basic" sei der erste Schritt zu mehr Gleichheit. Marc Zuckerberg fragte in der "Times of India": "Wer kann ernsthaft gegen unsere Initiative sein?" Ein führender Manager wunderte sich, dass es nirgendwo sonst so viel Proteste gegeben habe wie in Indien.

Facebook forderte die Nutzer auf, sich an der Kampagne "Save Free Basics" - "Rettet Free Basics" - zu beteiligen und den Regulierungsbehörden so viele e-mails wie möglich zu schreiben. All das kam nicht gut an, Zuckerberg habe es übertrieben, schrieb eine indische Zeitung.

In einer ersten Reaktion auf die Absage der Behörden erklärte Facebook, man sei "enttäuscht, werde aber weiter für einen barrierefreien Zugang für möglichst viele Menschen kämpfen." Das Unternehmen hat ehrgeizige Ziele. Facebook will die Zahl seiner Nutzer bis 2030 von derzeit 1,6 Milliarden auf fünf Milliarden erhöhen. Indien mit seiner "Unconnected Billion" spielt da eine Schlüsselrolle.

Indiens Regulierungsbehörde stoppt Facebook-Initiative
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
09.02.2016 00:58 Uhr

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