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Facebook-Initiative gegen Unterdrückung der Frau
Die Intifada der Araberinnen
Fünf Frauen aus dem Libanon rufen via Facebook zur Intifada, also zum Aufstand auf gegen die Unterdrückung der Frauen. Nach nur einem Monat haben sie 60.000 Fans und rund Tausend Unterstützerfotos auf ihrer Seite - ein enormer Erfolg. Auch viele Männer unterstützen den Protest.
Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Omar, ein stämmiger junger Mann mit Vollbart, hält ein Plakat in die Kamera, auf dem geschrieben steht: "Ich unterstütze die Intifada der Frauen, weil eine starke Frau meine Männlichkeit nicht bedroht." Omar kommt aus Ägypten, sein Foto ist auf der Seite der Facebook-Gruppe "Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt" zu sehen. Die Frauen und Männer, die sich dort zur Intifada der Frauen bekennen, kommen aus fast allen arabischen Ländern.
"Intifada" der Araberinnen
J. Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
05.11.2012 14:14 Uhr
Halem, 24, ist Jurastudent aus Kairo und sagt: "Ich habe ein Foto gesehen auf dem eine Frau ihren Schleier demonstrativ abgelegt hat, weil sie endlich Luft und Sonne an ihr Haar lassen möchte. Auf einem anderen Foto beklagt eine Frau, die freiwillig das Kopftuch trägt, dass ihr die so genannten gebildeten Leute immer vorwerfen, eine Frau mit Kopftuch sei weniger intelligent als eine ohne. Das verdeutlicht genau, was ich fordere: das Recht der Frau auf Selbstbestimmung." Die Organisatorinnen der Aktion haben beide Fotos nebeneinander gepostet. Unter beide schrieben sie jeweils: "Eine freie Frau."
Enorme Resonanz
Vor einem Monat erst hatten die fünf Organisatorinnen aus dem Libanon die Leute dazu aufgefordert, ihre Fotos mit ihren Statements hochzuladen. Die Resonanz hat sie völlig überrascht, sagt Farah Barqawi. "Es ist überwältigend! Es passiert! Bewusstseinswandel ist möglich! Ständig treffen neue Bilder ein. Selbst die Skeptiker, die glaubten, dass das nicht funktionieren wird, sind genauso überrascht wie wir!"
Rund 1000 Fotos stehen inzwischen in dem Facebook-Profil. Knapp 60.000 Besucher haben den "Gefällt-mir"-Button der Seite angeklickt. Viele der Bilder werden hundertfach kommentiert, hunderte Male geteilt und verbreiten sich wie ein Lauffeuer. "Am meisten hat uns die Resonanz aus dem Jemen und aus Saudi-Arabien überrascht. Die Fotos von dort enthalten starke Botschaften, die Probleme direkt ansprechen: das Autofahrverbot für Frauen, die Tatsache, dass Frauen einen männlichen Vormund brauchen oder zum Tragen des Gesichtsschleier gezwungen werden."
Bis zu 40 Prozent der Unterstützer sind männlich
Farah Barqawi schätzt, dass 35 bis 40 Prozent der Unterstützer Männer sind. "Wir wollten Männer von Beginn an, weil es nicht nur um die Befreiung der Frau geht, sondern um die Befreiung der Gesellschaft. Unser Aufstand richtet sich gegen das Patriarchat, das Frauen und Männer unterdrückt."
"Wenn Patriarchat Versklavung der Frau bedeutet", schreibt Ahmed aus Ägypten, "dann zur Hölle damit". Der 16-jährige Abdulkarim aus Saudi-Arabien erklärt, er sei der gesetzliche Vormund seiner verwitweten Mutter. "Erhebe Dich, Mutter!", fordert er sie auf, "denn Du bist stark!" Ein Ägypter spottet: "Wenn es bei den Arabern echte Männer gäbe, dann würden wir nicht in dieser Misere stecken."
Viel Unterstützung...
"Ich brauche keinen Grund, um am Aufstand der Frauen teilzunehmen", sagt Muhammad, 26, aus dem Jemen. "Es ist etwas vernünftiges, das jeder Mann tun sollte." Seine Freundin Renad, ebenfalls 26, ist auf einem der Fotos zu sehen. Das sanfte Gesicht wird von einem Kopftuch eingerahmt. "Weil wir dieselbe Zukunft teilen bitte ich Dich heute: Mach mit bei der Frauenrevolte!", heißt es auf ihrem Plakat. Muhammad antwortet auf seiner Schrifttafel: "Gerade wegen unserer Zukunft bin ich bei Deiner Intifada mit dabei."
Die Reaktionen seiner Bekannten und Freunde kamen prompt: "Viele Leute reagierten sarkastisch! Jetzt bist Du eine Frau, sagten sie. Aber es unterstützen mich plötzlich auch Männer, von denen ich es gar nicht erwartet hätte." In Ländern wie dem Jemen behaupten viele, es sei die Religion, die den Frauen ihren eng begrenzten Platz zuweist. Muhammad widerspricht: "So wie ich den Islam verstehe, respektiert er die Frauen. Er gestattet ihnen genau wie den Männern, frei zu entscheiden. Der Islam an sich ist nicht das Problem, sondern wie man ihn versteht."
... aber auch harsche Reaktionen aus der Gesellschaft
Ein Jemenit kommentierte das Foto von Renad mit den Worten: "Wenn sie meine Schwester wäre, würde ich ein Dutzend Gewehrpatronen auf sie abfeuern." Der Widerstand ist groß in der Gesellschaft. Die Leute wissen, dass der Kampf nicht leicht wird.
"Ich bin froh, wenn die Arbeiter oder die Christen für ihre Rechte kämpfen", sagt Halem, der muslimische Jurastudent aus Kairo. "Genau so sollten sich auch die Frauen erheben. Es wird ihnen niemand ihre Rechte freiwillig präsentieren." Mit seinem Freund Muhammad Nagy, 22, postete er ein gemeinsames Foto. Die beiden Männer tragen ein Schild, auf dem geschrieben steht, die Frau sei nicht Aura, sondern Thawra, also nicht etwas zu Verhüllendes, sondern Revolution.
Gegenseitige Hilfe
Ob die Revolution auch bis nach Hause reicht, wenn Muhammad Nagy irgendwann verheiratet ist? "Meine Frau und ich, wir müssen uns den Haushalt natürlich teilen. Wir werden beide berufstätig sein, also dieselben Bedingungen haben. Wenn wir abends heimkommen, dann müssen wir uns gegenseitig helfen."
Aktionen wie diese Frauen-Intifada mit den Fotos helfen den Leuten, vor allem den Männern, sich mit jemandem zu identifizieren, der sich mutig zu etwas bekennt, das längst nicht gesellschaftsfähig ist. "Ich finde es allerdings problematisch", sagt Muhammad Nagy, "wenn sich solche Aktionen aufs Internet beschränken. Millionen Menschen in der Region können sich kein Internet leisten. Deshalb müssen wir, Männer und Frauen, raus ins wirkliche Leben, um die Menschen dort zu überzeugen."
Deswegen bereiten die Organisatorinnen der Facebook-Gruppe bereits die nächsten Aktionen vor - mit Graffiti und Plakaten an Häuserwänden, überall in der arabischen Welt.
Stand: 05.11.2012 14:14 Uhr
