Hafenstadt Tianjin  | Bildquelle: AP

Nach den Explosionen in Hafenstadt Tianjin Chinas Armee schickt Chemiewaffenexperten

Stand: 14.08.2015 05:32 Uhr

Nach den schweren Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin soll nun ein Team aus Atom- und Chemieexperten die Ursache des Unglücks herausfinden. Das Militär wird zudem die Luft auf giftige Gase testen. Viele Menschen werden noch vermisst.

Von Axel Dorloff, ARD-Hörfunkstudio Peking

Es waren apokalyptische Szenen, die auch am Tag danach im Krankenhaus nicht aus seinem Kopf gehen. Liu Xiaojing war einer der ersten Feuerwehrleute, die den Brand in dem Containerlager im Hafenviertel von Tianjin löschen wollten. Kurz nachdem die Feuerwehr eintraf, kam es zu mehreren gewaltigen Explosionen. Eine so stark, dass sie vom nationalen Erdbebenzentrum in China registriert wurde.

Liu Xiaojing erinnert sich: "Alle meine Kameraden waren mit den Rettungsarbeiten beschäftigt. Wir haben versucht, das Feuer zu löschen. Ich sollte Arbeiter in Sicherheit bringen. Und nur 20 Minuten später kam es zu diesen unglaublichen Explosionen - die erste Druckwelle hat mich einfach weg gerissen."

Steigende Opferzahlen in Tianjin befürchtet
tagesschau 12:00 Uhr, 14.08.2015, Mario Schmidt, ARD Peking

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20 Feuerwehrleute werden noch vermisst

Allein 17 Feuerwehrleute kamen nach Angaben der chinesischen Staatsmedien ums Leben, mehr als 20 werden noch vermisst. Gebäude von mehreren Logistikfirmen und hunderte Container wurden komplett zerstört. Auch das Zollgebäude im Hafen von Tianjin existiert nicht mehr.

Wanderarbeiter Dan Agio schlief in seiner barackenartigen Unterkunft direkt am Hafen, als das Unglück passierte: “Unsere Unterkunft ist zusammengekracht, wir können sie nicht mehr sehen. Das war furchtbar. Ich habe mich aus dem Bett gerollt, als die erste Explosion kam-– habe nur noch geschrien und bin um mein Leben gerannt. Als ich unten auf der Straße ankam, passierte die zweite Explosion. Ich dachte, der Himmel stürzt ein. Im Augenwinkel sah ich noch, wie das Dach runter kam." Etwa 6000 Menschen wurden für die vergangene Nacht in Notunterkünften untergebracht. In Schulen, in Turnhallen oder in Zelten.

Genaue Ursache für Explosion in Tianjin weiter unklar
tagesschau 20:00 Uhr, 13.08.2015, Ariane Reimers, ARD Peking

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Noch immer weiß niemand genau, was diese Explosion eigentlich ausgelöst hat. Auch Zhang Yong, der Bürgermeister des Bezirks, in dem das betroffene Hafenviertel liegt, konnte diese Frage nicht beantworten."Wir müssen weitere Opfer verhindern. Wir müssen die Sicherheit gewährleisten, bevor wir in der Lage sind, die chemischen Substanzen genau zu identifizieren. Dabei hilft uns jetzt das Militär."

Umweltbehörde entwarnt

Ein Zeichen, wie ernst die chinesischen Behörden den Industrieunfall nehmen: Eine komplette Militäreinheit für chemische Kriegsführung mit mehr als 200 Leuten soll am Unglücksort die Ursachen klären. Noch immer gibt es kleinere Schwelbrände. Und es besteht auch immer noch die Angst, dass es weitere Explosionen geben könnte.

Die Container gehörten zu einem Transport-Unternehmen für Gefahrengut. Und auch wenn man offiziell nicht genau weiß, was in den Containern drin war – der Chef der örtlichen Umweltbehörde in Tianjin gibt Entwarnung.  “Es würde schädlich sein, wenn man diese Luft nun für längere Zeit einatmet. Aber zum jetzigen Zeitpunkt hat die Luft nach unseren Messungen die Grenzwerte nicht zu sehr überschritten.“

Mehrere Festnahmen

Mehrere Manager des betroffenen Logistik-Unternehmens Ruhai sind bereits festgenommen worden. Die Behörden wollen klären, ob die Firma Sicherheitsstandards umgangen oder nicht eingehalten hat. Li Cunxu, ein 32-jähriger Mann aus Tianjin wundert sich über das Logistik-Unternehmen und auch über die chinesischen Behörden. "Da muss ja irgendwas nicht korrekt gewesen sein, bei der Lagerung dieser hochexplosiven und giftigen Substanzen und Materialien. Wie hätten die Explosionen sonst so zerstörend sein können? Die Behörden müssen rausfinden, wer verantwortlich ist. Das Unternehmen – oder vielleicht ist da auch etwas faul bei den Stellen, die die Sicherheitsstandards überwachen sollen."

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Explosionen in der Hafenstadt Tianjin (13.08.2015)

Die Explosion in Tianjin aus der Ferne

Nach einem Feuer in einem Hafenlager mit gefährlichen Chemikalien in Tianjin ist es zu einer gewaltigen Explosion gekommen. Rund um den Unglücksort ist alles zerstört. | Bildquelle: dpa

Kritische Kommentare werden gelöscht

Die chinesische Regierung war bislang vor allem damit beschäftigt, Selbstverständlichkeiten von sich zu geben. Ministerpräsident Li Keqiang hat die Rettungskräfte angewiesen, die vielen Verletzten angemessen zu behandeln, um die Zahl der Opfer niedrig zu halten. Und Staats- und Parteichef Xi Jinping forderte, die Ursachen für das Unglück festzustellen und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Dazu gehört nach dem Verständnis der chinesischen Führung auch, eine offene Berichterstattung über das Unglück zu verhindern. Kritische Kommentare im Internet wurden von den Zensoren gelöscht. Journalisten an ihrer Arbeit gehindert.

Ein Beispiel für die Behinderung der Presse:

Die Zeitung "Beijing News" berichtet, dass sich nach Angaben der Hersteller unter anderem mindestens 700 Tonnen Natriumcyanid in dem Lager befänden. Außerdem sei die giftige Substanz in Abwasserproben der Gegend nachgewiesen worden. Der Bericht ist allerdings auf der Internetseite der Zeitung nicht mehr abrufbar.

Ariane Reimers @AriReimers
Interviews mit Anwohnern - viele Scheiben sind kaputt, alle sitzen draußen in der Hitze. Explosion ein Superschock. http://t.co/OIaINR6pht
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