Das Wrack des abgestürzten Flugzeugs

Ermittlungen in Polen Exhumierung der Smolensk-Opfer beginnt

Stand: 14.11.2016 15:18 Uhr

Trotz des Protests von Angehörigen werden ab heute in Polen 83 Gräber geöffnet. Hintergrund sind neue Ermittlungen zum Flugzeugabsturz von Smolensk 2010. Die nationalkonservative Regierung glaubt an einen Anschlag und will das mit der Exhumierung beweisen.

Sechs Jahre nach dem Absturz der Präsidentenmaschine bei Smolensk lässt Polen ab heute die Opfer der Katastrophe exhumieren. Begonnen werden soll mit dem damaligen Präsident Lech Kaczynski. Er soll aus seinem Grab in Krakau geholt werden. Die Exhumierung von insgesamt 83 Opfern soll etwa ein Jahr dauern. Der Regierungsflieger war am 10. April 2010 beim Landeanflug im russischen Smolensk abgestürzt, alle Passagiere starben.

"Smolensk-Katastrophe wurde politische Keule"

"Rund um die Smolensk-Katastrophe sollen immerfort Unterstellungen, Verdächtigungen und Beschuldigungen kursieren", sagte Polens Ex-Präsident Bronislaw Komorowski. Nach seiner Ansicht nutzt die aktuelle Regierung die Exhumierung der Smolensk-Opfer für politische Zwecke. "Aus der Smolensk-Katastrophe wurde eine politische Keule gemacht, mit der der politischen Konkurrenz der Kopf eingeprügelt wird", sagte er dem Rundfunksender "Radio Zet".

Auch einige Geistliche sprachen sich gegen die Öffnung der Gräber aus. Bischof Tadeusz Pieronek bezeichnet die Exhumierungen als "Skandal". Die Regierenden würden in die Privatsphäre der Familien eindringen und sie das alte Trauma erneut durchleben lassen.

Soldaten tragen in Warschau den Sarg von Lech Kaczynski | Bildquelle: dpa
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Soldaten tragen 2010 in Warschau den Sarg von Lech Kaczynski.

PiS-Partei glaubt an Anschlag

Die seit 2015 regierende PiS-Partei von Jaroslaw Kaczynski, dem Bruder des damaligen Präsidenten, wirft ihren Vorgängern Fehler und Vertuschung bei den damaligen Ermittlungen vor. Sie führten den Absturz auf einen Pilotenfehler zurück. Die PiS-Partei befeuert immer wieder Verschwörungstheorien um einen Anschlag. Den Protest von einigen Angehörigen gegen die Exhumierung ignorierte die Regierung. Mehr als 200 Angehörige der Smolensk-Opfer hatten in einem offenen Brief an die Regierenden appelliert, von der Exhumierung abzusehen. Ihrer Meinung nach ist es ein "grausamer und rücksichtsloser Akt".

Die nationalkonservative Premierministerin Beata Szydlo verteidigte den Schritt: "Das ist das Recht und das muss man akzeptieren", sagte sie polnischen Medien. Die Staatsanwaltschaft betonte, die Sichtung aller Beweise sei verpflichtend. Weil sich das Wrack in Russland befinde, seien die Leichname umso wichtiger, lautet die Argumentation.

Suche nach Sprengstoffspuren

Neben DNA-Tests sollen die Opfer laut Staatsanwaltschaft auch auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Verteidigungsminister Antoni Macierewicz, Leiter der neuen Smolensk-Untersuchungskommission, ist überzeugt, dass es an Bord eine Explosion gegeben hat. Beweise hat er bislang nicht. Rechtsmedizinern zufolge sind Untersuchungen von Toten vor allem sinnvoll, um Knochenfrakturen oder Vergiftungen festzustellen sowie um DNA zu ermitteln. Welche weiteren Ergebnisse die Ärzte sechs Jahre nach dem Tod werden gewinnen können, hängt davon ab, in welchem Zustand sich die Verstorbenen befinden.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 14. November 2016 um 09:24 Uhr und NDR Info um 14:50 Uhr.

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