Mount Everest | Bildquelle: AFP

Mount Everest Rekordjagd am höchsten Berg der Welt

Stand: 22.05.2017 16:04 Uhr

Im Mai herrschen für kurze Zeit stabile Wetterverhältnisse am Mount Everest. Dann stauen sich dort jedes Jahr die Expeditionen. Doch eine Garantie dafür, den höchsten Berg der Welt zu bezwingen, gibt es nicht.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Nachricht war kurz, aber eindeutig: "Andy, Klemens und Wolfi haben ihr Ziel, den Gipfel des Mount Everest, nach circa zehn Stunden Aufstieg erreicht. Die Emotionen überschlagen sich." So stand es auf Andy Holzers Facebook-Seite. Inzwischen sind der blinde Bergsteiger und seine beiden Begleiter Clemens Bichler und Wolfgang Klocker wieder auf dem Weg in ihr Basislager.

Von der Nordseite hatten sie den Everest bestiegen, um 7:10 Uhr Ortszeit den Gipfel erreicht, bei minus 26 Grad und Windstille. Es sei kaum etwas los gewesen auf dem Weg zum höchsten Punkt der Erde, meldete Holzer, und das ist in der Tat ungewöhnlich: Mitte Mai stauen sich die Expeditionen normalerweise auf den letzten Metern. Nur ein paar Wochen lang bietet der Mount Everest ausreichend stabile Wetterverhältnisse.

Zeit der Rekorde und der Dramen

Eine Garantie ist das nicht. 2014 kamen bei einem Lawinenabgang 16 nepalesische Bergführer ums Leben. Die Saison wurde abgesagt. 2015 wütete das Erdbeben in Nepal auch am Everest. Andy Holzer war in beiden Jahren am Berg und musste umkehren. Jetzt hat er seinen Titel: Holzer, 50 Jahre alt, ist der zweite blinde Bergsteiger, aber der erste, dem der Gipfelsturm über die Nordseite gelang. In der Gruppe stieg auch eine junge Deutsche auf, Anja Blacha aus Bielefeld, 26 Jahre alt - die jüngste Deutsche, die den Gipfel des Everest bisher erreichen konnte.

Mitte Mai ist immer auch Rekordzeit. Aber es ist auch die Zeit der großen Dramen. Da ist Bahadur Cherchan aus Nepal zum Beispiel, 85 Jahre alt. 2008 stand er als ältester Mensch der Welt auf dem Everest, dann jagte ihm ein 80 Jahre alter Japaner den Titel 2013 wieder ab. Cherchan wollte sich den Rekord zurückholen: "Ich will mich vor allem für unsere Mutter Erde und für den Weltfrieden einsetzen, das ist mein Traum. Vor neun Jahren habe ich vorhergesagt, dass ich entweder tot zum Berg zurückkehren oder den Mount Everest noch einmal bezwingen werde. Damals ist mir der Aufstieg gelungen. Diesmal glaube ich, dass ich es mit Gottes Hilfe noch einmal schaffen werde."

Kurz vor dem Gipfel gestorben

Cherchan schaffte es nicht. Er starb im Everest-Basislager auf 5300 Metern Höhe an einem Herzinfarkt. Er blieb nicht das einzige Opfer am Berg. Allein gestern starben ein Slowake, ein Australier, ein Amerikaner und wahrscheinlich auch ein Inder am Mount Everest. Der Amerikaner sei bis auf 400 Meter an den Gipfel heran gekommen, teilte die Tourismusbehörde in Nepal mit. Zur Todesursache wurden keine Angaben gemacht. Der Australier schaffte es sogar bis auf 8600 Meter, dann wurde er so schwer höhenkrank, dass ihn auch der sofortige Abstieg nicht mehr retten konnte. Dem indischen Bergsteiger gelang gestern der Aufstieg, seitdem wird er aber vermisst.

Ende April war die Saison bereits mit einem prominenten Opfer gestartet. Damals stürzte der Schweizer Ueli Steck tausend Meter tief in den Tod. Steck galt als einer der besten Bergsteiger der Welt. Vor seinem Abflug in die Khumbu-Region, wo sich der Mount Everest befindet, machte er sich noch Gedanken über die Gefahren: "Die Wahrheit ist, dass es kein Selbstgänger wird. Die Berge sind gefährlich. Man kann hier nur zu leicht sterben."

Legendärer "Hillary Step" wohl verschwunden

Steck war, wie so viele, auf Rekordjagd. Er wollte den Everest und den benachbarten Lhotse ohne Sauerstoff in nur 48 Stunden besteigen. Der Wahnsinn am Berg ging nach seinem Tod ohne Unterbrechung weiter. Anshu Jamsenpa, 37 Jahre alt, erreichte gestern bereits zum zweiten Mal innerhalb von fünf Tagen den Gipfel. Zwei Aufstiege in so kurzer Zeit hatte vor ihr noch keine Frau geschafft. Für fast noch mehr Aufsehen sorgte aber eine andere Meldung: Erfahrene Bergsteiger erklärten, der legendäre Hillary Step unterhalb des Gipfels sei verschwunden.

Der vertikal aufragende Fels, zwölf Meter hoch und nach dem Erstbesteiger Edmund Hillary benannt, sorgte immer für besonders lange Staus am Berg. Die Wartezeit betrug mitunter zwei bis drei Stunden, was sich in einer Höhe von knapp 8800 Metern fatal auswirken kann. Wahrscheinlich ist der Fels durch das Erdbeben vor zwei Jahren herab gestürzt. Ob der Aufstieg dadurch jetzt weniger gefährlich geworden ist, darüber streiten die Bergsteiger noch.

Mount Everest: Der ganz normale Wahnsinn
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
22.05.2017 15:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Mai 2017 um 15:08 Uhr

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