Eine tschechische Polizistin schreibt Nummern auf die Hände eintreffender Flüchtlinge

Flüchtlinge in Osteuropa "Ich will wie sie sein"

Stand: 26.09.2017 05:32 Uhr

Heute läuft das Umverteilungsprogramm von Flüchtlingen aus Italien und Griechenland aus. Mehrere Länder haben die Beteiligung verweigert, Tschechien und die Slowakei nur pro forma ein paar Menschen aufgenommen. Sie spüren nun die Ablehnung der Bevölkerung.

Von Marianne Allweiss, ARD-Studio Prag

Jakob lebt seit anderthalb Jahren in Prag. In dieser Zeit hat der junge Mann aus dem Irak etwas geschafft, worauf jeder Ausländer stolz sein kann: Er spricht Tschechisch. "In zwei Monaten werde ich mein Examen machen", erzählt er.

In seinem Heimatland hatte Jakob, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, gerade ein Medizinstudium abgeschlossen. Dann marschierte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ein. Durch ein Programm für irakische Christen kam Jakob nach Tschechien. Das hat die Regierung am Anfang unterstützt. Jetzt nicht mehr - im Gegenteil: Er muss noch mal studieren, und allein für die erste Prüfung soll er 16.000 Kronen bezahlen, umgerechnet 615 Euro.

"Die akzeptieren höchstens Christen"

Jakob lebt von der Hilfe des christlichen Vereins "The Bridge". In den Räumen einer Kirche in der Prager Altstadt hat die Initiative ein Begegnungszentrum eingerichtet. Petra Damms hat es gegründet. Die junge Frau war 2015 dabei, als die ersten Flüchtlinge in Zügen aus Ungarn kamen, um weiter nach Deutschland zu fahren. Sie will allen Menschen helfen, egal welcher Religion sie angehören - anders als die meisten Tschechen: Die akzeptieren höchstens Christen, auf keinen Fall Muslime, nicht einmal aus Kriegsgebieten.

"Ich versuche, die Ängste der Tschechen vor Flüchtlingen zu verstehen", sagt sie . "Ich spüre es jeden Tag bei meiner Arbeit hier, dass die meisten Menschen bei uns am liebsten gar keine Flüchtlinge haben wollen."

Zwölf Quotenflüchtlinge in Tschechien - statt 2700

In knapp vier Wochen wird in Tschechien ein neues Parlament gewählt. Da sollen in den Medien hier bloß keine Geschichten wie die von Jakob und seinen Helfern erzählt werden. Auch über die zwölf Quotenflüchtlinge aus Griechenland will der Sprecher des Innenministers nichts preisgeben. "Wir äußern uns nie zu individuellen Fällen in internationalen Schutzprogrammen", sagt Ondřej Krátoška. "Auch wegen der Sicherheit dieser Menschen können wir nicht sagen, wer und wo sie sind."

Rund 2700 Menschen hätte Tschechien aufnehmen sollen. Aber es gab angeblich nicht mehr Flüchtlinge, die nach Tschechien wollten und dann einen wochenlangen Sicherheitscheck überstanden. Im Sommer stoppte die Regierung die Umverteilung - genau wie die Slowakei. Hier ist gerade kein Wahlkampf. "Aufgrund der Quotenentscheidung vom September 2015 wurde kein Flüchtling in die Slowakei gebracht", sagt Innenminister Robert Kalinak in einem Interview.

Offiziell hat das Land 16 Menschen ins Land gelassen - von mehr als 900 geforderten. Aber anders als in allen Statistiken aufgeführt seien die nicht Teil der Quote. Außerdem sei fast die Hälfte dieser Mütter mit ihren Kindern längst in Westeuropa. Trotzdem läuft kein Vertragsverletzungsverfahren in Brüssel, anders als gegen Tschechien.

Kein Kompromiss zur Quotenlösung

Demonstration gegen Flüchtlinge im September in Bratislava
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In der Slowakei gab es immer wieder Demonstrationen gegen Flüchtlinge.

Die Slowakei hat sich flexibler gezeigt. Sie hat auch Christen aus dem Irak aufgenommen und übergangsweise Flüchtlinge aus einem überfüllten Lager in Österreich. Aber von einem neuen Kompromiss auf dem nächsten EU-Gipfel will auch Minister Kalinak nichts wissen: "Das Quotensystem hat nicht funktioniert. Und trotzdem kommt es jetzt wieder auf den Tisch, denn es ist eine einfache politische Lösung, die gut klingt und gut in der Presse aussieht.

Besserer Grenzschutz und mehr Hilfe vor Ort, darauf können sich Slowaken und Tschechen einigen. Auch Jakob wollte vor einem Jahr noch zurück in seine Heimat. Jetzt hat der junge Mann aus dem Irak andere Pläne: "Ich bin hier. Ich lebe mit den Tschechen. Ich will wie sie sein. So ist das."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. September 2017 um 05:43 Uhr.

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