Der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem

Nach "FAZ"-Interview Eurogruppenchef unter Beschuss

Stand: 22.03.2017 19:15 Uhr

Eurogruppen-Chef Dijsselbloem steht nach einem "FAZ"-Interview unter Druck. Der Niederländer hatte indirekt Südeuropäern vorgeworfen, das "Geld für Schnaps und Frauen auszugeben". Portugal und Italien fordern den Rücktritt.

Von Sebastian Schöbel, ARD-Studio Brüssel

Eurogruppenchef Dijsselbloem
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Eurogruppenchef Dijsselbloem bedauert "Missverständnisse" seiner Äußerungen.

Die Nordländer der EU sind fleißig und strebsam, die Südländer faul und verschwenderisch - und dann auch noch undankbar, wenn sie Hilfe brauchen. So versteht man derzeit von Spanien bis Griechenland die Aussagen von Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dijsselbloem scheint darin das Solidaritätsverständnis einiger Euro-Länder massiv in Zweifel zu ziehen. Dabei braucht der Niederländer derzeit alle Zustimmung, die er kriegen kann - sonst ist er bald arbeitslos.

Was die Spitzenvertreter der EU wirklich denken, erfährt man ziemlich selten: Verbale Ausfälle oder Momente der unbedachten Ehrlichkeit gibt es kaum. Schon gar nicht beim smarten Eurogruppenchef Dijsselbloem: Der Noch-Finanzminister der Niederlande genießt im Kreise der Finanzminister der Euroländer hohes Ansehen, vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält große Stücke auf ihn.

Fauxpas in "FAZ"-Interview

Doch nun hat sich ausgerechnet Dijsselbloem einen mächtigen Fauxpas geleistet. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom Montag sagte er: "In der Euro-Krise haben sich die nördlichen Eurostaaten solidarisch mit den Krisenländern gezeigt. Als Sozialdemokrat halte ich Solidarität für äußerst wichtig. Aber wer sie einfordert, hat auch Pflichten. Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend um Unterstützung bitten. Dieses Prinzip gilt auf persönlicher, lokaler, nationaler und eben auch auf europäischer Ebene."

Portugal und Italien fordern den Rücktritt

Portugals Premierminister Antonio Costa neben den Flaggen Portugals und der EU.
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Portugals Premierminister Antonio Costa fordert Dijsselbloems Rücktritt.

Der Süden verplempert sein Geld und bittet dann auch noch um Hilfe: Die Aussage ging trotz ihrer Sprengkraft im Strudel der Nachrichten unter - zumindest im Norden der EU. Im Süden wird sie seit Montag rauf und runter berichtet. "Rassistisch, fremdenfeindlich und sexistisch" sei das, schimpfte Portugals Ministerpräsident Antonio Costa. Er und auch Italiens ehemaliger Premierminister Matteo Renzi fordern bereits den Rücktritt Dijsselbloems. Genauso wie Gianni Pittella, Italiener und Chef der Sozialdemokraten im EU-Parlament.

Auch die EU-Kommission zeigt sich wenig begeistert: Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager erklärte: "Hätte ich nicht gesagt. Ich halte das für falsch." Für den Finanzexperten der Grünen in Brüssel, Sven Giegold, hat sich Dijsselbloem damit für eine weitere Amtszeit als Eurogruppenchef "disqualifiziert".

Dijsselbloem entschuldigt sich

Um genau die kämpft der Niederländer gerade. Seine Chancen stehen nicht gut, gibt Dijsselbloem selber zu. Weil seine Partei nach der Wahlschlappe in den Niederlanden wohl nicht in der nächsten Regierung sitzen wird - und seine Zeit als Finanzminister damit gezählt ist. Aufgeben will er dennoch nicht: "Ich wurde von den Ministern der Eurogruppe gewählt. Meine Amtszeit endet im Januar 2018. Was dann passiert, müssen die Minister entscheiden. Das gilt auch für die Wahl des nächsten Vorsitzenden der Eurogruppe."

Dijsselbloem hofft, dass er weitermachen kann, auch ohne Finanzminister zu sein - was bisher eigentlich Voraussetzung war. "Ich habe nicht die Absicht, zurückzutreten", sagte er gegenüber niederländischen Medien. "Ich bedauere, dass meine Aussage missverstanden wurde und ich bedauere, dass es als 'Nord-gegen-Süd' aufgefasst wurde."

Dijsselbloems mächtigster Unterstützer in der Eurogruppe, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, wollte sich nicht zu den Aussagen äußern. Er ließ lediglich über eine Sprecherin mitteilen, man vergebe "keine Stilnoten" für solche Interviews.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. März 2017 um 21:35 Uhr.

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