Kandidatin bei der ESC-Probe in Kiew bei der Probe | Bildquelle: dpa

ESC in der Ukraine Der Sängerkrieg

Stand: 09.05.2017 16:05 Uhr

Wenn am Samstag in Kiew das ESC-Finale beginnt, wird eine Kandidatin fehlen: Julia Samoilowa aus Russland darf nicht in die Ukraine einreisen, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Russland wusste um das Problem, nominierte sie aber dennoch.

Von Golineh Atai, ARD-Studio Moskau

Die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzende Julia Samoilowa war bei einer russischen Talentshow aufgefallen. 2015 trat sie auf der von Russland annektierten Krim auf. Sie flog direkt von Moskau auf die Krim, ohne den Umweg über ukrainisches Staatsgebiet. Die ukrainischen Sicherheitsbehörden werfen ihr deshalb vor, mit diesem "illegalen Grenzübertritt" ukrainisches Recht gebrochen zu haben. Außerdem habe die Sängerin in sozialen Medien immer wieder über die "russische Krim" geschrieben - sie stelle damit eine Gefahr für die nationale Sicherheit der Ukraine dar, erklärte der ukrainische Inlandsgeheimdienst.

moma-Reporter: Einreiseverbot zum ESC
Morgenmagazin, 05.05.2017, Golineh Atai, ARD Moskau

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Samoilowa soll 2018 russische Kandidatin werden

Samoilowas jüngster öffentlicher Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau wurde eingerahmt von orthodoxen Gesängen und patriotischen Liedern über Russlands Stärke und Größe. "Natürlich hat mich die Einreisesperre stark getroffen", sagt sie im ARD-Interview. "Alles, was ich so lange im Visier hatte, auf das ich so lange hinarbeitete, war mit einem Mal weg, ich hatte das Gefühl, als ob man mir die Flügel abreißen will. Mental war ich aber darauf vorbereitet, dass es so enden könnte. Nun - macht nichts. Bei der Eurovision 2018 bin ich bereits zur Kandidatin für Russland bestimmt worden, das ist sicher, sagte man mir."

Am Nationalfeiertag Russlands, dem Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland, gibt Samoilowa - statt in Kiew aufzutreten - erneut ein Konzert auf der Krim. Auch dies eine demonstrative Geste an Kiew.

Das offizielle Moskau wusste, dass Samoilowa auf der Krim aufgetreten war und die Ukraine solchen Künstlern die Einreise verwehrt. Es machte dennoch eine Krim-Reisende zur russischen Vertreterin. Eine bewusste Provokation?

Der ukrainische Politikwissenschaftler Anton Schechowzow beschreibt die Eurovision als Mausefalle des Kreml für Kiew: Ließe die Ukraine die Sängerin einreisen, verletzte sie ihre eigenen Gesetze und würde die "russische Krim" stillschweigend anerkennen. Hielte sich die Ukraine an ihre eigenen Gesetze und verweigerte Samoilowa den Auftritt, würde sie ihrem pro-europäischen Ansehen schaden.

"Wie hätten wir dann in Kiew dagestanden?"

Besonders kreativ und vernünftig sei die Ukraine mit Samoilowa nicht umgegangen, beklagen Beobachter. Die Einreise der Russin hätte Kiew für pro-ukrainische Publicity nutzen können, indem man die Sängerin zum Beispiel mit kriegsversehrten Soldaten zusammengebracht hätte.

Eine Idee, die beim ukrainischen Inlandsgeheimdienst für Kopfschütteln und Stirnrunzeln sorgt: "Allein die Anwesenheit der Sängerin hätte Moskau doch für Provokationen genutzt! Man hätte ein paar als pro-ukrainische Nationalisten getarnte Männer geschickt, die die im Rollstuhl sitzende Sängerin, Gott behüte, angegriffen hätten. Was dann? Wie hätten wir dann in Kiew dagestanden?" Die Sicherheitslage im Land sei ohnehin nicht einwandfrei, erklären die Staatsschützer hinter vorgehaltener Hand. Doch man habe rechtzeitig einige mögliche "Krisenszenarien" verhindern können.

Julia Samoilowa | Bildquelle: dpa
galerie

Statt 2017 in Kiew soll Julia Samoilova 2018 für Russland antreten.

Ukrainer begrüßen Einreiseverbot

Viele Ukrainer befürworten das Einreiseverbot - auch der diesjährige ukrainische Kandidat, die Rockband "O.Torvald". "Wenn wir in Deutschland sind, dann verstoßen wir doch auch nicht bewusst gegen deutsche Gesetze. Das Gesetz ist für jeden gleich", sagt Leadsänger Jenia Galitsch. Bei einer Pressekonferenz mit den lettischen und georgischen Kandidaten sind sich aber alle einig, dass der ESC nicht Bühne der Politik werden dürfe. Georgiens Sängerin Toka erinnert sich, dass Georgien wegen eines Anti-Putin-Liedes am ESC in Moskau 2009 nicht teilnehmen durfte: "Das war ein Fehler damals, Politik und Kunst dürfen sich nicht vermengen."

Aber die Geschichte des ESC ist - rückblickend - natürlich auch eine politische Geschichte: Für viele Länder geht es in dem Wettbewerb um nationale Identität auf der Bühne. Auch die ukrainische Gewinnerin des ESC von 2004, Ruslana, macht im Interview darauf aufmerksam. Ihre karpatischen Tänze, damals in Istanbul aufgeführt, seien auch ein Symbol für ukrainische Identität gewesen. Das Auftrittsverbot für Russlands Kandidatin findet sie richtig, fragt sich aber: "Es gibt so viele tolle Sänger und Musiker in Russland. Viele hätten einreisen können. Wieso hat Moskau die nicht nach Kiew geschickt?"

Politik ist in Kiew omnipräsent

Wer als Fan, Gast oder Tourist aus Europa nach Kiew reist, kann in der Stadt der Politik kaum entgehen. Dass das Land im Krieg ist, darauf weisen in den Partymeilen die großen Porträts von Kriegsversehrten und Soldaten hin. Dass in der Öffentlichkeit über Politik und Zukunft diskutiert, gestritten, manches neu verhandelt und interpretiert wird, wird aufmerksamen Gästen nicht entgehen.

Nur ein Beispiel dafür ist das Schicksal eines Kiewer Platzes, auf dem ein Lenin-Denkmal stand, bevor es von Aktivisten 2013 beschädigt und entfernt wurde. Künstler des Kollektivs "Isoljatsia", die aus Donezk nach Kiew fliehen mussten, haben mit Unterstützung der Stadt den Sockel, auf dem Lenin einst stand, für eine Installation vorgeschlagen. Die mexikanische Künstlerin Isa Carrillo bepflanzte den Stein mit Heilkräutern - um die "ideologische Spannung rund um den leeren Sockel zu neutralisieren" und den Platz von den Geistern der Vergangenheit zu reinigen. Denn nicht nur Lenin war ein Symbol des Platzes. In der Zeit der Nazi-Besatzung Kiews stand dort ein Galgen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 05. Mai 2017 um 06:45 Uhr.

Darstellung: