Blick auf den Felsendom und Teile der Altstadt von Jerusalem | Bildquelle: AP

Standort-Streit in Israel ESC kontra Sabbat

Stand: 17.05.2018 19:57 Uhr

Der ESC wird in Israel zum hochpolitischen Ereignis. Die Regierung will, dass der Songcontest in Jerusalem ausgetragen wird. Aber an einem Samstagabend? Das würde die Ruhe am Sabbat stören.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Von Stolz sprach Netta Barzilai im Moment des Triumphes und von der Ehre den ESC, dieses magische Ereignis, nun nach Israel zu bringen. Dann wurde gefeiert. In Lissabon und natürlich auch in Israel - vor allem in Tel Aviv. Die bunte und lebensbejahende Mittelmeermetropole ist wohl weltweit eine der Städte, in denen man sich ein ESC-Finale am besten vorstellen kann.

Tel Aviv und der Eurovision Song Contest sind eigentlich füreinander gemacht. Aber Tel Aviv ist eben nur die heimliche Hauptstadt Israels. Für Israels Premier Benjamin Netanyahu stand am Tag nach Nettas Sieg schon felsenfest, wo der ESC im nächsten Jahr stattfinden wird:

 "Jerusalem wird in den vergangenen Tagen mit vielen Geschenken gesegnet. Gestern Abend erhielten wir mit Nettas glänzendem, spannendem Sieg ein weiteres Geschenk. Es besteht darin, dass die Eurovision im kommenden Jahr nach Jerusalem kommen wird."

ESC wird zum hochpolitischen Ereignis

Spätestens da war klar: In Israel wird auch der ESC zum hochpolitischen Ereignis. Israel sieht im ungeteilten Jerusalem, inklusive des arabischen Ostteils, seine Hauptstadt. Und auch wenn die USA diese Sicht mittlerweile teilen, sehen das die meisten Staaten in der Welt noch anders. Auch deshalb muss der ESC also nach Jerusalem. Er dürfe nur dort ausgetragen werden, sagte Israels Kulturministerin Miri Regev. Darauf bestehe sie. "Dieser Staat besitzt eine Hauptstadt und das ist Jerusalem", erklärte sie. "Ich werde das Signal senden, dass der ESC in Jerusalem ausgetragen wird und wenn sie nicht dort zu Gast sein wollen, wo wir als Gastgeber es möchten, dann müssen sie nicht nach Israel kommen", warnte sie weiter.

Sie - das sind die Veranstalter von der Europäischen Rundfunkunion kurz EBU. Die EBU macht die Regeln beim ESC und sie verhandelt mit dem nationalen Veranstalter, in diesem Fall also Israels staatlichem Rundfunk. Eine der EBU-Vorgaben ist, dass die große ESC-Finalshow an einem Samstagabend zur besten Fernsehsendezeit in Europa starten soll. In Israel wäre das um 22 Uhr Ortszeit. Genau hier liegt das Problem.

Samstag ist Ruhetag

Der wöchentliche jüdische Ruhetag Sabbat dauert vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag und würde im Mai nächsten Jahres rund zwei Stunden vor Beginn des ESC-Finales enden. Am Sabbat hat das weltliche Leben zu ruhen und diese Regel nimmt man vor allem in Jerusalem sehr ernst.

Israels Gesundheitsminister Yaakov Litzman von der strengreligiösen Partei "Vereinigtes Thorajudentum" mahnte die Regierung schriftlich, dass der ESC den Sabbat nicht stören dürfe. Er schreibe im Namen Hunderttausender Bürger, betonte er. Kulturministerin Regev beeilte sich, zu versichern, dass der Sabbat durch den Gesangswettbewerb natürlich nicht eingeschränkt werde.

Netta singt für Israel. | Bildquelle: dpa
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Sie holte den ESC nach Israel: Netta

"Drohgebärden der Ultra-Orthodoxen

Aber wie soll das gehen? Die Gäste der Show sind schon Stunden vorher unterwegs und auch Generalproben dürften schwierig werden, wenn sie die Sabbatruhe nicht stören sollen. Yael Cohen, Abgeordnete der oppositionellen Arbeitspartei, rief dazu sich von den Drohgebärden der Ultra-Orthodoxen nicht beeindrucken zu lassen:

"Das ist einfach eine tolle Sache und deswegen müssen wir diesen Widerstand jetzt bezwingen. Sie wollen sich nicht mit dem Volk Israel freuen. Und sie wehen mit der Sabbat-Fahne, um bei ihren Wählern damit zu punkten."

In Tel Aviv, wo die religiösen Regeln deutlich lockerer genommen werden, wäre das Sabbat-Problem weniger wichtig als in Jerusalem, aber die Regierung wird an ihrer Standortwahl wohl festhalten. Sie kann auf das letzte Mal verweisen als der ESC in Israel gastierte. 1999 war das und gesungen wurde in: Jerusalem.

Israel diskutiert über Standort für Eurovision Song Contest
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
17.05.2018 19:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 13. Mai 2018 um 05:30 Uhr.

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