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Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
"Ministerpräsident Erdogan hat auf deutschem Boden türkischen Nationalismus gepredigt." Dieser Satz nebst dem dazugehörenden empörenden Tonfall stammt vom CSU-Vorsitzenden Huber und dürfte sehr bewusst gewählt sein. In der Tat hat der bekennende Muslim Erdogan etwas Predigerhaftes, und in der Tat verfügt er über eine gehörige Portion Nationalismus. Nationalismus ist nämlich in der Türkei – anders als in Deutschland – in fast jedem politischen Statement zu finden, und sei es noch so hohl. Durch diese Wiederholungen verliert er aber auch an politischer Schlagkraft. Zu oft benutzte Messer werden eben stumpf. So gesehen waren Erdogans Töne in Köln Teil einer bekannten und teilweise langweiligen politischen Turnübung türkischer Provenienz.
Doch was wollte Erdogan mit seinem Auftritt, der übrigens von türkischen Zeitung nur mäßig beachtet wurde, erreichen? Die Antwort ist angesichts gewisser innenpolitischer Schwierigkeiten wie der nachlassenden Wirtschaft und der heftigen Kopftuchdebatte relativ einfach. Er wollte auf einem für ihn einfachen Feld Punkte sammeln, die er anderswo verloren hat – oder mit anderen Worten: Er machte Wahlkampf.
Das unterscheidet ihn übrigens wenig von Erwin Huber, dessen unpräzise Stimmungsmache gegen die Türkei und ihren Regierungschef wohl das gleiche Ziel hat. Wobei der CSU-Vorsitzende hiermit mehr Erfolg haben dürfte als der türkische Ministerpräsident. Denn das Interesse an den Auslandstürken ist am Bosporus ausgesprochen gering - es sei denn, es kommt zu einem Unglück wie in Ludwigshafen.
A propos Ludwigshafen. Wiederholt wird zurzeit Erdogans dortiger Besuch mit dem in der Kölnarena verglichen und gegensätzlich bewertet. Wie kann ein Regierungschef, so fragen viele irritiert, so unterschiedliche Gesichter zeigen? Die Antwort ist einfach: Erdogan ist Politiker und unterscheidet sich darin kaum von seinen deutschen Kollegen, die ihn so wenig mögen. Eine Trauerrede vor ausländischem Publikum ist nunmal etwas anderes als Wahlkampf vor Landsleuten. Das gilt hüben wie drüben.
Dennoch unterscheidet Erdogan sich in etwas von anderen Politikern. Der türkische Regierungschef hat nämlich Probleme, den richtigen Ton zu treffen, wenn verschiedenene Meinungen aufeinandertreffen. So ist es zwar richtig, von Ausländern in Deutschland nur Integration und keine Assimilation zu verlangen. Letzteres aber als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu brandmarken und so zu unterstellen, die deutsche Politik wolle die Auslandstürken sozusagen vergewaltigen, ist unseriös. Kein Wunder, dass Erdogan am Bosporus den Spitznamen "kabadayi" hat – denn das heißt "Raufbold".
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