Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: dpa

Erdogan in Athen Kein ganz normaler Besuch

Stand: 07.12.2017 11:54 Uhr

Der türkische Präsident Erdogan ist nach Griechenland gereist. Es ist das erste Mal seit 1952, dass ein türkischer Staatschef das Nachbarland besucht. Nicht alle Athener freuen sich auf den Gast vom Bosporus.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist in Athen gelandet - zusammen mit 140 türkischen Sicherheitskräften in Zivil, die für seinen Schutz sorgen. Eigene gepanzerte Fahrzeuge und einen selbst zusammengestellten Tross von 45 türkischen Journalisten bringt Erdogan ebenfalls mit zu seinem knapp anderthalbtägigen Staatsbesuch in Griechenland.

Die obersten zwei Stockwerke des altehrwürdigen Grande-Bretagne-Hotels am Syntagma Platz sind für Erdogan und seine Delegation reserviert. Abgesichert unter anderem durch Scharfschützen auf den umliegenden Dächern.

Das Grande-Bretagne-Hotel in Athen. Die obersten beiden Stockwerke sind für Erdogan reserviert. | Bildquelle: Michael Lehmann
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Das Grande-Bretagne-Hotel in Athen. Die obersten beiden Stockwerke sind für Erdogan reserviert.

"Sonderfall eines Staatschefs"

Die griechischen Passanten unten auf dem Platz vor dem Hotel sehen den Besuch äußerst kritisch: "Ich glaube, Erdogan ist der Sonderfall eines Staatschefs. Und ich glaube, er befindet sich am Ende seiner politischen Karriere. Die Interessen der großen Mächte ändern sich und damit ändert sich auch seine Zeit", sagt ein Fotograf, der für die Zeitungsreportagen rund um den Erdogan-Besuch schon im Vorfeld Hunderte Fotos schießt. "Ich finde das gar nicht gut. Er sollte überall draußen bleiben - aus Griechenland, aus der Türkei, am besten aus der Welt verschwinden", sagt ein junger Athener. "Seine Meinung ist hier im Land nicht akzeptabel."

Initiative kam wohl von Erdogan

Die Initiative für den Besuch kam wohl von Erdogan selbst. Er soll der griechischen Regierung schon vor längerem einen sehr konkreten Vorschlag für sein Besuchsprogramm gemacht haben. Auch für den Freitag, wenn er bei der türkischen Minderheit im Nordosten des Landes Station macht, unter anderem für ein gemeinsames Freitagsgebet.

Und genau dieser Punkt, so erzählen es sich langjährige Parlamentskorrespondenten in Athen, hat wohl den griechischen Gastgebern Kopfzerbrechen bereitet. Erdogan soll nur die Erlaubnis für eine Veranstaltung in geschlossenen Räumen haben, keine Machtdemonstration von einem Balkon herunter darf sein, lautet die Bedingung. Griechische Boulevardmedien scherzen und mutmaßen, Erdogan habe ein paar seiner Sicherheitsleute mit im Gepäck, die schon beim berühmt-berüchtigten USA-Besuch des türkischen Präsidenten äußerst raubeinig aufgetreten sind.

Erdogan als damaliger Premierminister bei seinem Besuch in Griechenland 2005 mit seinem damaligen Amtskollegen Costas Karamanlis | Bildquelle: AP
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Erster Besuch eines türkischen Staatschefs in Griechenland seit 1952, aber nicht Erdogans Premiere beim Nachbarn. 2005 reiste er als Premier zu seinem damaligen Amtskollegen Karamanlis.

Themen: Migration und Flüchtlingsabkommen

Inhaltlich wird es Erdogan bei seinem Gespräch mit dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras um das Thema Migration und  das Flüchtlingsabkommen mit der EU gehen. Der Streit um Hoheitsrechte in der Ägäis wird genauso eine Rolle spielen wie Infrastrukturprojekte - etwa die Gaspipeline aus Aserbeidschan.

Thanos Dokos, langjähriger Experte für internationale Politikfragen an verschiedenen Athener Forschungsstellen, bremst die Erwartungen: "Präsident Erdogan baut auf persönliche Kontakte. Also ist es wichtig, häufige Treffen zu haben auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Konkret wird es vielleicht um ein paar  Wirtschaftsprojekte gehen. Aber politisch erwarte ich keine großen Neuigkeiten von diesem Treffen."

Erdogans Meinung zur Gewaltenteilung

Dass Erdogan vor allem seine Sicht der Dinge in Griechenland erklären will, war schon in einem Interview mit dem türkischen Präsidenten zu erfahren. Erdogan kritisierte darin die griechische Justiz. Dass sie die Auslieferung der türkischen Offiziere in die Türkei verboten hat, die als Putschisten verdächtigt werden, hält Erdogan für einen Skandal. So etwas würde in der Türkei die Exekutive, also die Politik schnell regeln, bevor die Juristen die Dinge bürokratisch verzögern oder verhindern könnten, sagte Erdogan.

Der griechische Fragensteller konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Deutlicher hätte Erdogans Missachtung demokratischer Prinzipien wie der Gewaltenteilung nicht ausfallen können.

Staatsbesuch in Athen: Erdogan besucht Griechenland
Michael Lehmann, ARD Istanbul
07.12.2017 08:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtet die tagesschau am 07. Dezember 2017 um 14:00 Uhr.

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