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In Chile haben Tausende Menschen aus Angst vor einem erneuten Erdbeben die Nacht auf der Straße verbracht. Inzwischen sprechen die Behörden von mehr als 300 Toten, viele Menschen gelten noch als vermisst. Viele Häuser sind zerstört, mindestens zwei Millionen Menschen obdachlos.
Von Gottfried Stein, ARD-Hörfunkstudio Buenos Aires
Als gestern früh um halb vier die Erde zu beben begann, war es für Hunderttausende von Chilenen der schlimmste Moment ihres Lebens. Viele rannten in Panik auf die Straße: "Der Lärm war schrecklich, wie in einem Horrorfilm, ich dachte, ich schlafe doch, und das Gebäude fiel ein", erzählt eine Frau. Eine andere schildert: "Wir konnten die Tür nicht öffnen, wir mussten sie eintreten, um raus zu können. Viele Leute haben sich am Geländer festgehalten, aber das schwankte wie Papier." Viele Menschen hätten geschrien, seien gestürzt, hätten sich verletzt.
[Bildunterschrift: Menschen übernachten aus Angst vor Nachbeben in Valparaiso auf der Straße. ]
Das Epizentrum des Bebens lag ungefähr 115 Kilometer vor der Küste von Concepción, der zweitgrößten Stadt des Landes. Hier und in den umliegenden Regionen stürzten ganze Häuser und Brücken ein, Wohnblöcke wurden schwer beschädigt, Straßen und Autobahnen rissen auf, ganze Ortschaften blieben den ganzen Tag ohne Strom und Wasser. Viele Menschen verbrachten die Nacht auf der Straße. "Mein Haus ist vollkommen eingestürzt, alles, alles, jetzt sitzen wir auf der Straße", berichtet eine Frau.
Das Erdbeben der Stärke 8,8 war nach Angaben von Geologen 50 Mal stärker als das verheerende Unglück kürzlich in Haiti. Insgesamt wurden inzwischen mehr als 300 Todesopfer registriert. Eineinhalb Millionen Häuser sind zerstört oder schwer beschädigt, mindestens zwei Millionen Menschen sind obdachlos. Präsidentin Michelle Bachelet und praktisch das gesamte chilenische Kabinett waren den ganzen Tag in der Krisenregion unterwegs.
[Bildunterschrift: Chiles Präsidentin Michelle Bachelet besichtigt vom Hubschrauber aus das Katastrophengebiet. ]
Auch der designierte neue Präsident Sebastian Pinera, der am 11. März sein Amt antritt, war vor Ort und zeigte sich über die Sicherheitslage besorgt: "Wir möchten zur Ruhe aufrufen und dazu auffordern, mit allen Mitteln Plünderungen, Vergehen und Angriffe zu verhindern, wie sie im Moment dort geschehen, wo die Polizei die öffentliche Ordnung noch nicht hat wieder herstellen können", sagte er. Seine Regierungsmannschaft stehe der Regierung zur Zusammenarbeit zur Verfügung. Und weiter: "Wir bemühen uns, die große Herausforderung des Wiederaufbaus anzunehmen, um alles, was bei diesem Erdbeben zerstört wurde, wieder herzustellen".
Entgegen Entwarnungen seitens der Marine wurden am Abend auch Küstenteile von Tsunami ähnlichen Flutwellen betroffen, die das Beben in knapp 60 Kilometer Meerestiefe ausgelöst hatte. In der bereits durch Erdstöße stark geschädigten Region um Biobio und Maule schwappte eine riesige Welle bis in die Zentren der Städte.
Am Nachmittag war ein kilometerlanger Küstenstreifen der etwa 650 Kilometer westlich des Festlandes liegenden Robinson Crusoe Insel von mehreren Wellen überschwemmt worden. Mindestens fünf Menschen kamen dabei ums Leben, einige werden noch vermisst. Außerdem wurden mehrere Gebäude zerstört.
Am Abend wandte sich Präsidentin Bachelet noch einmal an die Bevölkerung: "Sie sollen wissen, dass alle meine Minister und alle Regierungsverantwortlichen mit all ihrer Energie daran arbeiten, damit sich die Lage im Land so bald wie möglich wieder normalisiert. Wie Sie allerdings sehen, war es ein äußerst starkes Erdbeben, und deshalb haben wir eine schwere Aufgabe vor uns, sowohl den Notstand zu beheben wie auch den Wiederaufbau zu bewältigen." Es werde nicht leicht sein, sagte sie, es werde seine Zeit brauchen und viele Ressourcen erfordern. Aber vor allem erfordere es den Willen und die Zusammenarbeit aller, appelierte sie an ihre Landsleute.
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