Notdürftige medizinische Erstversorgung  | Bildquelle: REUTERS

Kathmandu im Ausnahmezustand "Wir sind völlig fertig"

Stand: 27.04.2015 13:00 Uhr

Zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Nepal bergen die Einsatzkräfte immer mehr Opfer. Die Behörden meldeten inzwischen mehr als 3800 Tote. Ärzte arbeiten rund um die Uhr, um Verletzte zu versorgen. Die Menschen haben Angst vor neuen Beben.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Sudarshan wacht am Bett seines Bruders im staatlichen Bir-Hospital in Kathmandu. Der verletzte Bruder ist an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Das Gesicht des Erdbebenopfers ist fast bis zur Unkenntlichkeit zugeschwollen. "Er war drei Stunden unter unserem eingestürzten Haus begraben", erklärt Sudarshan. "Wir haben ihn da rausgeholt und hier ins Krankenhaus gebracht. Aber die starken Schwellungen behindern ihn beim Atmen. Es geht ihm schlecht."

Internationale Hilfe läuft nur schleppend an
tagesschau 17:00 Uhr, 27.04.2015, Gunnar Breske, MDR

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Die Krankenhäuser in Kathmandu sind voll mit Schwerverletzten. Tausende Opfer werden in Zelten und am Straßenrand behandelt - ohne Beatmungsgeräte. Viele Patienten sind in einem schlechten Zustand, sagt der Arzt Ganesh Gurung: "Wir haben es hier mit wirklich schlimmen Verletzungen zu tun - Kopfverletzungen, Brüchen. Wir müssen viele Arme und Beine amputieren. Und es gibt viele Quetschungen im Brustbereich."

Facebook und Google helfen bei der Suche nach Vermissten

Sind Freunde oder Familie gerade in Nepal unterwegs? Facebook und Google haben jeweils eine Funktion freigeschaltet, mit der jeder Nutzer nach Personen in der Erdbebenregion suchen kann. Google aktivierte unter diesem Link den "Person Finder" und Facebook unter diesem Link den "Safety Check".

Die Ärzte tun, was sie können, doch es gibt einfach zu viele Verletzte. Nepals Gesundheitssystem stößt schon in normalen Zeiten schnell an Grenzen. Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Medizinische Hilfe gibt es vor allem im Großraum Kathmandu, doch jetzt haben sich weite Teile der Hauptstadt in eine Trümmerwüste verwandelt, in der nach und nach provisorische Zeltstädte entstehen. Mehrere Zehntausend Menschen haben ihre Häuser verloren, andere haben Angst, in ihre Häuser zurückzugehen. Die Angst sitzt tief. Es machen Gerüchte die Runde, dass die Erde weiterbeben wird.  

In der vergangenen Nacht haben die Menschen in Kathmandu zusätzlich unter Regen und Kälte gelitten. Doch am Morgen hat sich das Wetter gebessert. Helikopter fliegen Einsätze, um Hilfe in entlegenere Gebiete zu bringen. Mehrere Bergsteiger, die am Mount Everest oberhalb des Basislagers in einer Höhe von rund 6000 Metern festsaßen, konnten in Sicherheit gebracht werden. Doch auch hier gibt es nicht genug Helikopter, um allen Betroffenen gleichzeitig zu helfen.

Lange Schlangen am Flughafen in Kathmandu

Noch immer fällt es schwer, einen Gesamtüberblick über das ganze Ausmaß der Katastrophe zu geben. Zu vielen entlegenen Bergdörfern besteht kein Kontakt. Es ist fast unmöglich zu telefonieren, Straßen sind aufgerissen oder zugeschüttet, es gibt kaum Strom. Viele Opfer in den abgeschnittenen Regionen werden den Wettlauf gegen die Zeit verlieren - obwohl immer mehr internationale Hilfe im Land ankommt.

Der Flughafen in Kathmandu ist die Drehscheibe für die Hilfe aus dem Ausland. Dort haben sich seit Samstag lange Schlangen von ausländischen Touristen gebildet, die der Zerstörung entkommen wollen. Derzeit ist Hochsaison in Nepal, es sind rund 300.000 Touristen im Land. Eine junge Inderin ist dabei, die Nerven zu verlieren. "Hier gibt es nichts zu essen und zu trinken. Ich habe zum letzten Mal vor zwei Tagen etwas gegessen. Wir wissen nicht, wo wir schlafen sollen. Letzte Nacht hat es geregnet, wir sind völlig fertig."

Doch für die Urlauber gibt es irgendwann die Chance, den Ort des Schreckens hinter sich zu lassen - während viele Millionen Nepalesen aus den Trümmern etwas Neues aufbauen müssen.

Zum Erdbeben in Nepal sendet das Erste um 20:15 Uhr einen Brennpunkt im Anschluss an die Tagesschau.

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