Emilia Romagna: Gelungener Neuanfang nach dem Erdbeben

Bilanz ein Jahr nach dem schweren Erdbeben

Neuanfang in der Emilia Romagna

Mitten in der Nacht bebte in der Emilia Romagna am 20. Mai 2012 die Erde. Zwischen Modena und Ferrara starben 24 Menschen, Tausende wurden obdachlos. Zudem wurden viele historische Gebäude beschädigt. Ein Jahr später sind die meisten Schäden beseitigt, viele Unternehmen produzieren bereits wieder.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom, zzt. in Ferrara

Lorenzo Ferrari vor dem Löwenturm (Foto: Tilman Kleinjung)
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Lorenzo Ferrari vor dem Löwenturm, der repariert wurde. (Foto: Tilman Kleinjung)

Der Turm am Stadtschloss von Ferrara, am Castello Estense, ist eines der Symbole dieses Erdbebens. Als am 20. Mai vor einem Jahr morgens um 4 Uhr rund 20 Sekunden lang die Erde bebte, da hielt die mächtige Befestigungsanlage stand. Nur der sogenannte Löwenturm war zu schwach für einen Erdstoß der Stärke 5,9. "Der Löwenturm ist zum Teil zusammengestürzt. Die Dachlaterne des Turms, um präziser zu sein. Der Turm selbst ist zwar nicht komplett zusammengebrochen, doch er war kurz davor", erläutert Lorenzo Ferrari, der die Bauabteilung des Castello Estense leitet.

Beim Erdbeben in der Nacht auf den 20. Mai kam er wie die allermeisten Bürger Ferraras mit dem Schrecken davon. "Wir sind aus dem Schlaf hochgeschreckt, durch diesen ohrenbetäubenden Krach. Eine Stunde später waren wir Techniker schon alle unterwegs, um die Schäden aufzunehmen."

Ein Jahr nach dem Erdbeben in der Emilia Romagna
T. Kleinjung, ARD Rom, zzt. Ferrara
20.05.2013 02:47 Uhr

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Kirchen geschlossen, Museen geöffnet

Die prächtigen Palazzi der Stadt, die Kirchen und Schlösser haben am meisten unter dem Erdbeben gelitten. Bis heute sind viele Kirchengebäude noch immer geschlossen - wegen der Einsturzgefahr. Doch die meisten Museen sind schon wieder geöffnet.  

Und auch der Löwenturm des Castello Estense ist pünktlich zum Jahrestag wiederhergestellt. "Ferraras Stärke ist die Kultur, ist das Stadtzentrum. Die Stadt zählt zum Weltkulturerbe. Also müssen wir mit Nachdruck wieder anfangen, das dürfen wir nicht vernachlässigen." Die Stadt war zum Wiederaufbau gezwungen.

Fördermittel für Unternehmen flossen schnell

Dasselbe gilt für die zahlreichen Fabriken, die durch das Erdbeben zerstört wurden. Die Region ist hoch industrialisiert. In Ferrara ist die chemische Industrie besonders stark. In der Umgebung die mechanische Industrie. Kein einziges Unternehmen ist nach dem Erdbeben abgewandert, sagt Marcella Zappaterra, die Präsidentin der Provinz Ferrara stolz. Sie erläutert: "Eine der ersten Maßnahmen war es, den Firmen Fördermittel und Steuererleichterungen zu geben, wenn sie sofort wieder anfangen wollten. Auch wenn dies in einer anderen Gemeinde oder einem anderen Gebiet geschah, Hauptsache in der Region."

Erdbeben in Italien (Bildquelle: dpa)
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In Ferrara stürzten auch diese Gebäude einer Keramikfabrik ein (Archiv) - Fördergelder halfen der Industrie auf die Beine.

Dieser beschädigte Turm in der Gemeinde Finale Emilia brach später zusammen. (Archiv) (Bildquelle: REUTERS)
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Dieser schwer beschädigte Turm in Finale Emilia stürzte später endgültig zusammen - er wurde zu einem Symbol des Bebens. (Archiv)

"Das war eine wichtige Entscheidung"

Die Zeltstädte und improvisierten Unterkünfte für Obdachlose sind bereits im vergangenen September wieder abgebaut worden. Und wer durch die Innenstadt von Ferrara geht, sieht kaum mehr Spuren des Erdbebens. 

Es wäre ungerecht die Erdbebenstädte L’Aquila und Ferrara miteinander zu vergleichen. Das Abruzzen-Erdbeben 2009 war ungleich stärker. Doch offenbar hat man in der Emilia Romagna aus den Fehlern von damals gelernt. "Wir haben sofort gesagt, wir wollen unsere historischen Zentren wieder aufbauen. Wir wollen nicht über New Towns oder neue Satellitenstädte reden. Und das war eine wichtige Entscheidung", zeigt sich Zappaterra überzeugt.

In L’Aquila ist das Stadtzentrum dagegen bis heute verwaist. Doch auch in Ferrara sind 2000 Wohnungen und Häuser noch nicht bewohnbar, sagt der Geologe Marco Stefani. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass renoviert und restauriert wird, aber zu wenig in den Schutz vor einem neuen Erdbeben investiert wird.

Die Angst vor einem neuen Beben

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass es innerhalb eines Jahrhunderts ein sehr viel schlimmeres Erdbeben gibt. Aber sind wir technisch darauf vorbereitet, dass die historischen Bauten nicht zusammenstürzen? Dass neue Häuser perfekt standhalten?", fragt Stefani.

Wie wahrscheinlich ein Erdbeben in Ferrara ist, das haben die Bürger vor zwei Wochen gemerkt. Da bebte die Erde unter ihren Füßen mal wieder. Wenn auch nicht so stark und nicht so lange wie am 20. Mai 2012.

Dieser Beitrag lief am 20. Mai 2013 um 13:15 Uhr im WDR 5.

Stand: 20.05.2013 05:39 Uhr

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